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Wimbledon: Becker und die bedeutsamen Neuner-Jahre

Von 1989 bis 2019: Boris Becker erlebte bei "Neuner-Jahren" bedeutsame Momente in Wimbledon: Triumph vor 30 Jahren und Rücktritt vor 20 Jahren. Ein Rückblick zum 30. Jubiläum.

von Jörg Allmeroth
zuletzt bearbeitet: 09.07.2019, 10:46 Uhr

Wenn Boris Becker in diesen Tagen von einem Kommentatoren-Einsatz auf dem berühmten Centre Court zurück ins Internationale Fernsehzentrum schreitet, dann ist fast alles so wie früher in Wimbledon. Becker wird umringt von den Fans, immer mal wieder muss sich der dreimalige Champion der Offenen Englischen Meisterschaften zum gemeinsamen Foto aufstellen, seelenruhig schreibt er die erbetenen Autogramme. Becker genießt die Szenerie durchaus, er hat Spaß am Kontakt zu den Tennisfreunden. "Wimbledon ist immer die schönste Zeit des Jahres", sagt Becker, "das ist heute nicht anders als damals. Dieser Schauplatz hier war immer gut zu mir, er ist mein emotionales Zuhause."

2019 ist ein ganz besonderes Wimbledon-Jahr für Becker. Aus guten und nicht so guten Gründen. Die Neuner-Jahre sind immer Jubiläumszeit für den inzwischen 51-jährigen Rasenmeister, sie sind Gelegenheit zur nostalgischen, sentimentalen Rückschau. Vor 30 Jahren bot sich das bis dahin einmalige Bild eines deutschen Komplett-Triumphs, am Ende der Ausscheidungsspiele posierten Steffi Graf und er gemeinsam beim Siegerbankett mit den Pokalen. Beckers Sieg gegen Stefan Edberg war der dritte und letzte seiner Erfolge, an jenem Finalsonntag allerdings wusste er das noch nicht, 1990, 1991 und 1995 sollte er noch drei Mal das Endspiel verlieren, 1991 in seinem vielleicht bittersten Moment gegen einen gewissen Michael Stich. Graf und Becker sind mittlerweile beide in ihren Fünfzigern, "kaum zu glauben", sagt Becker, "die Zeit rast davon."

Zehn Jahre nach ihrem gemeinsamen Erfolg bestritten Graf und Becker auch ihr letztes Grand Slam-Turnier Seite an Seite – natürlich in Wimbledon, 1999. Becker war schon einmal 1997 zurückgetreten, hatte dann aber eine Kehrtwende vollzogen. Er wolle sich „anständig verabschieden“ aus dem All England Lawn Tennis Club, 1999 eben, mit etwas mehr Stil und Form. Fast anderthalb Wochen hielt Becker dann die Tenniswelt noch einmal in Atem, in einem regengeplagten Turnier gewann er die ersten drei Runden gegen den Schotten Miles McLagan, gegen seinen Landsmann Nicolas Kiefer und gegen den aufstrebenden Australier Lleyton Hewitt, bevor er zwei Tage später als geplant im Achtelfinale an Pat Rafter scheiterte, am Mittwoch der zweiten Turnierwoche. "Der alte Löwe aus Leimen" habe noch einmal beeindruckt, schrieb der "Daily Telegraph" seinerzeit. "Jetzt gehe ich und habe meinen Frieden gemacht mit Wimbledon", fand Becker selbst.

Allerdings begannen schon in der Nacht nach seinem letzten Auftritt gegen Rafter die Turbulenzen, die sein Leben nach der Tenniskarriere prägen sollten. Becker putzte im Deutschen Haus mit den Journalisten noch einige Bierchen weg, er wurde in die City chauffiert, und später an jenem Mittwoch kam es zu dem schnellen, folgenreichen Techtelmechtel mit dem russischen Model Angela Ermakowa. Bekannt wurde das Ganze später als Besenkammer-Affäre, ein paar Monate später allerdings erst, als Becker das Schreiben eines Rechtsanwalts erreichte, in dem ihm mitgeteilt wurde, dass er noch einmal Vater werde. Die Konsequenzen bekam Becker hart zu spüren, teils bis heute: Seine Ehe mit Barbara, der ersten Gemahlin, ging in die Brüche, er leistete millionenschwere Unterhaltszahlungen auf gleich mehrere Bankkonten, auch für seine Tochter Anna Ermakova - und er war auf einmal nicht mehr der Held des Centre Court, sondern auf schmerzliche Art und Weise Zielscheibe des öffentlichen Spotts.

Während gerade die 2019er Auflage des Wimbledon-Turniers läuft, wird Becker an diese turbulente Vergangenheit erinnert, mehr noch an die finanziellen Probleme. Beim Londoner Auktionshaus Wyle+Hardy werden bis zum (morgigen) Donnerstag 82 Stücke aus seiner persönlichen Sammlung zwangsversteigert – mit dem Erlös sollen diverse Gläubiger bedient werden, denen Becker mehr oder minder hohe Summen schuldet. 2017 war er von einem Londoner Gericht für zahlungsunfähig erklärt worden. Schon im letzten Jahr hatte Insolvenzverwalter Mark Ford in der Causa Becker einen ersten Versuch unternommen, aus den Devotionalien Kasse zu machen – doch der Tennisstar verzögerte das Verfahren auch dadurch, dass er sich auf diplomatische Immunität berief, angeblich im Dienst der Zentralafrikanischen Republik.

Am Ende scheiterte er mit diesem Defensivmanöver, nun kamen die Becker-Besitztümer im Sommer 2019 unter den Hammer. Socken, Schuhe, Pokale, eine Bambi-Trophäe. Nicht das wirklich wichtige Erinnerungsgut, sondern eher Teile von zweitrangiger Bedeutung. Dass mit Becker auch in einem solchen Fall noch regelmäßig kleine oder größerer Schlagzeilen gemacht werden, war in den letzten Wochen gut zu beobachten. Ein Webportal startete zur rund dreiwöchigen Online-Auktion sogar einen Liveticker, zuletzt mit der aufregenden Zwischenmeldung, "die ausgetretenen Diadora-Schuhe liegen bei mittlerweile 860 Euro." Bis kurz vor Auktionsschluss belief sich die Gesamtsumme der Angebote auf etwa 150.000 Euro, Insolvenzverwalter Ford trommelte noch einmal öffentlich und sprach von einem möglichen Last Minute-Ansturm. Viele Interessenten gebe es aus den USA, Großbritannien und Deutschland – möglicherweise auch Freunde Beckers, die Stücke sichern wollen. Er wolle das gesamte Insolvenzverfahren möglichst innerhalb der nächsten sechs bis neun Monate beenden, gab Ford gegenüber "dpa" an.

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Becker lässt sich die demütigende Situation nicht anmerken im grünen Tennisreich, in dem er für mehrere TV-Anstalten im Plaudereinsatz ist. Er analysiert Matches, Spielsituationen, Charakterzüge der Stars präzise und charmant wie eh und je, er ist in seinem ureigensten Element. "Ich weiß, was da draußen gespielt wird", sagt Becker, "ich habe es alles immer und immer wieder selbst erlebt." Was die zeitgleich zum Grand Slam-Turnier laufende Aktion angeht, hatte Becker schon gesagt, was davon aus seiner Sicht zu halten sei: "Natürlich will man mir damit weh tun, weil ich emotional an den Trophäen hänge."

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von Jörg Allmeroth

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09.07.2019, 10:55 Uhr
zuletzt bearbeitet: 09.07.2019, 10:46 Uhr