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25 Jahre Stich-Tag – „Wimbledon war in deutscher Hand“

Vor 25 Jahren war Wimbledon fest in deutscher Hand. Michael Stich erinnert sich im SID-Interview an den 7. Juli 1991, an dem er Boris Becker in dessen „Wohnzimmer“ bezwang.

von tennisnet.com
zuletzt bearbeitet: 05.07.2016, 10:17 Uhr

STUTTGART, GERMANY - APRIL 18: Michael Stich reacts during a show match during Day 1 of the Porsche Tennis Grand Prix at Porsche-Arena on April 18, 2016 in Stuttgart, Germany. (Photo by Dennis Grombkowski/Bongarts/Getty Images)

Vor 25 Jahren war Wimbledon fest in deutscher Hand.Michael Sticherinnert sich im SID-Interview an den 7. Juli 1991,an dem er Boris Becker in dessen „Wohnzimmer“ bezwang.Der Lange aus Elmshorn blickt auf die Rivalität mit dem „emotionalen Helden“ der Deutschen zurück und verrät, was er an der Church Road heute gerne beweisen würde.

Wie halten Sie es mit Jubiläen?

Michael Stich (Wimbledonsieger 1991): Erst mal bedeuten Jubiläen nur, dass man älter geworden ist, sonst könnte man sie nicht begehen. Aber grundsätzlich bin ich niemand, der in der Vergangenheit lebt. Dieses Datum, dieses Jubiläum ist natürlich toll, ich denke daran gerne zurück, aber ich muss es nicht jedes Mal groß feiern. Ich muss das Vergangene nicht immer wieder rausholen und hochhalten, obwohl ich den 7. Juli 1991 nicht missen möchte.

Feiern Sie am 7. Juli 2016?

Stich: Bisher habe ich noch nichts geplant. Ich habe das 20. Jubiläum gefeiert, ich glaube ich feiere erst wieder nach 30 Jahren. Wenn man die Schritte dazwischen zu klein werden lässt, verliert der Tag seine Besonderheit. Vor fünf Jahren habe ich in London ein Essen veranstaltet mit den Menschen, die damals dabei waren. Dazu ist mein Coach extra aus Neuseeland eingeflogen, mein Manager aus den USA, und Teile meiner Familie waren da. Also die Menschen, die damals aktiv dabei waren. Wir waren mit 15 Leuten essen – und das war für mich eine schöne Art, das Jubiläum zu feiern.

Wie präsent ist Ihnen das Finale gegen Boris Becker? Wie oft schauen Sie sich die Ballwechsel an?

Stich: Ganz selten. Ab und an – vielleicht einmal im Jahr, wenn ich sentimental an die alten Tennistage zurückdenke, stolpere ich mal bei YouTube über Ausschnitte und bleibe dann kurz hängen.

Ihr Vater hat während des Endspiels auf der Tribüne ein Video gedreht...

Stich: Ehrlich gesagt habe ich die Bilder nie gesehen. Die stehen wahrscheinlich bei meinem Vater im Schrank. Ich weiß nicht, ob er sie unter Verschluss hat oder ob es sie überhaupt noch gibt. Ich muss ihn mal fragen, was er damit gemacht hat. Aber erst brauche ich einen Videorekorder.

Abgesehen von den Bildern, die mittlerweile überall im Internet zu sehen sind. Welche persönlichen Erinnerungen haben Sie an den Sieg?

Stich: Die Gefühle kann man nach 25 Jahren nicht mehr hervorrufen, die sind im Augenblick geblieben. Ich weiß auch Gott sei Dank nicht mehr, wie ich mich gefühlt habe, als ich mein Abitur bestanden habe. Wenn man die Bilder sieht, weiß man: Da ist etwas Tolles passiert und man erfreut sich an der Tatsache, dass es passiert ist. Aber ich kann nicht mehr sagen, was genau ich in diesem Moment gefühlt habe. Es war mein größter sportlicher Erfolg, an den ich wahnsinnig gerne zurückdenke. Das ist das Wichtigste.

In der Royal Box saß Princess Diana...

Stich: Daran kann ich mich erinnern. Leider hatte ich keine Chance, mit ihr ein paar Worte zu wechseln. Ich weiß nur, dass sie mir gerne zugeschaut hat. Aber darüber hinaus? Ich muss anfangen, einige Dinge für mich aufzuschreiben, damit ich sie nicht ganz vergesse.

