Maria Sharapova - die polarisierende Ikone

Mit Maria Sharapova verlässt eine Ikone, die auch gegen die Scheinheiligkeiten der Branche agierte, den Tenniszirkus. Aber eben auch eine Großschadens-Sünderin, die sich vom Dopingfall nicht mehr erholte. Und die immer im Schatten von Serena Williams stand.

von Jörg Allmeroth
zuletzt bearbeitet: 27.02.2020, 08:15 Uhr

Maria Sharapova 2015 in Brisbane
© Jürgen Hasenkopf
Maria Sharapova 2015 in Brisbane

Am Ende war sie zwischen Valerija Strakhova (Ukraine) und Tereza Smitkova (Tschechien) gelandet. Auf Platz 373 der Weltrangliste, im Niemandsland der Tenniswelt. Maria Sharapova war weit entfernt von den hohen Ansprüchen, die sie professionell an sich stellte. Sie war auch weit weg von den Jüngeren und Jüngsten, die zuletzt regelmäßig die Hierarchie des Frauentennis durcheinandergewirbelt hatten, ob Naomi Osaka (Japan), ob Bianca Andreescu (Kanada) oder zuletzt Sofia Kenin, die 21-jährige Amerikanerin, die vor knapp einem Monat die Australian Open gewonnen hatte. Sharapova war nur noch irgendwie dabei, aber nicht mehr mittendrin im Geschehen. Niemanden in der Hochgeschwindigkeitsbranche überraschte noch wirklich, dass die 32-jährige Russin mit Wohnsitz Kalifornien am Mittwoch in einem letzten durchgestylten Moment verkündete: „Tennis – ich verabschiede mich.“

Wenn nicht alles täuscht, wird es kein Wiedersehen mit der kühlen, eleganten Blondine im Tross der Berufsspielerinnen geben. Sharapova hat längst schon andere Interessen verfolgt, jenseits des Tennis, als Modedesignerin, als Produzentin von Süßwaren, als Vortragsreisende in der Wirtschaftswelt. Die übliche Verlängerung der Karriere als Trainerin, Beraterin oder TV-Expertin im Wanderzirkus wird nicht Sharapovas Sache sein, sie hat unlängst schon einmal angekündigt, sich noch mehr ihren Interessen in der Architektur- und Modeszene widmen zu wollen. Tennis wird sie nur noch aus angemessener Distanz betrachten – und mit angemessener Distanz. Es war ja ohnehin nie ihr einziges Himmelreich, ganz besonders nicht mehr in der eher quälenden Schlussphase ihrer Laufbahn, die geprägt war vom Stigma der Dopingsünde und von einer Serie mehr oder minder schwerer Verletzungen. 2019 hatte die Russin nur noch 15 Matches weltweit bestritten, sie gewann acht, sie verlor sieben. Es war ein Jammer, auch und besonders aus ihrer kritischen Selbstbetrachtung.

Sharapova erholte sich nicht vom Super-GAU

Ändern konnte dieser verdunkelte Abschied aber nichts an der Tatsache, dass Sharapova mehr als ein Jahrzehnt eine der prägenden Figuren ihres Sports war – eine in vielerlei Hinsicht außergewöhnliche, polarisierende Erscheinung, eine Diva mit einer guten Portion Arroganz, eine Stilikone, die bestverdienende Sportlerin des Planeten überhaupt, ein Geschenk des Himmels für Marketing- und PR-Leute. Dann aber auch eine der prominentesten, wenn nicht die prominenteste Sportperson, die über die Einnahme unerlaubter Mittel (Meldonium) strauchelte und in einem Hotel in Los Angeles Anfang März 2016 vor der Weltöffentlichkeit als Büßerin auftrat. „Ich habe einen Riesenfehler gemacht. Ich habe meinen Sport im Stich gelassen“, sagte Sharapova damals. Sie hatte vor allem sich selbst verraten, das Bild von einer Athletin, die ausschließlich mit eiserner Disziplin, höchster Willenskraft und enormem Selbstbewusstsein ihre nicht kleinen Ziele anvisierte – und auch erreichte. Was viele damals ahnten und prophezeiten, wurde dann auch Wirklichkeit: Von diesem Großschadensfall, diesem Super-GAU, erholte sich Sharapova nie mehr wirklich. Sie wirkte wie eine Geächtete im Kreis der Wettbewerberinnen, die 15 Monate Sperre waren auch nicht mehr wettzumachen oder aufzuholen.

