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"Eindeutig eine neue Epoche" - Viel Lob für Australian-Open-Siegerin Naomi Osaka

Naomi Osaka hat mit einem beeindruckenden Finale die Australian Open 2021 für sich entschieden - und ist die Frau, an der sich die Tour aktuell ausrichtet.

von Jörg Allmeroth
zuletzt bearbeitet: 21.02.2021, 14:49 Uhr

Naomi Osaka
© Getty Images
Naomi Osaka

Die Szene, die zwei Grand-Slam-Wochen in Melbourne prägte, spielte sich schon vor dem Endspielabend in der Rod Laver-Arena ab. Es war die Szene, die darauf hindeutete, welche Machtverschiebung sich im weltweiten Damentennis bei diesen Australian Open des Jahres 2021 bestätigen und sogar verfestigen sollte – Serena Williams war an diesem historischen Augenblick beteiligt, als sie nach ihrer Halbfinalniederlage ebenso traurig wie wehmütig den Centre Court verließ und dabei noch die Hand auf ihr Herz legte zum Abschied. Und dann war da noch die Siegerin jenes denkwürdigen Matches, Japans Naomi Osaka, die symbolbeladen einfach noch da war, als Williams die Kampfstätte verlassen hatte.

Die Königin vergangener Tage war geschlagen, von der neuen Königin im Hier und Jetzt. Von der 23-jährigen Osaka, die 52 Stunden später dann mit ihrem 6:4, 6:3-Finalerfolg über Jennifer Brady (USA) souverän und zupackend bestätigte, dass eine andere Zeitrechnung, ein anderes Zeitalter in diesem Sport angebrochen ist. Die Uhr von Williams ist abgelaufen, wahrscheinlich auch die Chance, den ewigen Grand-Slam-Rekord mit 24 Titeln wenigstens einzustellen. Und Osaka ist nun die bestimmende Kraft, der Fixstern im Grand-Slam-Kosmos, die Spielerin, die es regelmäßig zu schlagen gilt, wenn die großen, kostbaren Pokale vergeben werden. „Das ist jetzt die Ära Osaka“, sagte Altmeisterin Martina Navratilova, „an ihr muss sich der Rest des Circuits ausrichten.“ Auch wenn Osaka schwarz auf weiß nur als Nummer 2 der Weltrangliste platziert ist, auch wegen der Corona-Sonderreglungen in der Berechnung, nimmt sie gefühlt eindeutig die Poleposition ein. 

Becker über Osaka: "Star für die ganze Welt mit Ausstrahlung und Charisma"

Mit Osakas inzwischen bestechender Grand-Slam-Bilanz – sie gewann vier der acht letzten Majors, siegte in jedem ihrer Finals – endet auch eine gewisse Beliebigkeit und Uneindeutigkeit im Frauentennis. „Das ist eindeutig eine neue Epoche“, gab Beobachter Boris Becker zu Protokoll und fügte hinzu, wie unbehaglich er sich mit den letzten Jahren im Frauentennis gefühlt habe: „Zu viele verschiedene Siegerinnen, keine klare Hierarchie.“ Nun aber, so Becker, „ist ein wirklicher Star da, ein Star für die ganze Welt mit Ausstrahlung und Charisma.“ Rein sportlich glänzte die vom Belgier Wim Fissette trainierte Osaka bei diesem ungewöhnlichen Grand-Slam-Termin mit ihrer intuitiv brillanten Spielgestaltung, mit Power und Präzision – und auch mit kühler Nervenkraft in herausfordernden Lagen. Gegen die äußerst formstarke Spanierin Garbine Muguruza wehrte sie im Achtelfinale und dem wohl besten Turniermatch überhaupt sogar einen Matchball ab.

Was Osaka genau wie die Großen und Größten der Vergangenheit auszeichnet, ist die Qualität, in der zugespitzten Turnierphase fast immer die besten Leistungen abzurufen. „Ich liebe diese entscheidenden Spiele. Die holen das Stärkste aus mir heraus“, sagt die 23-jährige, die lange Zeit von den Beobachtern des Tenniszirkus gern unterschätzt wurde. Weil die Japanerin abseits der Courts immer etwas mysteriös, unergründlich und sogar weltentrückt im Auftreten wirkte, traute man ihr am Arbeitsplatz nicht die nötige Härte und Entschlossenheit zu. Ein ehemaliges Ass wie Ex-Nummer eins Chris Evert wunderte sich indes schon mehr als einmal, „wie unterbewertet Naomi immer noch ist: Trotz aller Erfolge, trotz ihrer genialen Qualitäten.“

Naomi Osaka erhebt ihre Stimme

Nach ihren ersten größeren Erfolgen hatte Osaka mit der jähen Prominenz und dem zu einnehmenden Interesse an ihrer Person schwer zu kämpfen. Als sie ihren ersten Toptrainer Sascha Bajin überraschend verstieß, stürzte sie sogar im massiven Shitstorm der eigenen Fans in die Krise ab. Aber nachhaltig war dieser Rückschlag nicht, Osaka wuchs mit der Bewährungsprobe, wieder sportlich Fuß zu fassen. Und mehr und mehr meldete sie sich auch zu Themen zu Wort, die nichts mit Vor- und Rückhand, Volley oder Stopp zu tun hatten. Nach dem Skandal um den von Polizisten sieben Mal in den Rücken geschossenen Jacob Blake schloss sich Osaka im letzten Spätsommer den landesweiten Protesten in den USA an, verweigerte beim Turnier in Cincinnati sogar ihren Halbfinalauftritt. „Nur weil ich oft ruhig erscheine, heißt es nicht, dass ich keinen Einfluss habe. Nur weil ich bescheiden bin, heißt es nicht, dass ich nicht selbstbewusst bin“, erklärte sie am Randes ihres erfolgreichen Titellaufs bei den US Open 2020.

Auf dem Centre Court strahlt sie mittlerweile eine frappierende Sicherheit und Überzeugung aus, vier Grand-Slam-Siege bei den ersten vier Finalauftritten sprechen eine deutliche Sprache. „Sie ist jemand, der sich auf der großen Bühne wohl fühlt. Mehr denn je“, sagt die Belgierin Kim Clijsters, die neben den Williams-Schwestern Serena und Venus und nun auch Osaka als einzige aktive Spielerin vier Grand Slam-Titel gewonnen hat. Bei welcher Gesamtzahl Osaka dereinst landen wird, das dürfte auch davon abhängen, wie sehr sie ihre leichte Sand-Aversion und eine erstaunliche Rasen-Allergie überwinden kann. Bei den French Open und in Wimbledon kam die Japanerin bisher nie über die dritte Runde hinaus – ein scharfer Kontrast zum Titel-Doppelback jeweils in New York und in Melbourne. „Ich habe noch viel Zeit. Sehr viel sogar“, lächelte Osaka am Samstag, als sie auf dieses Ungleichgewicht angesprochen wurde, „ich werde auch da noch meine Wege finden. Ich habe das Gefühl, es hat gerade angefangen für mich.“

Sie hat tatsächlich erst begonnen, die Ära von Naomi Osaka. 

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