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Prügers Ritt auf der Rasierklinge

Lukas Prüger hat am Mittwoch Abend nach einem kuriosen wie spannenden Tennis-Krimi als dritter Spiel...

von Claus Lippert
zuletzt bearbeitet: 01.12.2022, 17:18 Uhr

Lukas Prüger hat am Mittwoch Abend nach einem kuriosen wie spannenden Tennis-Krimi als dritter Spieler nach den beiden bereits vorzeitig für das Semifinale qualifizierten Damian Roman und Amel Bisevac sein Vorschluss-Runden-Ticket für die HTT Finals 2022 im UTC La Ville gelöst. In einer alles entscheidenden und total verrückt verlaufenden Night Session, mühte sich Prüger mit “Hängen, Würgen, Zittern” und einer riesigen Portion Glück zum einem 2:6, 7:6, 6:0 Erfolg über Tarik Mustafik, und fixierte damit sein viertes HTT Finals Semifinale nach 2017, 2018 und 2021. Auf der Strecke in der am Mittwoch zu Ende gegangen Gruppenphase blieb hingegen Dominik Jaros, der auch in seinem dritten und letzten Vorrunden-Match hinter den Erwartungen zurück blieb, und sein Final-Debüt mit einer 1:6, 3:6 Klatsche gegen Damian Roman beendete. Ein Bericht von C.L

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Prüger zieht nach 2:5 im Tiebreak des zweiten Satzes noch den Kopf aus der Schlinge

Tarik Mustafik hat sich am Mittwoch Abend mit Anstand, einer über weite Strecken starken Leistung und einem knapp verpassten Sieg über den 2fachen HTT Finals-Champion Lukas Prüger von den 2022er-Finals der Hobby-Tennis-Tour verabschiedet, und um ein Haar auch noch Dominik Jaros ins Semifinale gehievt. Am Ende einer 2:03 Stunden dauernden sportlichen Achterbahnfahrt zog Lukas Prüger nach einem irren Krimi den Kopf aus der Schlinge, und darf weiter vom dritten HTT Finals Titel seiner Karriere nach 2017 und 2018 träumen. Viel hat am Abend des fünften Spieltages aber nicht gefehlt, und Prüger wäre in einem wahren Albtraum aufgewacht. 75 Minuten lang hatte der 24jährige keinen Zugriff auf dieses alles entscheidende letzte Gruppe A-Single, keine Idee und keine Lösung, einen – im Vergleich zu seinen beiden Matches davor – stark verbessert spielenden Mustafik zu gefährden. Manch Beobachter aus der Ferne am Live-Stream machte am Ende eine grandiose Aufholjagd im Stile eines großen HTT-Stars – sprich eine Aufholjagd im Prüger-Style aus. Was aber nicht der Fall und völliger Quatsch war. Belegt durch klare Fakten und den markigen Spruch des Siegers: “Ich weiß ehrlich gesagt gar nicht, wie ich dieses Match gewonnen habe”, so Prüger. Nun, die Antwort ist einfach. Unter der großzügigen Mithilfe von Tarik Mustafik, der sich bei 5:2 im Tie-Break mit fünf unforced errors von der Vorhand selbst um die Früchte seiner Arbeit brachte, und im dritten Satz, das Tennis spielen, frustrierter Weise einstellte.

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Die mentale Komponente im Tennissport

Der lange Tennis-Abend im UTC La Ville zeigte vielmehr eindrucksvoll, dass Tennis ein völlig verrückter Sport ist, den wir wahrscheinlich gerade deshalb so lieben. Und das Prüger-Mustafik-Match offenbarte zudem, welche elementare Rolle das Mentale im Tennis einnimmt. Es ist völlig sinnlos, ITN-Ratings vorher aufzurechnen, Head to Head Bilanzen zu studieren, und Formkurven zu analysieren. Es zählt die Situation und der Moment. Das war gestern Abend schön zu sehen. Auf der einen Seite der längst ausgeschiedene und in Sachen Halbfinale chancenlose Mustafik, der befreit von jeglichem Ergebnis-Druck groß aufspielte, bis ihn im Finish selbst die Angst vor dem Gewinnen einholte. Auf der anderen Seite Lukas Prüger, der mit der Vorgabe gewinnen zu müssen, einen verkrampften, freudlosen und bescheidenen Auftritt hinlegte. Und der wie erwähnt am Ende richtig fettes Glück hatte, dass sein 20jähriges Gegenüber im Finish der Mut verließ. Gerne hätte man auch den Gesichts-Ausdruck von Dominik Jaros gesehen, der unmittelbar nach seiner Niederlage gegen Damian Roman informiert wurde, dass er im Falle eines Mustafik-Erfolges doch noch einen Platz im Halbfinale sicher hätte. Das lächelte der HTT Erste Bank Open Finalist mit folgendem Spruch müde weg. “Das kann nie im Leben passieren. Das gewinnt der Luki blind spielende in zwei Sätzen”. Wie man sich täuschen kann, wobei ein bißchen was von blind hatte der Prüger-Auftritt vorallem im ersten Satz ja doch.

