Davis-Cup-Chef Michael Kohlmann - „Viele Fragezeichen beim ATP Cup“

Da deutsche Davis-Cup-Team hat vergangene Woche das Halbfinale beim Davis-Cup-Finalturnier erreicht. Kapitän Michael Kohlmann im tennisnet-Interview über die Tage von Innsbruck und Madrid, die Aussichten für das Treffen in Brasilien und die schwierigste Gruppe beim ATP Cup.

von Jens Huiber
zuletzt bearbeitet: 09.12.2021, 19:19 Uhr

Alexander Zverev und Michael Kohlmann 2017 beim Davis Cup in Frankfurt gegen Belgien
© Getty Images
Alexander Zverev und Michael Kohlmann 2017 beim Davis Cup in Frankfurt gegen Belgien

tennisnet: Herr Kohlmann. Zunächst Innsbruck, dann Madrid. Sie waren mit dem deutschen Davis-Cup-Team zwei Wochen lang unterwegs. War dies die längste Dienstreise in Ihrer Trainerkarriere?

Michael Kohlmann: In Bezug auf den Davis Cup sicherlich. Im Jugendbereich war ich bei U-18-Cups auch schon mal zwei Wochen am Stück unterwegs, mit Vor- und Endrunde, die ineinander übergegangen sind.

tennisnet: Wie wichtig ist da das Team-Building - schon vorab?

Kohlmann: Was in unserer Mannschaft wirklich gewachsen ist, dass die Eckpfeiler der Mannschaft schon seit Jahren zusammenarbeiten. Sich untereinander und auch die Abläufe in- und auswendig kennen. Jeder weiß um seine Aufgabe. Wir verstehen uns im Betreuerteam bestens. Carlo Thränhardt ist ein wenig das Bindeglied zur Mannschaft, auch Basti Arnold als Physiotherapeut hat viel mit den Spielern zu tun. Dasselbe gilt für Tim Kinateder, unseren Doc, oder Dirk Dier. Auch Klaus Eberhard als Sportdirektor gehört zu jenen Personen, die wirklich die letzten sechs Jahre immer dabei waren. Wir kennen uns extrem gut - und die Spieler kennen sie auch gut. Und wissen, was sie von jedem erwarten können. Deshalb passt die Teamchemie auch so gut.

"Das neue Format ist schnelllebig"

tennisnet: Das neue Format hat ja mit sich gebracht, dass die Knock-Out-Matches teilweise sehr schnell über die Bühne gegangen sind. Wie auch das deutsche Aus gegen Russland. In der Gruppe gab es ja wenigstens noch eine zweite Begegnung. Macht dies den Charme des neuen Formats für Sie aus? Oder ist das einer der großen Kritikpunkte? Früher einmal konnte man eine Niederlage am Samstag im Doppel ja evtl. am Sonntag noch ausbügeln.

Kohlmann: Die beiden Systeme kann man überhaupt nicht miteinander vergleichen. Wir haben in den Tagen von Innsbruck und Madrid auch immer wieder besprochen, dass dieses Format sehr, sehr schnelllebig ist. Wir haben das direkt schon in der Gruppe erfahren: Wir gewinnen gegen Serbien und liegen dann einen Tag später gegen Österreich plötzlich 0:1 zurück. Bei einer Niederlage wären wir komplett raus gewesen. Das neue System ist ein bisschen mehr wie ein Turnier gestrickt. Für die Zuschauer muss das am Ende gar nicht so schlecht sein. Im alten System haben wir aber die ganze Woche über auf das Wochenende hingearbeitet - und hatten auch Zeit, mal eine Nacht über etwas zu schlafen und sich neue Varianten auszudenken. Das geht jetzt nicht. Wenn die erste Partie verloren wird, muss ein Sieg her. Sonst ist das Doppel ein Dead Rubber.

tennisnet: So wie bei Ihnen im Halbfinale …

Kohlmann: Für uns war es gegen Russland auch zu schnell. Wir sind gar nicht richtig in die Partie gekommen. Dir Russen haben zwei starke Einzelspieler, die an diesem Tag auch sehr gut gespielt haben. Ich hatte bei Rublev in den Matches davor auch manchmal Schwächephasen gesehen. Dahin haben wir ihn nicht gebracht. Ohne Ausreden zu suchen muss ich aber sagen: Es war nicht so leicht, sich an die im Vergleich zu Innsbruck anderen Bedingungen in Madrid schnell zu gewöhnen. Russland war schon zehn Tage länger in Madrid. Und man hat uns erzählt, dass gerade Andrey Rublev zu Beginn auch einige Probleme hatte.

