Davis Cup: Gerard Piqué und Kosmos - Produkte für die TikTok-Generation

Schneller, kürzer, leichter konsumierbar - auch der Sport unterliegt dem turbokapitalisitischen Zeitgeist. Ohne Rücksicht auf Verluste?

von Stefan Bergmann
zuletzt bearbeitet: 12.11.2022, 22:06 Uhr

© Getty Images
Gerard Piqué und sein Konsortium Kosmos haben bei Tennisliebhabern nur wenige Fans

2018 schlug es in der Tenniswelt ein wie eine Bombe: Gerard Piqué und sein Konsortium Kosmos, dem etwa auch Superinvestor Larry Ellison angehörte, erwarben die Lizenz des größten und traditionsreichsten Mannschaftswettbewerbs im Tennissport, dem Davis Cup. Drei Milliarden US-Dollar versprach der ehemalige Barca-Superstar der ITF für die nächsten 25 Jahre - ein Angebot, das David Haggerty und der Weltverband nicht ablehnen konnten oder wollten.

Einhergehend mit dem Rechtewechsel wurde auch das Austragungsformat völlig auf den Kopf gestellt. Der Wettkampf sollte knapper, kompakter und "spannender" werden - und vor allem medientauglicher, für ein modernes, junges Publikum. Vorbei ist es seitdem mit legendären Heim- und Auswärtsschlachten, mit mehrstündigen Marathonpartien über fünf Sätze. Für viele Fans des weißen Sports der finale Todesstoß für einen Wettbewerb, der schon in den Jahren davor mit einigen Schwierigkeiten zu kämpfen hatte. Vor allem die Mobilisierung der Topstars wurde, ob des engen Terminkorsetts, von Mal zu Mal schwieriger.

Emotionsarme Wegwerf-Produkte

Fünf Jahre nach der nicht gerade geschmeidig verlaufenen Übernahme steht der Davis Cup noch immer in der Kritik. Traditionalisten und eingefleischte Fans boykottieren die Veranstaltung geradezu, ein richtig neues Publikum konnte nicht erreicht werden. Ob die Sache dann in 20 Jahren, wenn der finale Kassasturz bevorstehen sollte, als finanzieller Erfolg verbucht werden kann, wird die Zeit zeigen - allzu viel sollte man darauf aber nicht wetten.

Piqué und Kosmos folgten mit ihrer Umgestaltung des Teamwettbewerbs einem Zeitgeist, der einerseits nach kapitalistisch-wirtschaftlicher Logik durchaus Sinn macht, gesamtgesellschaftlich und psychologisch betrachtet jedoch zu einem immer größeren Problem werden wird. Alles soll schneller, kürzer und leichter konsumierbar sein. Und dazu muss die Show zwar weitergehen, aber ordentlich geschliffen werden. Was oberflächlich betrachtet nach einer guten Idee aussehen mag, erzeugt emotionsarme und dramturgisch schwache Wegwerf-Produkte. Hand aufs Herz - wer kann sich noch wirklich im Detail an eines der letztjährigen Davis-Cup-Finalspiele erinnern? Eben.

Keine Denkverbote mehr

Für die TikTok-Generation, deren Aufmerksamkeitsspanne nicht nur gefühlt immer kürzer und kürzer wird, überlegt Piqué sogar schon offen über Eingriffe in die weltweit gesehen wohl allerheiligste Sportart aller Sportarten, den Fußball. Per Twitch fabulierte der 35-Jährige kürzlich: "Wir müssen ein jüngeres Publikum erreichen. Dafür brauchen wir kürzere, verlockendere Produkte. Mir kommen 90 Minuten wie eine lange Zeit vor."

Fazit: Wenn es um den schnöden Mammon geht, gibt es keine Denkverbote mehr. Was vor kurzem noch für unmöglich galt, läuft, wenn die Summen am Eingangskonto stimmen. Vielleicht wird es aber auch wieder Zeit, Geld nicht als den einzigen menschlichen Reichtum anzusehen. Sind nicht gerade im Sport Emotionen, große Geschichten und der ehrliche Wettstreit die langfristigen Währungen? 

von Stefan Bergmann

Samstag
12.11.2022, 19:52 Uhr
zuletzt bearbeitet: 12.11.2022, 22:06 Uhr