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Novak Djokovic vs. Roger Federer - ein Drama in fünf Akten

Das Wimbledonfinale der Herren zwischen Novak Djokovic und Roger Federer war an Dramatik nicht zu überbieten - schlussendlich setzte sich der Weltranglistenerste aus Serbien mit 13:12 im alles entscheidenden fünften Satz durch-

von Jörg Allmeroth
zuletzt bearbeitet: 15.07.2019, 08:20 Uhr

Novak Djokovic und Roger Federer in Wimbledon
© Getty Images
Novak Djokovic und Roger Federer

Er spielte gegen den sentimentalen Publikumsfavoriten, auch gegen das große Tennismärchen von Wimbledon. Doch am Ende eines historischen, nervenzehrenden Tages auf dem berühmtesten Centre Court der Welt hatte Novak Djokovic (32) seinen kostbaren Titel im grünen Tennisparadies mit eiserner Willensstärke verteidigt und so die emotional berührende Rekordjagd von Altmeister Roger Federer gestoppt. Nach seinem dramatischen, fünf Stunden und zwei Minuten währenden 7:6 (5), 1:6, 7:6 (4), 4:6, 13:12 (3)-Sieg über den 37-jährigen Schweizer Maestro versagte sich Djokovic zunächst jede Triumphgeste, ehe er auf den Boden ging, ein paar Grashalme in den Mund steckte und sich dann mehrfach auf sein Herz klopfte - Ausdruck seiner trotzigen Beharrungskraft in diesem epischen Fight. Ausgerechnet der erstmals im Schlusssatz geltende Tiebreak entschied in diesem Allzeit-Klassiker über Sieg und Niederlage, über Triumph und Tragik.

„Es ist ein Moment des großen Glücks jetzt, ein unglaublicher, ein unvergesslicher Erfolg. Das war das aufregendste Finale in Wimbledon, in dem ich je gespielt habe, es fühlt sich alles surreal an“, sagte Djokovic, der zum zweiten Mal in seiner Karriere den Pokalcoup wiederholte, so wie schon 2014 und 2015, als er jeweils gegen Federer gewann. Federer scheiterte 16 Jahre nach seinem allerersten Triumph auf dem Tennisgrün daran, wieder und noch einmal die Zeit zurückdrehen – mit einem neunten Rekordtitel hätte er mit Martina Navratilova, der überragenden Seriengewinnerin bei den Frauen, gleichziehen können. „Ich bin traurig jetzt, aber auch stolz auf das, was ich geleistet habe. Ich hoffe, ich kann das schnell vergessen“, sagte Federer, der auch bei den Offenen Englischen Meisterschaften 2019 letztlich nicht die Herausforderung stemmen konnte, einmal in seiner Karriere sowohl Nadal wie auch Djokovic während eines Turniers zu bezwingen. Beim Stand von 8:7 und 40:15 im fünften Satz hatte Federer sogar zwei Matchbälle vergeben.

Djokovic attackiert den Grand-Slam-Rekord

Das Finale, es war auch ein Spiel, das die Tennis-Historie verändern könnte. Denn mit nun 16 Grand Slam-Titeln schloss Djokovic noch näher auf zu Rafael Nadal und Roger Federer – zu jenem Duo, das sich einst die Welt des Wanderzirkus untereinander aufgeteilt hatte, bis der Serbe kam. Federer hat 20 Major-Siege, Nadal 18 Grand Slam-Titel, aber Djokovic scheint in der Lage, diese Marken zu übertreffen. Das Alter und die Allroundqualitäten sprechen für ihn, den alten und neuen Wimbledon-Regenten, den Mann, der Hausherr im Garten Eden der Szene blieb und Federers Rückkehr auf den Thron abwehrte. „Es hat unheimlich Nerven gekostet. Dieses Spiel war verrückt in seinen Höhen und Tiefen“, sagte Djokovic.

Es hat unheimlich Nerven gekostet.

Novak Djokovic

Das Finale der beiden Tennisgiganten, die 48. Auflage von Federer kontra Djokovic, war eine schwer ausrechenbare Angelegenheit, von Gewissheiten konnte bei einer irritierenden Achterbahnfahrt nicht die Rede sein. Federer legte im ersten Satz mit einem Feuerwerk von brillanten Schlägen los, er war der eindeutig bessere Mann, aber in den wegweisenden Momenten konnte er seine großen Chancen nicht nutzen. Das galt dann auch für das Lotteriespiel des Tiebreak, in dem der alte Meister nach einem 1:3-Defizit zum 5:3 wegstürmte – nur um dann die nächsten vier Punkte zum 5:7 und den ersten Endspielakt frustrierend zu verlieren. „Es wird schwer für ihn, sich davon zu erholen. Da muss der Ärger groß sein beim Maestro“, unkte TV-Experte Boris Becker.

Er sollte sich wie irren, wie wahrscheinlich das Gros der Fans und Beobachter. Denn zu Beginn des zweiten Satzes erlebte Djokovic einen fürchterlichen Einbruch, gerade so, als sitze ihm, dem Gewinner des vorangegangenen Tiebreak-Dramas, irgendwie noch die Anspannung in den Knochen. Breaks zum 1:0 und 3:0 brachten Federer zurück in die Spur, nach nur 25 Minuten Spielzeit war dann „einer der verrücktesten Sätze in diesem Turnier“ (John McEnroe) auch schon zu Ende, mit 6:1 für den Schweizer. Es war gewissermaßen die Umkehrung des Halbfinale von Federer gegen Nadal – da hatte Federer den ersten Satz hauchdünn gewonnen, ehe er Satz zwei nahezu chancenlos in kaum einer halben Stunde abgab.

Djokovic in den Tiebreaks zur Stelle

Djokovic nahm sich eine kurze Auszeit, er wechselte in den Katakomben seinen Dress – und wirkte dann auch selbst wie eine ausgetauschte Marke. Der Serbe und der Schweizer bewegten sich jedenfalls wieder auf Augenhöhe, schnell gewannen beide ihre Servicespiele, wenig war gegen den Aufschläger zu holen. Wieder musste der Tiebreak entscheiden, und wieder hatte Djokovic das bessere Ende für sich, er führte nun mit 2:1-Sätzen. Aber wieder verspielte der Djoker seine Vorteile, nutzte das sogenannte Momentum nicht. Zwei Aufschlagverluste – schon war Federer wieder weggezogen und entschied den vierten Durchgang mit 6:4 für sich. Alles war wieder auf Null gestellt, nach rund drei Stunden Spielzeit.

Djokovic ging verschwenderisch mit seinen Möglichkeiten um, auch noch einmal in diesem letzten, alles entscheidenden Akt. Drei Breakbälle bei einer 2:1-Führung ließ er verstreichen. Aber der Serbe steckte es weg, holte sich dann das Break zum 4:2, verlor seinen Aufschlag aber umgehend wieder zum 4:3. Federer glich in den Turbulenzen zum 4:4 aus, er holte sich das Break zum 8:7, vergab zwei Matchbälle. Es ging weiter, immer weiter, in die Verlängerung der Verlängerung. 9:9, 10:10, 11:11. 12:12, dann er erste Tiebreak in einem Wimbledon-Finale. Mit Djokovic als glücklicherem von zwei sensationellen Spielern.

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