Die Anspannung vor Ihrem ersten Grand-Slam-Finale haben Sie bestimmt nicht vergessen...

Stich: Ich weiß nur, dass ich vor jedem Match in diesem Turnier die gleiche Routine hatte. Wir haben immer auf einem Kleinfeld Tennis gespielt, immer auf dem gleichen Platz. Da bin ich abergläubisch. Ich habe auch versucht, immer das Gleiche zu essen und immer ins gleiche Restaurant zu gehen. Welches das war, weiß ich heute schon gar nicht mehr. Ich habe immer versucht, alles gleich zu gestalten, damit dieser positive Rhythmus nicht unterbrochen wird. In der Nacht vor dem Finale war es mehr Vorfreude als Nervosität.

Und unmittelbar vor dem ersten Aufschlag?

Stich: An dem Tag selbst war es so: Du bist in der Kabine, da sind am Anfang des Turniers 200 Menschen. Vor dem Finale waren da noch genau vier Leute: Ich selbst mit meinem Trainer Mark Lewis und Boris mit seinem Trainer Tomas Smid. Da ist so eine Kabine schon groß: der eine in der einen, der andere in der anderen Ecke. Es war eine besondere Atmosphäre, besonders, weil ich wusste: Ich bin hier der Letzte, da kommt nichts mehr. Aber ich war vor dem Match nicht über die Maßen nervös, weil ich selbstbewusst und mir sicher war, dass ich gewinnen werde. Ich hatte bis dahin sehr, sehr gut gespielt.

Wie sind Sie mit ihrer Rolle als Außenseiter umgegangen? Becker war ja in den Augen der meisten Fans Favorit.

Stich: Die meisten Fans wollten, dass er gewinnt, weil er zu dieser Zeit der emotionale Hero war. Zu Recht, bei all dem, was er vorher erreicht hatte. Es gab nur einige in meinem Heimatverein und in meiner Heimatstadt, die das nicht wollten. Aber für mich war er nicht der Favorit, weil ich die Matches vorher sehr stark gespielt hatte. Ich war mir eigentlich sicher, dass ich gewinnen werde. Mein Coach hat mir vor dem Endspiel gesagt: 'Mensch, du hast nichts zu verlieren.' Um wenigstens ein bisschen den Druck rauszunehmen. Da habe ich gedacht: Es geht hier um den Wimbledontitel. Mehr werde ich in meinem Leben wahrscheinlich nie wieder verlieren können.

Ab wann wussten Sie, dass Sie Becker schlagen würden?

Stich: Das Match lief ja nicht von Anfang an rund, er hat mich gebreakt, dann habe ich zurückgebreakt. Nach dem Tiebreak im zweiten Satz war ich immer näher dran, ihn zu breaken. Ich war sozusagen immer diesen einen Schritt vor ihm, daher hatte ich schon früh ein gutes Gefühl. Aber am Ende weiß man vor allem gegen Boris: Wenn man den Matchball nicht verwandelt und den dritten Satz verliert, dann kann sich so ein Match trotz allem drehen.

Kam nicht einmal vor dem Matchball besondere Nervosität auf?

Stich: Nein. Ich habe versucht zu antizipieren, wohin er aufschlägt, und da der Vorhand-Return nicht gerade eine meiner Stärken war, war ich mir sicher, dass er auf die Vorhand aufschlagen wird. Das hatte ich richtig gelesen, und dann fiel der Ball halt da hinten rein. Da denkt man nicht mehr großartig nach. Ich habe nicht einmal gehört, dass der Schiedsrichter ‚Game-Set-Match Becker’ sagt. Aber auch wenn: Ich wusste ja, dass es nicht so ist.

Die Rivalität zu Becker: War es an diesem Tag der Ursprung und Gipfel zugleich?

Stich: Es war ja immer eine sportliche Rivalität. Das ist ja ganz klar, wenn zwei Spieler aus einem Land im gleichen Sport extrem erfolgreich sind, da kann es nur darum gehen, besser zu sein als der andere. Bei uns kam dazu, dass die Medien versucht haben, uns 'gegeneinander aufzuhetzen'. Das haben wir mit uns machen lassen – aus einem Maß an Unerfahrenheit, auch durch unsere Egos. Ich glaube, heute können wir mit Abstand darüber besonnener nachdenken und auch darüber lächeln. Aber zu der Zeit war es richtig, zu der Zeit hat es uns angestachelt, immer besser sein zu wollen.

