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Wimbledon: Die untergegangene Epoche des Angriffstennis

von Jörg Allmeroth
zuletzt bearbeitet: 08.07.2019, 10:28 Uhr

Es ist das Bild, das sich den Deutschen von Wimbledon eingeprägt hat: Ein stürmischer Tennis-Held, der sein Heil im Vorwärtsdrang sucht. Boris Becker, einer aus der Abteilung Attacke auf dem Heiligen Rasen. Stürmisch, aggressiv, angriffslustig, so eroberte Becker als Teenager die wichtigste Krone der Tenniswelt erstmals 1985, oft hechtete er sogar über den Platz, um auch noch die unmöglichsten Bälle zu erreichen.

Dreieinhalb Jahrzehnte später ist vieles gleich geblieben im All England Lawn Tennis and Croquet Club: Die unendlich langen Zuschauerschlangen von Fans, die noch kleine Hoffnung auf ein paar übriggebliebene Tickets haben. Der astronomische Preis für eine Portion Erdbeeren aus Kent. Die Royal Box, in die man sich auch nicht mit Millionen einkaufen kann, sondern auf die Gnade einer Einladung warten muss.

Aber das sportliche Gesicht Wimbledons hat sich radikal verändert seit den Zeiten Beckers, seit den Anfängen des Profitennis überhaupt. Kurz gesagt: Wimbledon ist nicht mehr ein Turnier mit einem eigenen, scharfen, unverwechselbares Profil. Sondern, was die Matches auf den fein manikürten Rasenplätzen angeht, ein Turnier wie jedes andere.

Becker, der alte Meister, macht sich genauso wie sein in Hassliebe verbundener Weggefährte John McEnroe einen Spaß darauf, manchmal als TV-Kommentator eine Art Weckruf loszulassen. „Achtung, da war gerade ein Netzangriff“, sagte Becker dieser Tage, als Rasenkönig Roger Federer mal in die Offensive ging und punktete.

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John McEnroe bedauert Ende des Serve & Volley

McEnroe fühlt sich „wie ein Dinosaurier“, das Exemplar einer untergegangenen, ausgestorbene Epoche: „Keiner traut sich mehr, Serve-and-Volley zu spielen“, sagt der 60-jährige Amerikaner, „irgendwie ist Wimbledon nicht mehr Wimbledon.“

Jedenfalls ist es auch nicht mehr das Wimbledon, um das ausgewiesene Sandplatzspezialisten noch Anfang dieses Jahrhunderts einen Bogen machten. Doch Spanier und Südamerikaner, die Experten der Rutschübungen anderswo, fühlen sich inzwischen im Rasentempel genauso wohl oder unwohl wie der Rest der Tennis-Karawane. Der freiwillige Verzicht eines French Open-Champions auf Wimbledon, wie einst bei Sergi Bruguera – undenkbar im Hier und Jetzt, für einen wie Rafael Nadal. 

Der bullige Mallorquiner hat schon zwei Mal an der Church Road triumphiert, Nutznießer eines Sinneswandels bei den Kluboberen. Denen waren einst die Aufschlagorgien eines Pete Sampras oder Goran Ivanisevic zu stumpfsinnig geworden. Also wurde vor zwei Jahrzehnten eine neue Rasenmischung eingepflanzt (Deutsches Weidelgras), die mit dichterem Wuchs das Tempo reduzierte, aber zugleich auch einen höheren Ballabsprung garantierte.

Es war der Anfang vom Ende des Angriffstennis, auch der Beginn einer gewissen Langeweile: „Es gibt zu viel Eintönigkeit“, sagt Experte Becker, „jeder spielt, salopp gesagt, den gleichen Stiefel.“ Federer analysierte unlängst, dass bei den French Open oder den US Open sogar schnelleres Tennis als in Wimbledon gespielt werde.

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Hinzu kommt auch die moderne Technik als Offensivbegrenzer: Die neuen Hochleistungsrackets und ihre Bespannung haben die Qualität der Returns so verbessert, dass sich kaum noch ein Spieler sofort ans Netz traut - ganz zu schweigen von den kniffligen Spinbällen, die stellvertretend einer wie Nadal produziert. „Gehst du nach vorne, fällt dir so eine Kugel wie eine Bananenflanke fast vor die Knie“, sagt Mischa Zverev, einer der letzten bedingungslosen Angreifer, „viele lassen es da lieber bleiben.“

Frische Zahlen der Tennis-Statistiker untermauern das Gefühl, dass das Offensivtennis auf dem Rückzug ist. 2018 wurden in Wimbledon gerade noch knapp 1.980 Serve-and-Volley-Punkte (7 Prozent) gespielt - ein dramatischer Rückgang im Vergleich zum Jahr 2002, als es noch rund 9.200 Punkte (33 Prozent) waren. In den 70er bis 90er Jahren war der Prozentanteil zweifellos noch viel höher, allerdings gab es keine Datenerfassung.

Roy Emerson, der zwölfmalige australische Grand Slam-Champion, beklagt die mangelnde Ausbildung der Tennistalente: „Niemand bringt ihnen heute einen vernünftigen Volley bei, sagt ihnen, wie man einen Angriff orchestrieren muss“, so der einstige Wimbledon-König, „darunter leidet auch die Schönheit des Spiels.“

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von Jörg Allmeroth

Montag
08.07.2019, 10:45 Uhr
zuletzt bearbeitet: 08.07.2019, 10:28 Uhr