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Olympische Spiele: Federer, Nadal, Thiem und Co. - Absagenflut für die Geisterspiele

Immer mehr Tennisprofis sagen die Olympischen Spiele in Tokio ab - teils verletzungsbedingt, teils aufgrund des Zuschauerausschlusses.

von Jörg Allmeroth
zuletzt bearbeitet: 14.07.2021, 15:36 Uhr

Das Foto, das Roger Federer am Dienstagabend auf seinen Internet-Kanälen verbreitete, zeigte ihn in stolzer Pose. Als Fahnenträger hatte er die Schweizer Olympiaauswahl vor zwölf Jahren in Peking angeführt, lächelnd winkte der Tennis-Superstar damals den Zuschauern zu. In Chinas Hauptstadt verpasste er 2008 das ersehnte Einzelgold, allerdings stand Federer zusammen mit seinem Kumpel Stan Wawrinka in der Doppelkonkurrenz ganz oben auf dem Treppchen.

Das Gold als Solist wird Federer nicht mehr einsammeln können, es wird eine der wenigen Lücken in seiner Trophäensammlung bleiben. Denn auch der 39-jährige Superstar wird bei den Geisterspielen von Tokio fehlen, er begründete seine Absage mit einem kleineren Verletzungs-Rückschlag in den letzten Turnierwochen. Allerdings gibt es bei Federer genau so wie bei vielen anderen aus dem Tennis-Profikosmos Hintergedanken – die fehlende Atmosphäre ohne Fans und die schwierigen Corona-Auflagen sind nicht gerade ein Motivationstreiber, die Reise nach Asien inmitten eines sowieso prall gefüllten Terminkalenders auf sich zu nehmen. Er sei „sehr enttäuscht, denn es war jedes Mal eine Ehre und ein Höhepunkt meiner Karriere, wenn ich die Schweiz vertreten konnte“, schrieb Federer, der bereits bei den Spielen von Sydney 2000 an den Start ging und 2012 in London die Silbermedaille gewann. 

Olympia? Thiem, Kyrgios, Nadal raus - Djokovic noch offen

In der zweiten Corona-Saison auch für die Tennisbranche mischen sich bei vielen Topakteuren die Motive und Überlegungen. Der Österreicher Dominic Thiem, aktueller US Open-Champion, und die prägende Spielerin im Frauentennis, Serena Williams, sind verletzt angeschlagen und brauchen noch Zeit für ihr Comeback. Spaniens Matador Rafael Nadal kann seinem geschundenen Körper ohnehin nicht mehr ein streßbeladenes Programm zumuten, als Goldmedaillengewinner von Peking hat er ohnehin schon das höchste olympische Ziel erreicht und erholt sich nun lieber daheim in Mallorca. Novak Djokovic, gerade zum sechsten Mal auf den Wimbledon-Thron gestiegen, hat den echten Grand Slam vor Augen, den Gewinn aller vier Majors in einer Saison. Doch dieser Traum könnte in Gefahr geraten, wenn Unvorhergesehenes in Tokio passiert, wenn die Strapazen zu groß sind. Eine 50:50-Chance für eine Teilnahme in Japan hatte der „Djoker“ in Wimbledon gesehen, Insider rechnen aber auch bei ihm noch mit einem Rückzug.

Australiens Starspieler Nick Kyrgios, der gerade nach längerer Spielpause wieder in Wimbledon in das Tourgeschehen eingegriffen hatte, redete in Sachen Olympia nicht lange um seine Erwägungen herum: „Es war mein Traum, Australien bei den Olympischen Spielen zu vertreten – und ich weiß, dass ich diese Chance vielleicht nie wieder bekommen werde. Aber ich kenne mich auch selbst. Der Gedanke, vor einem leeren Stadion zu spielen, gefällt mir nicht. Das hat er nie.“ Und so war auch er von der Teilnehmerliste verschwunden.

Olympische Spiele: Wie wichtig sind sie den Tennisspielern?

Die Frage, die sich viele dennoch auch stellen, ist: Hat die Teilnahme bei den Spielen für Tennisspieler einen ähnlichen Stellenwert wie für Leichtathleten oder Schwimmer? Die Antwort ist weder ein klares Ja noch ein klares Nein. Auch die Größten im Tennis waren seit der Wiederaufnahme des Sports ins olympische Programm 1988 in Seoul vom Mitwirken berauscht und inspiriert – und auch bestens in ihre jeweiligen Teams integriert. Doch Grand-Slam-Titel haben im Tennis immer noch einen höheren Stellenwert als eine olympische Medaille, ein Major-Pokal wie etwa der von Angelique Kerber bei den US Open, den Australian Open oder gar in Wimbledon bemisst später den historischen Rang einer Spielerin oder eines Spielers.

Kerber selbst hatte vor vier Jahren in Rio, wo sie die Silbermedaille gewann, zurecht festgestellt, „dass für die meisten Sportler die Chance auf den größten Erfolg nur alle vier Jahre einmal besteht“: „Bei uns Tennisprofis kommt das nächste Topturnier aber schon bald.“ Trotzdem gehörten die olympischen Tage von Rio, so Kerber, zu den „schönsten Erlebnissen überhaupt, das Gefühl, zu diesem großen Team Deutschland zu gehören mit all den anderen.“ Wie Kerber sich nun im Fall Tokio entscheidet, ist noch ungewiss – auch für sie ist bei der nüchternen Aufwand- und Ertragsabwägung nicht viel zu gewinnen. Es sei denn, Kerber rechnete sich eine reelle Goldchance aus.

Ein starke deutsche Tennistruppe wird gleichwohl nach Tokio reisen, allen voran Frontmann Alexander Zverev, der in Abwesenheit vieler Größen nun berechtigte Chancen auf eine Medaille hat. Auch die Doppel Struff/Zverev und Krawietz/Pütz gehen aussichtsreich ins Rennen. Offen bleibt, ob es zum Traummixed Kerber/Zverev kommt.

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von Jörg Allmeroth

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14.07.2021, 16:31 Uhr
zuletzt bearbeitet: 14.07.2021, 15:36 Uhr

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