Letztlich wird im kollektiven deutschen Gedächtnis Ihr Wimbledonsieg immer auch mit Beckers Niederlage verbunden bleiben. Wären es Ihnen lieber, wenn der Gegner im Finale Edberg oder Courier geheißen hätte?

Stich: Das ist mir schon immer völlig wurscht gewesen. Gegen den Papst oder gegen Diana ... Da ging es nur um den Wimbledontitel. Gegen wen man ihn gewinnt, ist völlig irrelevant. Deswegen war es für mich auch nicht bedeutend, Boris geschlagen zu haben. Selbst wenn ich schon im Halbfinale gegen Boris gewonnen hätte, hätte das einen ähnlichen Hype ausgelöst. So war es natürlich das Non-Plus-Ultra: Steffi (Graf, d. Red.) gewinnt am Samstag Wimbledon, ich am Sonntag und Barbara Rittner bei den Juniorinnen. Wimbledon war in deutscher Hand.

Wie haben Sie ihren Triumph gefeiert?

Stich: Abends kam das Championsdinner, das geht lange, da war ich schon müde. Die Pressearbeit, die ganzen Eindrücke und dann habe ich ja auch noch Sport getrieben, was auch auslaugt. Irgendwann bin ich einfach nur ins Bett gefallen und habe mir gedacht: Jetzt ist auch gut. Ich habe zwei Tage später bereits wieder in Gstaad aufgeschlagen, da war also nicht viel Zeit zu feiern. Ich hatte mich verpflichtet, nach Gstaad zu fahren und habe mich an meine Zusage gehalten. Für das Turnier war es toll, den aktuellen Wimbledonsieger am Start zu haben.

Sie waren 22 Jahre alt. Hatten Sie eine Ahnung, was nach dem Titel auf Sie zukommt?

Stich: Nein, das kann man nicht ahnen, jeder geht damit auch anders um. Natürlich war mir klar, dass viel Pressearbeit auf mich zukommt, dass Medien und Sponsoren besonders in Deutschland viel von mir verlangen. Ich habe aber trotzdem klare Prioritäten gesetzt. Ich musste einen Job machen, musste mich auf mein Tennis konzentrieren. Das war für mich das Wichtigste. Wenn ein Journalist dann etwas wollte, und ich wollte nicht, dann hab ich auch gesagt: Ich will nicht. Ich wollte einfach weiterspielen und wusste: das ist für mich der bessere Rhythmus.

Wann wurde Ihnen die historische Tragweite Ihres Sieges im deutschen Wimbledonfinale erstmals bewusst?

Stich: Nachdem ich 1997 aufgehört habe. Als Profi habe ich diese Tragweite nicht begriffen. Der Medienrummel und alles, was damit einhergeht, ist Teil des Jobs. Aber wenn man aufhört, wird man sich der historischen Bedeutung Wimbledons bewusst und was es bedeutet, Teil dieser Geschichte zu sein. Dafür muss man ein bisschen älter werden und Abstand haben.

Sie sind nicht nur Teil der Geschichte, sondern durch Ihren Sieg auch Mitglied im All England Club. Wie oft besuchen Sie noch die Anlage?

Stich: Ich fahre jedes Jahr während des Turniers hin. Meistens am ersten Tag. Dieses Jahr bin ich vom Club eingeladen und könnte an fünf oder sechs Tagen da sein. Aber da unser Turnier in Hamburg fast während Wimbledon beginnt, klappt das nicht. Der Club ist toll, er lebt die Traditionen fantastisch und holt die Spieler auch ab. Ich fahre da jedes Jahr gerne hin, meistens mit meinem Bruder, wir verbringen dann einen Tag in London und einen in Wimbledon. Jedes Jahr darf ich auf den Rasen und ihn einmal streicheln.

Für Boris Becker ist der Center Court sein Wohnzimmer. Wie würden Sie ihn bezeichnen?

Stich: Ich habe die Wohnung anscheinend ein Jahr lang gemietet. Aber im Ernst: Es ist schön, dass ich auf diesem Platz meinen größten Erfolg gefeiert und gleichzeitig auch mein letztes Profimatch gespielt habe. Das verbindet mich mit diesem Ort.

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Dienstag
05.07.2016, 10:17 Uhr