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Wimbledon: Rybakina triumphiert für Kasachstan - und Russland jubelt

Der Russen-Bann hielt Wimbledon in Atem. Die Pointe: Elena Rybakina, geboren und ausgebildet in Moskau, gewinnt das Turnier. Eine junge Sportlerin in den Mühlen der Weltpolitik.

von SID
zuletzt bearbeitet: 10.07.2022, 12:18 Uhr

Elena Rybakina am Samstag in Wimbledon
© Getty Images
Elena Rybakina am Samstag in Wimbledon

Irgendwann brach es aus Elena Rybakina heraus. Sie hätte schon beim Matchball vor Glück weinen können, oder als ihr die Herzogin von Cambridge die Wimbledon-Schale überreichte. Sie hätte bei ihrer Siegesrede auf dem allerheiligsten Rasen ins Stocken geraten oder schluchzen können. Doch erst Stunden später bei der Frage nach ihren Eltern in der Heimat Moskau verlor Rybakina ihre bemerkenswerte Beherrschung.

"Ihr wolltet doch Emotionen sehen", sagte sie unter Tränen: "Ich habe sie zu lange zurückgehalten." So lange, bis ihr der Druck zu stark, die Bühne zu groß und die Fragen zu bohrend wurden. Beim 3:6, 6:2, 6:2 im Finale gegen Ons Jabeur konnte sie sich mit Aufschlag, Vorhand und Volley wehren, nach dem Match war sie schutzlos ausgeliefert.

Russlands Tennischef reklamiert Erfolg für sich

Nach vielen fröhlichen Tagen, Wohlfühlgeschichten wie "Mama Marias" Tennis-Märchen oder sportlichen Dramen wie Rafael Nadals vergeblichem Kampf gegen seinen Körper drängte die Erinnerung mit Macht zurück, dass die weltpolitische Lage auch Wimbledon belastet. Rybakina, geboren, aufgewachsen und ausgebildet in Moskau auf dem Thron, Jubel in Russland - das hatte sich der All England Club sicher anders vorgestellt.

Der Ausschluss der Profis aus Russland und Belarus wegen des Angriffskrieges auf die Ukraine sollte verhindern, dass Russland Erfolg zu Propagandazwecken ausschlachten kann. Und nun? "Gut gemacht, Rybakina! Wir haben Wimbledon gewonnen", sagte Russlands Tennischef Schamil Tarpischtschew der staatlichen Nachrichtenagentur Ria Novosti und nannte die Siegerin "unser Produkt".

Erstaunlich nervenstarke Rybakina

Dabei startet Rybakina (23) seit vier Jahren für Kasachstan, spielte bei Olympia in Tokio unter der himmelblauen Flagge - und auch im Billie Jean King Cup im April gegen Deutschland. "Ich kann nichts dafür, wo ich geboren bin", sagte Rybakina. Sie könne "nur sagen, dass ich Kasachstan repräsentiere." Aber nicht, ob sie den Krieg und Wladimir Putins Vorgehen verurteile: "Sorry, mein Englisch ist nicht das Beste."

Ihr Tennis war es. Verdient - weil erstaunlich nervenstark - gewann Rybakina am Samstag gegen die Weltranglistenzweite. Jabeurs Traum vom Titel platzte, die Tunesierin, die zwei Tage zuvor ihre Freundin Tatjana Maria rausgeworfen hatte, verhedderte sich in den eigenen Möglichkeiten, verspielte sich, statt wie im ersten Satz konsequent dagegenzuhalten.

Jabeur - "Vielleicht wollte ich es zu sehr"

Später saß die "Botschafterin des Glücks", wie sie in der Heimat genannt wird, traurig auf dem Podium, sie hätte den Menschen in der arabischen Welt, in ganz Afrika gerne den ersten Grand-Slam-Titel geschenkt - am ersten Tag des Opferfestes Eid al-Adha. "Vielleicht wollte ich es zu sehr", sagte Jabeur und versprach, nicht aufzugeben.

"Ich versuche, so viele Generationen zu inspirieren, wie ich kann", sagte sie. Ihre Tränen waren da bereits getrocknet. Jabeur hatte ihre Emotionen auf dem Centre Court ausgelebt. Sie hatte ihre Beherrschung und die Freude zurück - und ihre Heimat nie verloren. Dessen durften sich die Zuhörer bei Rybakina wenige Stunden nach dem Match nicht sicher sein.

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von SID

Sonntag
10.07.2022, 19:17 Uhr
zuletzt bearbeitet: 10.07.2022, 12:18 Uhr