Pro oder contra - Was soll aus dem Davis Cup werden?

Seit die Vorschläge der ITF zu einer Reform des Davis Cups auf dem Tisch liegen, geht es in der Tenniswelt drunter und drüber. Aber ist denn alles an den Plänen von David Haggerty wirklich so schlecht?

von tennisnet
zuletzt bearbeitet: 04.03.2018, 11:34 Uhr

Yannick Noah

Ja, warum denn eigentlich nicht?

PRO: "Why fix it when it ain´t broke", fragt der US-Amerikaner gerne. Und kann es dann halt doch manchmal sein lassen, pfuscht an einer guten Sache herum - und macht diese zumindest kommerziell besser. Im Grunde genommen war nichts falsch mit der Lieblings-Samstagsbeschäftigung der Sportfans im Herbst, dem College Football. In sportlicher Hinsicht. Am Ende der kurzen Saison gab es ein National Championship Game, die Finalisten wurden durch ein etwas obskures System ermittelt, egal, ganz Amerika hat eingeschalten.

Und dann hat die NCAA ohne große Not ein Playoff vor dem Endspiel eingeführt (nicht zu jedermanns Freude) - und sich daran eine goldene Nase verdient. ESPN zahlt für die Übertragungsrechte der Ausscheidungsrunde 470 Millionen US Dollar. Pro Jahr. Die Studenten haben davon leider nichts, dafür werden die Universitäten immer reicher. Und guter Sport wird dennoch geboten.

Die Summen, die David Haggerty für seine ganz besondere Idee einer Davis-Cup-Endrunde ausruft, bewegen sich in ähnlichen Sphären. Drei Milliarden US Dollar für 30 Jahre, das sind im Durchschnitt 120 Millionen pro Jahr. Wird nur die Hälfte davon zu gleichen Teilen an die 18 (diese Anzahl ist allerdings erklärungsbedürftig) ausgeschüttet, blieben pro Verband mehr als drei Millionen US Dollar übrig. Zumal der Aufwand für die Veranstaltung mehrerer Davis-Cup-Wochenenden entfiele. Mit Ausnahme der Verbände Australiens, Frankreichs, Großbritanniens und jenem der USA könnte kaum eine nationale Vereinigung auf ein derart großen Betrag verzichten.

Ein anderer Termin täte gut

Und damit zur emotionalen Seite: Ja, der Schreiber dieser Zeilen ist im Wiener Praterstadion gesessen, als Thomas Muster auf Sand gegen Andre Agassi eines seiner ganz großen Matches geliefert hat. Oder ein paar Jahre später in einem umgebauten Hangar des Flughafens Wien Schwechat, als Österreich gegen die Franzosen gespielt hat. Jürgen Melzer in fünf gegen Gilles Simon. Unvergessliche Momente. Heimspiele im Davis Cup sind etwas Besonderes, keine Frage. Andererseits: Was spricht gegen eine Fanreise zu einem Nationenturnier, bei dem sich die Top-Teams der Tenniswelt treffen? Noch dazu mit mehreren garantierten Auftritten? In den großen Teamsportarten funktioniert dies im Grunde hervorragend, vor allem auch, was die Reiselust der deutschen Anhänger zu Handball-Europameisterschaften, Eishockey WMs oder aber auch den Biathlon-Wettbewerben in PyeongChang anbelangt. Wenn die Identifikation der Spieler mit dem jeweiligen Team stimmt, dann werden auch die Fans mitgerissen.

War es denn nun für Alexander Zverev in Brisbane um so vieles schwieriger, unterstützt von einer kleinen Gruppe eingeschworener Deutschland-Fans, gegen Australien groß aufzuspielen als dies vielleicht in Frankfurt der Fall gewesen wäre? Entsteht nicht erst durch solche Erlebnisse eine besondere Chemie, nicht nur im Team, sondern auch zwischen den Profis und all jenen, die große Siege vor Ort live miterlebt haben?

Und überhaupt Alexander Zverev (der sich zum Thema noch nicht geäußert hat): Die deutsche Nummer eins gehört einer Generation an, die die Tradition im Tennissport zwar schätzt, für Neues aber offen erscheint. Zverev, Nick Kyrgios, Denis Shapovalov, Andrey Rublev - diese Spieler werden den Tennissport während der kommenden Jahre prägen. Und wenn es im Rahmen eines ganz neuen Events nach Vorschlag von David Haggerty ist - warum nicht?

Denn im Unterschied zum amerikanischen College Football liegt beim Davis Cup seit einigen Jahren vieles im Argen. Boris Becker hat dies mit "verstaubt" noch sanft umschrieben. Aber wenn sich alle Beteiligten an einen Tisch setzen, wird sich auch ein besserer Termin finden lassen als nach Abschluss der regulären Saison.