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Mustafik zwei Punkte vom Sensationssieg gegen Prüger entfernt

Man glaubte kaum sein Augen zu trauen, was Prüger in den ersten 25 Minuten in einem “Finals-Match” auf großer Bühne am Centercourt gegen Underdog Tarik Mustafik anzubieten hatte. 19 unerzwungene Fehler von der Grundlinie, zwei kassierte Breaks und vorallem kein erkennbarer Spielplan, das 6:2 Mustafiks nach exakt einer halben Stunde war völlig verdient und schwer in Ordnung. Mustafik glänzte ein ums andere Mal mit präzise gesetzten Rückhand-Bällen, und sah im zweiten Satz in mehreren Momenten wie der sichere Sieger aus. Gleich zu Beginn einmal, als er mit einem frühen Break 2:0 führte. Oder als er sich bei einer 5:3 Führung zum Aufschlag bereit machte. Vorallem aber, als er nach zwei abgewehrten Satzbällen seines Gegners bei 5:6 den Tie-Break erreicht hatte, und dort 5:2 führte. In dieser Phase schien Prügers Traum vom dritten HTT Finals-Titel ausgeträumt, und Jaros durfte unerwarteter Weise seine Terminpläne für den halbfinalen Freitag neu koordiieren. Wer hätte in diesen Augenblicken noch einen Cent auf den fluchenden und Racket werfenden Prüger gesetzt! Wohl niemand! Und so blieb es dann dem knapp vor dem Sieg stehenden Mustafik vorbehalten, mit fünf total unerzwungenen Vorhand-Fehlern in Serie, den bereits geschlagenen Prüger zurück ins Match zu holen. Mustafik ballerte in der Folge die kleinen gelben Filzkugeln – übrigens sehr zum Ärger seines Vaters – frustriert und unmotiviert durch die Halle, und offerierte seinem Gegenüber in dessen 20. HTT-Finals-Karriere-Match mit 6:0 eine 22minütige Ehrenrunde auf dem Weg ins Semifinale.

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Damian Roman bei den HTT Finals 2022 weiter ungeschlagen und ohne Satzverlust

Bereits am frühen Abend hatte HTT Branchen-Primus Damian Roman im Duell mit Dominik Jaros für vermeintlich klare Verhältnisse in der Aufstiegsfrage in Gruppe A gesorgt. Der 40jährige Rumäne war nur 87 Minuten beschäftigt, um auch sein drittes Vorrunden-Match bei den Finals 2022 erfolgreich zu absolvieren, und mit 6:1, 6:3, seinen 18. HTT Finals-Einzelsieg und den insgesamt achten Matcherfolg in Serie einzufahren. Mit dem ersten Break des Ranglisten-Leaders zum 3:1 war Durchgang 1 auch schon gelaufen. In beeindruckender Art und Weise und im Stil einer zu Fleisch gewordenen Ballmaschine, spulte Damian Roman sein “Programm” präzise und fehlerlos wie ein Schweizer Uhrwerk ab, und hatte nach nur 31 Minuten und lediglich drei unerzwungenen Fehlern den ersten Satz mit 6:1 gewonnen. Den zweiten Satz konnte Jaros dann offener gestalten, ab und an sein Potentail ausspielen und Ansätze seiner Trainingsleistungen zeigen, den HTT Branchen-Primus und 35fachen HTT Turniersieger aber auch im achten direkten Duell nicht gefährden. Ein Break zu Beginn, eines am Schluss, damit stand weiteren 56 Minuten ein 6:3 im zweiten Satz fest.

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Dominik Jaros verliert auch achtes Duell mit Damian Roman

“Das war heute sicher meine beste Partie im Verlauf dieses Turniers”, übte sich Jaros in leichter Zufriedenheit, die freilich sein Anhang, seine Fans, Mitspieler und die Finals-Interessierten vor Ort so nicht teilen konnten. Sich über den besten von drei schwachen Auftritten zu freuen, kann nicht der Anspruch des HTT Ranglisten-Fünften sein. Sein Umfeld ortet einen immensen Leistungsdruck, den sich Jaros angesichts zu hörender Wunderdinge aus dem Training selbst auferlegt, und den er dieser Tage im La Ville zu keiner Phase “stemmen & handeln” konnte. So bleibt aus Sicht des 31jährigen ein eher tristes abschließendes HTT Finals-Resümee nach seinem Debüt beim HTT Saisonfinale zu ziehen. Sein Auftritt blieb enttäuschender Weise weit hinter den Erwartungen vieler HTT Insider & Experten zurück, und nach der achten Niederlage im achten Duell mit Damian Roman machte sich zum Abschluss auch noch ergebnistechnische Ernüchterung breit.

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