"Brasilien wird eine große organisatorische Aufgabe"

tennisnet: Nun sind am Wochenende ja auch die Qualifikations-Partien für die Davis-Cup-Finalrunde 2022 ausgelost worden. Deutschland muss nach Brasilien. Kein Traumlos, um es vorsichtig zu formulieren.

Kohlmann: Ich halte Brasilien für eines der Teams, das richtig unangenehm ist. Sie werden gegen uns sicher nicht auf Hartplatz gehen. Sie haben mit Thiago Monteiro einen Top-100-Mann, Thiago Seyboth Wild steht in etwa auf 120, der ist zuhause auch nicht so leicht zu spielen und hat beim 500er in Rio schon im Halbfinale gestanden. Dazu kommt mit Bruno Soares und Marcelo Melo ein richtiges Weltklasse-Doppel. Das ist schon ein knackiges Los. Ich werde so bald als möglich mit den Spielern sprechen, wie deren Planung aussieht. In der Woche davor gibt es mit Acapulco und Dubai zwei Möglichkeiten. Dubai wäre eine zu weite Anreise, Acapulco ist jetzt auch nicht gerade um die Ecke. Das wird eine große organisatorische Aufgabe. So wie das Jahr gelaufen ist, hoffe ich aber schon, dass ich auf den Großteil der Spieler zurückgreifen kann.

tennisnet: Auch auf Alexander Zverev, der dem Finalformat ja nichts abgewinnen kann? Aber vielleicht einem schönen Auswärtsspiel in alter Davis-Cup-Tradition?

Kohlmann: Vielleicht. Dazu kommt, dass mit Marcelo Melo Saschas bester Freund auf der ATP-Tour auf der anderen Seite vielleicht dabei sein wird. Sascha spielt eigentlich immer in Acapulco, ist dort Titelverteidiger. Klar werden wir versuchen, ihn nach Brasilien zu bekommen. Das wird aber erst in ein paar Monaten akut.

"Die deutsche Gruppe beim ATP Cup ist die schwierigste"

tennisnet: Aktueller wird es die dritte Ausgabe des ATP Cups geben. Dort ist Deutschland in eine Gruppe mit Großbritannien, den USA und natürlich wieder Kanada gelost worden. Wie schätzen Sie diese Konstellation ein?

Kohlmann: Wenn ich mir alle Gruppen angucke, glaube ich, dass unsere die schwierigste ist.

tennisnet: Moment, Moment! Was ist mit der Gruppe mit Russland, Italien, Österreich und Australien?

Kohlmann: In allen anderen Gruppen gibt es viele Fragezeichen. Zunächst bei Serbien, ob Djokovic überhaupt spielt. Dann bei den Österreichern, wie weit Dominic Thiem schon ist. Und bei den Griechen, ob Stefanos Tsitsipas nach seiner Operation schon wieder fit ist. In unserer Gruppe sehe ich kein Fragezeichen. Denis Shapovalov und Félix Auger-Aliassime haben den Davis Cup abgesagt, aber nicht aus Verletzungsgründen. Taylor Fitz hat gegen Sascha schon gewonnen, John Isner ist keine schlechte Nummer zwei. Die Briten mit Cameron Norrie und Daniel Evans sind solide. Muss man aber mal erst schlagen. Wenn man sich die sich die Weltranglisten-Platzierungen der zweiten Einzelspieler ansieht, dann ist Jan-Lennard Struff auf Platz 51 der schlechteste.

tennisnet: Im deutschen Team hätte man auch das Comeback der Paarung Kevin Krawietz und Andreas Mies erwarten können. Und Tim Pütz mit seinem Tour-Partner Michael Venus eventuell bei einem parallel stattfindenden Turnier. Nun bilden wie schon beim Davis Cup und bei Olympia in Tokio Krawietz und Pütz das Doppel. War das schon immer der Plan?

Kohlmann: Beim ATP Cup geht es nach Rangliste. Und in der ist Kevin aktuell der beste Doppelspieler und Tim der zweitbeste. Und wenn die beiden nennen, dann sind sie im Team. Außer einer würde verzichten. Der ATP Cup ist aber im finanziellen wie auch im Mannschafts-Bereich etwas Besonderes. Da wollten Kevin und Tim dabeisein. Dadurch war klar, dass die Kombination Krawietz und Mies beim ATP Cup nicht zustande kommt. Das war den Beteiligten schon lange bewusst und damit sind auch alle einverstanden.  

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