Jens Huiber

Ja, warum denn eigentlich?

CONTRA: Fragt man ihn nach dem "größten Match", das er je gespielt habe, dann antwortet Boris Becker: "Hartford - 1987!" Das legendäre Davis-Cup-Duell in den USA - gegen John McEnroe. Der 3:2-Sieg der DTB-Auswahl, ein sportliches Drama in mehrerer Akten, ging in die Tennis-Geschichte ein. Nicht zuletzt wegen des Duells Becker vs McEnroe über 6:21 Stunden, das der Deutsche mit 4:6, 15:13, 8:10, 6:2, 6:2 gewann. "Das war ein Krieg", sagte er später über die denkwürdige Schlacht mit wüsten Beschimpfungen und allerlei Mätzchen aus der Psychokiste, an die sich auch knapp 31 Jahre danach nicht nur eingefleischte Tennis-Fans erinnern können.

Das Foto, das Becker zeigt, wie er nach vollbrachter Tat am Schlusstag stolz mit der deutschen Fahne über den Court im Hexenkessel Civic Center läuft - ausgepfiffen von knapp 16.000 Amerikanern - ging um die Welt. Dieses Sommer-Wochenende im Juli 1987 war Davis Cup pur. Die drei Tage stehen auch heute noch stellvertretend für das, was den traditionellen Mannschafts-Wettbewerb in der Einzelsportart Tennis ausmacht: Sie stehen für gelebte Emotionen, die sich sicher nicht entfalten können, wenn sie in einen siebentägigen Wettbewerb mit Ländervergleichen am Fließband gezwängt werden. Und das im November, am Ende einer ohnehin schon Saison, am Ende der Welt, wahrscheinlich irgendwo in Asien. Und das schlimmste: Auf neutralem Boden.

Wenn der reizvolle Heim-/Auswärts-Faktor flöten geht, ist das der Anfang vom Ende des bedeutendsten Team-Events im Tennissport. Dann verliert der Davis Cup seine Identität - und damit seine Seele. Er wird nicht weiter existent sein, wenn ITF-Präsident David Haggerty dank einer Milliardenspritze eines (!!!) Investors seine überraschenden und mit den Protagonisten offenbar nicht abgesprochenen Pläne in die Tat umsetzt. Nach dem Motto: Koste es, was es wolle !!! Und was ist am Festhalten an Traditionen schlecht? Die Classic Coke, die "Rote" mit alter Rezeptur, ist seit Jahrzehnten der Quotenhit. Und Nutella sollte halt dunkelbraun sein.

Klar, das aktuelle Davis-Cup-Format muss überdacht werden, weil es angesichts der immer immenser werdenden Belastung der Profis auf der Tour einfach nicht mehr ganz zeitgemäß ist. Stichpunkt: Best-of-five-Matches. Eine kleine Frischzellenkur, sprich ein paar Neuerungen hier und dort - in Absprache mit den Spielern! - würde das zugegebenermaßen etwas in die Jahre gekommene Antlitz des Wettbewerbs wieder erstrahlen lassen.

Keine Stars mehr am Start

Der offenbar beratungsresistente Haggerty aber plant den Davis Cup aus der Retorte, der dann "World Cup of Tennis" heißt. Frankenstein lässt grüßen. Er selbst verkauft es als sanfte Radikalkur. In Wahrheit ist es eine 2.0-Version des früheren World Team Cups in Düsseldorf. Dass der streitbare Amerikaner inmitten seiner Willkür und Reformwut offenbar vergessen hat, ein Modell für die Zukunfts des Fed Cups vorzulegen, ist ein weiteres Kapitel in der Serie "Pleiten, Pech und Pannen mit Haggerty". Und es ist einfach respektlos.

Ein Nationen-Turnier noch im Anschluss an das ATP-Finale der besten acht Spieler Mitte November wird dafür sorgen, dass noch mehr Stars dem Mannschafts-Wettbewerb fern bleiben. Dabei ist die Abstinenz der ganz Großen im Davis Cup eines der Hauptthemen, warum überhaupt über Änderungen am Modus nachgedacht wird. Roger Federer und Rafael Nadal wird man so oder so nicht mehr locken können. Beide haben die "Salatschüssel" mindestens einmal gewonnen. Es ist bezeichnend, dass sich der Schweizer und der Spanier erst mit der Davis-Cup-Trophäe im Arm als "komplette Tennis-Heroen" fühlten.

Ach ja, beim Duell zwischen den USA und Deutschland 1987 ging es nicht um den Endspiel- oder Halbfinal-Einzug. Es war eine Partie um den Verbleib in der Weltgruppe der besten 16 Teams. Ein Kampf um sportliche Überleben, der elektrisierte, weil die Rahmenbedingungen stimmten. Nachzufragen bei Boris Becker.

Ulrike Weinrich

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