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Angelique Kerber – Die zweite Siegerin eines faszinierenden Showdowns

Es brauchte eine bärenstark servierende Serena Williams, um Angelique Kerber vom Wimbledontitel abzuhalten.

von tennisnet.com
zuletzt bearbeitet: 10.07.2016, 07:55 Uhr

LONDON, ENGLAND - JULY 09: Serena Williams of The United States and Angelique Kerber of Germany leave the court holding their trophies following The Ladies Singles Final on day twelve of the Wimbledon Lawn Tennis Championships at the All England Law...

Von Jörg Allmeroth aus London

Auf der Terrasse des Wimbledon-Spielerzentrums hatte Billie Jean King, die Grande Dame des Welttennis, am Samstagabend noch eine Botschaft an die Nation der unglücklichen Finalverliererin parat: „Deutschland kann stolz sein aufAngelique Kerber“, sagte die Begründerin des modernen Proficircuits mit erhobener Stimme, „das war ein unglaublicher Auftritt.“ In der Royal Box hatte die 72-jährige US-Legende unter vielköpfiger Sportprominenz als Ehrengast Kerbers couragierten Auftritt verfolgt, und später, so King, sei sie sich mit allen einig gewesen: „Angie stand nicht zum letzten Mal im Endspiel. Sie wird hier eines Tages gewinnen.“

Und in der Tat. Kerber verließ nach zwei großen Turnierwochen den All England Lawn Tennis Club, diesen wichtigsten Spielplatz der Welt,zwar als geschlagene Frau im Duell mit Powermaschine Serena Williams (5:7, 3:6 nach 81 Minuten).Aber nicht als erste Verliererin, sondern als zweite Siegerin eines faszinierenden Showdowns um die Königinnen-Würde auf dem Grün. Kerber machte eines der besten Spiele ihres langen Tennislebens, sie machte erstklassige Reklame für das Tennisprodukt Kerber, und es musste schon die Beste dieser Epoche, die nun 22-malige Grand-Slam-Siegerin, kommen, um sie vom Sturm auf den Wimbledongipfel aufzuhalten. „Was kann ich mir vorwerfen? Nichts“, sagte Kerber später, mit Abstand zum dramatischen Geschehen, „Serena hat gespielt wie eine Nummer eins, vor allem bei den Big Points.“

Tennis auf Spitzenniveau, ein einziges Vergnügen

Williams ist die beherrschende Kraft im Tennis-Universum seit ein paar Jahren, sie dominiert trotz sporadischer Ausrutscher die Szene auch im Hier und Jetzt mit rigider Entschlossenheit. Aber in Kerber ist ihr inzwischen auf großen Bühnen eine Gegnerin erwachsen, die der jüngeren der beiden Schwestern aus der Familiendynastie alles abverlangt, alles abtrotzt – und das sehr zum Vergnügen von Serena selbst. „Sie ist eine mächtige Gegnerin, eine spezielle Herausforderung.“ Eine „extreme Konzentrationsleistung“ sei nötig gewesen, um Kerber zu bremsen, sagte Williams-Coach Patrick Mouratoglou, ein Meisterstück hin zu jenem magischen 22. Trophäenzugriff, der Williams jetzt bei den Major-Wettbewerben auf eine Stufe mit Steffi Graf stellt. Mouratoglou, auch er, der Serena-Flüsterer, hatte nur Komplimente für Kerber übrig: „Sie hat dieses Finale zu dem gemacht, was es war: Tennis auf Spitzenniveau, ein einziges Vergnügen.“

Nervosität hatte Kerber zwar noch einmal in den letzten Minuten vor dem Marsch auf den Centre Court ergriffen – „Da hatte ich noch einmal die Flatter“ -, aber als der Zweikampf begann, zeigte sie pausenlos, wohin sie ein schwerer, oft mühseliger Karriereweg in den letzten Jahren hingeführt hat: in den kleinen, exklusiven Zirkel der weltbesten Spielerinnen, in die Top Ten, in die Champions League ihres Sports. „Ich weiß nicht, wer sie außer Serena heute geschlagen hätte“, sagte Bundestrainerin Barbara Rittner, „Angie hat sich und der Welt bewiesen, was sie spielen kann.“ Und das alles an jenem Ort, von dem Kerber selbst an diesem Tag eines imponierenden Centre-Court-Auftritts sagte, „dass hier beinahe mal alles zerbrochen wäre“ – vor fünf Jahren war das, als nach dem Erstrunden-Aus gegen Laura Robson der Glaube an sich selbst fehlte und das Karriereende drohte. „Ich bin stolz, wie ich das alles gedreht und gewendet habe“, sagte die Kielerin nun.

Kerber bereitet Williams Bauchschmerzen

Das Wimbledon-Finale, die Qualität dieses Spiels gegen Serena Williams – es war auch der Beleg für die geglückte Krisenbewältigung in der komplizierten Zeit nach dem Grand-Slam-Coup von Melbourne. Wochen und Monate hatte es gebraucht, bis Kerber in ihre neue, hervorgehobene Hauptrolle auch im Wanderzirkus hineingewachsen war. Phasen der Erschöpfung im Medientrubel musste sie wegstecken, auch die Krittelei an einigen schwachen Turnierauftritten nach dem Grand-Slam-Coup. Alte, neue Zweifel schlichen sich ein. „Der Druck war manchmal sehr groß“, sagt Kerber, „aber ich habe schnell begriffen und gelernt, wie ich das für mich abfedern kann. Und wieder erfolgreich bin.“

Tennis ist kein Wunderland in der Herrschaftsperiode einer Serena Williams, dieser gerade so zeitlos erscheinenden Führungskraft. Aber Kerber hat sich ganz eng hinter der Nummer eins etabliert, und dies nicht nur, weil sie am Montag in der Weltrangliste wieder auf Platz zwei geführt wird. „Sie ist die Spielerin, die Serena die meisten Bauchschmerzen macht“, befand die frühere Topspielerin Lindsay Davenport (USA). Und Kerber selbst? Am Abend des verlorenen Wimbledon-Endspiels sagte die Finalistin, sie sei „natürlich sehr enttäuscht“ über das Ergebnis, aber das Spiel sei „auch nicht umsonst gewesen“: „Ich fühle, dass ich jetzt wirklich angekommen bin in der Spitze.“ Als einer der prägenden Erscheinungen ihres Sports.

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