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Hollywood in Wimbledon – Nobody Marcus Willis im Wunderland

Der 25-jährige Brite schreibt eine der schönsten Tennisgeschichten der letzten Jahre und fordert nun Roger Federer.

von tennisnet.com
zuletzt bearbeitet: 28.06.2016, 08:04 Uhr

LONDON, ENGLAND - JUNE 27: Marcus Willis of Great Britain celebrates victory during the Men's Singles first round match against Ricardas Berankis of Lithuania on day one of the Wimbledon Lawn Tennis Championships at the All England Lawn Tennis and C...

Auf dem Henman Hill, dem Hügel des Volkes in Wimbledon, starrten Tausende gebannt auf den Leinwandkrimi um den unwahrscheinlichen Helden des Tages. Und alsMarcus Willisauf dem abgelegenen Außenplatz 17an einem denkwürdigen Montagabend seinen ersten Matchball im Auftaktspiel gegen den Litauer Ricardas Berankis verwandelte,da brach sich ein lautstarker Begeisterungssturm Bahn wie sonst nur bei Triumphen von Andy Murray oder auch bei Roger Federer. Willis im Wimbledon-Wunderland – der Erfolgsmoment des 25-jährigen Briten war nicht nur eine der größten Sensationen in der langen Turniergeschichte in London SW 19, sondern auch eine traumschöne Wohlfühlstory inmitten von Brexit-Frust und Exit-Ärger bei der EM.

Wenn Liebe beflügelt

Alles war und ist drin in dieser Geschichte der Nummer 772 der Welt: Herz, Schmerz, Tränen, Enttäuschungen, ein Comeback, eine neue Liebe abseits der Courts – und eine sportliche Auferstehung an einem Ort, der wie kein zweiter die Sehnsüchte jedes Spielers beflügelt. „Es ist nicht in Worte zu fassen, was ich hier erlebe“, sagte Willis. Und das dürfte auch für das gelten, was ihm nun bevorsteht: Eine Zweitrunden-Verabredung mitRoger Federer,dem besten Wimbledonspieler dieser Zeit, dem Grand-Slam-Rekordchampion. Selbst der, der geniale „Maestro“, war berührt von der hollywoodreifen Saga rund um Nobody Willis: „Das ist mit das Beste, was es seit langer Zeit im Tennis gegeben hat.“

Ein wenig ungläubig werden sie auch beim Marienberger SC Köln hinüber nach Wimbledon geschaut haben, auf ihren Regionalligaspieler Willis, der gerade dabei ist, die Tenniswelt ein bisschen aus den Angeln zu heben. Und der nun wie aus dem Nichts einen Mann wie Federer fordern darf, auf einem der beiden großen Wimbledon-Plätze, vielleicht sogar auf dem heiligen Centre Court. Wie es zu diesem Rendezvous des legendären Schweizers mit einem Mann aus dem Tennis-Erdgeschoß, aus den Niederungen der Branche, gekommen ist, das ist beinahe zu schön, um wahr zu sein: Denn als Willis vor ein paar Monaten eigentlich nach Philadelphia in die USA übersiedeln wollte, um dort als Trainer zu arbeiten, lernte er nach einem Konzertbesuch die Zahnärztin Jennifer Bate kennen. Es war Liebe auf den ersten Blick, und es war auch der Beginn der zweiten Karriere von Willis. „Sie sagte mir: Du bist ein Idiot, wenn du aufhörst als Profi. Und so habe ich es noch mal versucht.“

„Ich wollte einmal im Leben in Wimbledon spielen“

Der Weg in den All England Lawn Tennis and Croquet Club war indes beschwerlich. Und er begann lange, bevor sich die große Tourkarawane überhaupt mit dem Rasenspektakel beschäftigte. Willis musste sich durch ein innerbritisches Ausscheidungsturnier kämpfen, um überhaupt in der Wimbledon-Qualifikation starten zu dürfen. Dort, im wenig glamourösen Trubel von Roehampton, behielt er drei Mal eisern die Nerven und löste das Ticket herüber in den Südwesten der Metropole. „Ich habe vielleicht zum ersten Mal so richtig an mich geglaubt, beflügelt auch  durch die Liebe meines Lebens, durch Jennifer“, sagt Willis. Früher habe er sich oft „selbst gehasst als Verlierertyp“, sei auch verspottet worden als „Dickerchen.“ Und nun? „Ich bin mit mir im Reinen“, sagt Willis, der auch jetzt noch ein paar Pfunde zu viel mit sich schleppt, aber mit feiner Technik und gutem Gespür fürs Rasenspiel in Wimbledon glänzt.

Eigentlich wäre Willis in dieser Woche seinem Brot-und-Butter-Job als Trainer beim Warwick Boat Club nachgegangen. Er trainiert dort Kindergartenkinder, talentierte Einzelschüler oder auch mal ein Grüppchen Hausfrauen, knappe 40 Euro pro Stunde bringt ihm das ein. Damit sind genau so wenig große Sprünge zu machen wie mit den 300 Euro, die Willis bei seinem einzigen Start als Teilzeit-Profi in dieser Saison verdiente, bei einem Future-Turnier im Januar in Tunesien. Aber die 60.000 Euro, die der 25-Jährige mit dem allerersten Sieg bei einem ATP- oder Grand-Slam-Wettbewerb überhaupt verdiente, sind jetzt nicht das Wichtigste für den plötzlichen Publikumsliebling: „Ich wollte einmal in meinem Leben in Wimbledon spielen, das war immer mein Traum“, sagt Willis, „und das habe ich geschafft, als ich fast schon vor dem Scherbenhaufen meiner Karriere stand.“ Federer, den „Maestro“, gibt's jetzt noch zur Kür obendrauf.

Hier die Herren-Ergebnisse aus Wimbledon.

Hier der Spielplan.

von tennisnet.com

Dienstag
28.06.2016, 08:04 Uhr