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Der Holper-Start in die australischen Tenniswochen – Auch Kerber nun von regulärer Quarantäne betroffen

Mitten in der Schar an Spielern, die aufgrund positiver COVID-19-Fällen in den Flügen nach Down Under, befindet sich auch Deutschlands Nummer eins: Angelique Kerber. 

von Jörg Allmeroth
zuletzt bearbeitet: 17.01.2021, 18:47 Uhr

Angelique Kerber befindet sich derzeit in "harter Quarantäne"
Angelique Kerber befindet sich derzeit in "harter Quarantäne"

Aus ihrem Hotelzimmer im „Grand Hyatt“ hat Angelique Kerber in diesen Tagen einen durchaus erhabenen Blick auf Melbourne. Als sie am Freitag gerade mit einem Charterflug aus Abu Dhabi in der Metropole des australischen Bundesstaates Victoria angekommen war, verschickte sie für ihre Internet-Fangemeinde bald darauf ein Foto, das sie vor dem Hintergrund der Wolkenkratzer-Schluchten zeigte. Kerber schrieb dazu, sie werde sich nun in die obligatorische 14-tägige Quarantäne begeben, unterbrochen nur durch die täglichen fünf Stunden, in denen Tennistraining und sonstiges Übungsprogramm für die Australian Open möglich sei. Alles in allem sei es „kein schlechter Start“, endete die kleine Nachricht im Internet an ihre Fangemeinde.

Inzwischen ist die Lage etwas komplizierter, allerdings auch nicht wirklich schlecht geworden für Kerber und den restlichen Tennis-Wanderzirkus. Nachdem auf mehreren Charterflügen, die eigens von den Grand Slam-Machern in Los Angeles und dem Mittleren Osten bereitgestellt worden waren, Corona-Infektionsfälle registriert worden waren, mussten sich gut 60 Spieler in die reguläre Quarantäne begeben. Kerber und die anderen Tennisprofis dürfen nun vierzehn Tage lang ihr Hotelzimmer nicht verlassen, erst Ende Januar werden sie sich dann eine Woche lang auf das erste Major-Turnier der Saison vorbereiten können. Kerber nahm die Störung mit dem gewohnten Pragmatismus auf und versprach, nun „das Beste“ aus der Situation machen zu wollen.

Artem Sitak "Stimme der Vernunft"

Kerber hätte sich gewiß auch gegen den Eindruck gewehrt, es handele sich nun um einen „Quarantäne-Schock“ oder „Corona-Chaos“ in Melbourne. Solche Schlagzeilen wurden am Wochenende gern verbreitet, dabei ist die vermeintlich spezielle Quarantäne für die etwa 60 Tennisprofis bloß die Quarantäne, der sich absolut jeder Einreisende nach Australien gegenwärtig unterziehen muss – auch australische Bürger selbst, die nach teils monatelanger Odysee wieder auf den Fünften Kontinent zurückkehren dürfen. Auf seinem Instagram-Kanal entpuppte sich da der neuseeländische Doppelspezialist Artem Sitak als Stimme der Vernunft: Er rief seinen Kollegen und Kolleginnen in Erinnerung, was „Australien in der Zeit eines monatelangen Lockdowns“ habe durchmachen müssen und wie privilegiert die Austragung des Turniers in diesen Zeiten sei. Zudem sei jedem Spieler klar gewesen, dass es jederzeit zu unvorhergesehenen Komplikationen werde kommen können. Nicht alle hätten offenbar genau bei den Meetings im Vorfeld zugehört, er sei erstaunt gewesen, „wie wenige da überhaupt zugeschaltet waren.“

Die verwöhnten Klagen mancher Berufsspieler über die Unbill der Quarantäne treffen auf eine Öffentlichkeit, die dem Grand Slam-Spektakel in Melbourne in diesen Ausnahmezeiten ohenhin mehr als skeptisch gegenübersieht. Victorias Premier Dan Andrews, der nach langwierigen Verhandlungen mit Tennis Australia- und Grand Slam-Chef Craig Tiley das Grüne Licht für das Turnier im Februar gab, steht von großen Teilen der Bevölkerung, der politischen Opposition und anderen lokalen Regierungschefs schwer unter Beschuß. Was vor allem damit zu tun hat, dass noch immer fast 40.000 verzweifelte Australier weltweit auf die Rückkehr in ihr Heimatland warten, während nun eine exklusive Luftbrücke für die 1.200 Mitglieder der sogenannten Tennisfamilie etabliert wurde. 

Kritik an der Austragung reißt nicht ab

Unter dem Hashtag #strandedaussies machten sich schon vor den Corona-Fällen auf den Tennis-Charterflügen Familienangehörige und Gestrandete ihrer Wut unüberhörbar Luft. Einer der prominentesten Kritiker des Australian Open-Sonderwegs ist im übrigen der Chef der australischen Luftlinie Qantas, Alan Joyce. Er verurteilte die Austragung mit staatlicher Unterstützung als „politisch bizarr“, mit „zerstörerischen“ Konsequenzen für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Nachdem die Kontingente für rückkehrende Australier gerade erst wegen der Virus-Mutationen jäh wieder um 50 Prozent gekürzt wurden, strich Qantas-Konkurrent Emirates zu allem Überdruß einen Großteil der wichtigen Verbindungen nach Australien. 

Kein Wunder, dass die sonst sportverrückten Australier und Australian Open-Liebhaber es wenig spaßig finden, wenn sich mancher Profi im Internet-Universum über die Qualität des Essens in der Quarantäne-Zeit beklagt. Oder darüber lamentiert, dass nach einem oder zwei Corona-Fällen in den Charterjets alle anderen Passagiere in die Isolation müssen. Erste leichte Verstöße gegen die härteren Quarantäne-Auflagen (einige Profis öffneten ihre Hotelzimmer, um untereinander zu kommunizieren) wurden mit zusätzlichem Unmut zur Kenntnis genommen. 

Social-Media Nutzer wiesen darauf hin, dass am Ende des selbstgewählten, von den Grand Slam-Machern bezahlten Trips in den australischen Hochsommer immerhin für jeden Erstrunden-Verlierer im Einzel in Melbourne ein Preisgeld von 100.000 Dollar bereit stünde. Viele Tausend Australier bangten derweil um ihre nackte Existenz inmitten von Arbeitslosigkeit und finanziellen Engpässen. Es sei nicht die Zeit, so Tennisprofi Simak aus Neuseeland, „sich über Kleinigkeiten aufzuregen“, sondern sich zu freuen, „unter diesen Umständen hier in Melbourne zu sein.“ 

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