Sharapova war in ihren besten Zeiten ein Solitär in der Glitzer- und Glamourwelt des Frauentennis. Auch weil sie sich den gewohnten Mechanismen, den Scheinheiligkeiten auf der Tour entzog. Die Russin war so nüchtern geschäftsorientiert, dass sie wie eine Arbeitnehmerin erschien, die auf die Turnieranlage mit einer Stechuhr-Mentalität kam. Einstempeln, Match bestreiten, Ausstempeln. „Ich will meine Zeit optimal ausnutzen, nicht stundenlang bei einem Turnier herumsitzen“, sagte sie. Max Eisenbud, der geschäftstüchtige Macher hinter dem Sharapova-Imperium, bezeichnete seine Chefin einmal als „erstaunliche Maschine.“ Was damit gemeint sei, beantwortete Sharapova selbst so: „Ich bin niemand, der lange stillsitzen kann. Jede Sekunde, jede Stunde, jeder Tag soll mir etwas bringen. Wenn ich nach einem Match auf der Massagebank liege, kann es sein, dass ich die Entwürfe der nächsten Tenniskollektion zeichne.“

Serena Williams als große Spielverderberin

Sharapova strebte keine Freundschaften mit Kolleginnen an, sie fand sie sogar hinderlich. „Du gehst doch nicht mit jemandem zum Essen aus, gegen den du am nächsten Tag im Finale spielen sollst“, hämmerte sie als Satz mit Ausrufezeichen in die Kuschelatmosphäre des Tennisbetriebs. Sie redete auch nicht lange um ihre maximalen Ansprüche herum, um das, was am Ende ihrer Anstrengungen stehen sollte: „Es gibt nichts Schlimmeres, als mit der kleinen Trophäe der Verliererin auf einem Centre Court zu stehen und rüber zur Siegerin zu schauen. Diese Momente hasse ich. Aber sie treiben mich auch an, mich immer zu überprüfen.“ Später in ihrem Leben bekamen solche Worte unwillkürlich einen schalen Beigeschmack, sie hatten auf einmal eine gefährlich doppelte Bedeutung.

Sharapova gewann als eine der wenigen Spielerinnen der Tennisgeschichte wenigstens einmal bei allen vier Grand-Slam-Turnieren. Der erste Major-Sieg war die Verwirklichung einer Tellerwäscher-Millionärs-Story, denn am Rande des Triumphs als Teenagerin in Wimbledon 2004 wurde immer wieder die Erzählung verbreitet, wie Vater Juri und Tochter Maria zehn Jahre zuvor mit bloß 700 Dollar in den USA angekommen waren und sogar Mutter Jelena zunächst in der Heimat gelassen hatten. Sharapova schlug damals auf dem berühmtesten Court der Welt Serena Williams, es schien eine Wachablösung zu sein. Doch Williams sollte sich zur großen Spielverderberin, zur Nemesis von Sharapova entwickeln. Die Amerikanerin klaute Sharapova die schönsten Trophäen mit Regelmäßigkeit, sie verlor von 2005 an kein einziges Spiel mehr, die Gesamtbilanz lautete 20:2 gegen Sharapova. Als sie sich das letzte Mal trafen, 2019 bei den US Open, siegte Williams 6:1 und 6:1. Es war eine Partie, die nur noch ein matter Abglanz früherer Duelle war, fast schon ein Trauerspiel.

Nun ist alles vorbei. Für Sharapova. Sie habe dem Tennis ihr  Leben gegeben, und Tennis habe ihr ein Leben geschenkt. Große Worte, rührende Worte beim Abgang. Aber Sharapova ist schon seit vielen Jahren in ein anderes Leben eingetreten. Ohne Tennis. Der Schmerz beim Goodbye hält sich ehrlicher Weise inzwischen in Grenzen.

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