Wolfgang Thiem im Interview: „Challenger in Österreich wären sinnlos“

Wolfgang Thiem ist Vater von Österreichs Tennis-Nummer-Eins und langjähriger Trainer im ÖTV-Leistungszentrum in der Südstadt nahe Wien. Im tennisnet-Interview spricht der 46-Jährige über Fehler im österreichischen Schulsystem und fordert großräumige Veränderungen in der Ausbildung von angehenden Spitzensportlern.

von Lukas Zahrer
zuletzt bearbeitet: 05.04.2019, 08:53 Uhr

Wolfgang Thiem

Außerdem erklärt er, warum Österreich keine Challenger-Turniere braucht, weshalb seine Söhne Tennis-Profis wurden und wie ihn Fans von Dominic Thiem an Hermann Maier erinnern.

tennisnet: Herr Thiem, wie sieht Ihr Alltag im Trainingsstützpunkt der Südstadt aus?

Wolfgang Thiem: Meist beginnt der Arbeitstag zwischen 8 und 9 Uhr. Einzelne Spieler trainieren vor der Schule. Am Vormittag kommen jene dazu, die nicht mehr in die Schule gehen oder eine externe Schule absolvieren. Nachmittags stoßen die Schüler und zwei Konditionstrainer dazu. Der Tag dauert bis 18 Uhr. Insgesamt komme ich auf gut zehn Stunden pro Tag, die ich auf dem Platz verbringe.

tennisnet: Ein beachtliches Arbeitspensum.

Thiem: Wenn mein jüngerer Sohn Moritz daheim ist oder ein Turnier ansteht, dann sehen auch Samstage und Sonntage so aus. Das stört mich aber nicht. Es macht mir Spaß.

tennisnet: Wie alt sind Ihre Schüler?

Thiem: Die jüngsten sind 8, die ältesten Mitte 20. Insgesamt betreuen wir 30 bis 35 Spielerinnen und Spieler.

tennisnet: Sie leiten das Zentrum gemeinsam mit Günter Bresnik. Warum wird dort so erfolgreich gearbeitet?

Thiem: Das ursprüngliche Ziel war es, neben privaten Initiativen ein Leistungszentrum für Wien, Niederösterreich und Burgenland zu schaffen. Bei der ersten Sichtung kamen über 100 Kinder, man kann das durchaus als Erfolg bezeichnen. Aber insgesamt funktionierte das nicht ganz so, wie wir es uns vorstellten. Sobald Funktionäre wechseln, wird ein Projekt sofort wieder umgestoßen.

tennisnet: In ihrem Stützpunkt verbinden Sie ÖTV-Arbeit mit einem internationalen Stützpunkt, den Sie mit Bresnik privat betreiben.

Thiem: Diese Verbindung funktioniert sehr gut. Ernests Gulbis trainiert etwa regelmäßig bei uns. In einem Land wie Österreich musst du die Besten an einem Ort zusammentragen. Selbst wenn sie die besten Trainer haben: Wenn die Spitze der Athleten übers Land zerstreut ist, fehlen ihnen über kurz oder lang die Trainingspartner.

tennisnet: Ein Punkt, den etwa auch Barbara Haas bemängelt. Es macht also im Tennis wenig Sinn, gänzlich auf Individualtraining zu setzen?

Thiem: Es hat immer geheißen, es sei bei Mädchen viel schwieriger, sie zusammen trainieren zu lassen, weil sie nicht miteinander auskommen. Ich bin da anderer Meinung. Man kann sie im Zweifelsfall auf mehrere Trainer aufteilen, und dann trotzdem miteinander in einem Zentrum trainieren lassen – auch mit Burschen. Davon profitieren alle. Ich finde es wichtig, dass sie sich von der Leistungsstärke her ständig nach oben spielen können.

Wolfgang Thiem: "Wir hinken deutlich hinterher"

tennisnet: Wenn Sie privat Stunden anbieten würden, hätten Sie finanziell vermutlich deutlich mehr davon. Warum arbeiten Sie dennoch mit dem ÖTV?

Thiem: Ein klarer Grund: Es macht mir extrem viel Spaß mit Kindern zu arbeiten, die diese Disziplin, Willenskraft und den Eigenantrieb haben, den sie mir tagtäglich zeigen. Ich besitze ja als Trainer eine Verantwortung – derer sind sich viele Trainer gar nicht bewusst. Da steckt viel dahinter, wenn man leistungsmäßig Tennis spielt, nicht nur vom Geld, auch vom zeitlichen und organisatorischen Aspekt.

tennisnet: Wäre es möglich, Tennis-Akademien in Österreich zu schaffen – in Anlehnung an Fußball-Akademien?

Thiem: In diesem Bereich hinken wir im internationalen Vergleich deutlich hinterher. Zwar gibt es Oberstufen, die für den Leistungssport in gewisser Art und Weise kompatibel sind. Aber für die vier Jahre davor besteht so gut wie kein Angebot für den Spitzensport. Es gibt aber auch noch das andere Extrem.

tennisnet: Erzählen Sie uns davon.

Thiem: Wir waren erst kürzlich in Stockholm bei einem U14-Turnier. Von allen Achtfinalisten haben sieben Kinder die Schule abgebrochen. Im Alter von 10 bis 14 gar nicht in die Schule zu gehen halte ich für falsch. Das ist ein ganz wesentlicher Teil der Entwicklung, wo ein geregelter Schulbetrieb notwendig ist.

tennisnet: Wie sieht Ihre Idealvorstellung aus?

Thiem: Die Ausbildung sollte um das Training herum positioniert werden, und nicht andersrum. Es braucht die Flexibilität, hin und wieder auch vormittags Zeit für eine Einheit auf dem Platz zu haben. Die Kinder kommen aktuell immer nach einem anstrengenden Schultag ins Training. Für das eigentliche Tages-Highlight sind sie körperlich und geistig schon geschlaucht. Vielleicht ist es zudem möglich, den einen oder anderen Gegenstand wegzulassen, dafür den Fokus mehr auf Biologie oder Ernährungswissenschaften legen. Das wäre auch für eine Trainier-Laufbahn hilfreich, sollte es nicht zum Profi reichen. Da kann man sich von den anderen Verbänden aus dem Ausland eine Scheibe abschneiden.

tennisnet: Wer leistet in dem Bereich gute Arbeit?

Thiem: Ich kann mich an ein Jugendturnier erinnern, wo der britische Verband zwei Trainer, einen Konditionstrainer hinschickte – und einen Lehrer. Zeit hast du bei einem Turnier ohne Ende, die Möglichkeiten zum Lernen sind endlos. Wenn Turniere anstehen, summieren sich die Fehlstunden. Man muss über Optionen wie eLearning nachdenken, oder einer höheren Anzahl an Lern-Modulen in Trainingsphasen. In diesem Bereich sind die Kanadier weit fortgeschritten. Ich würde diese Aufgabe nicht zwingend unserem Verband anhängen, das geht ohnehin nicht. Aus meiner Sicht müsste die Politik handeln. Wenn den Politikern etwas am Leistungssport liegt, wären für den östlichen Raum zwei oder drei solcher Schulen zwingend notwendig.

ÖTV-Förderungen: "Dieser Zugang ist falsch"

tennisnet: Besteht auch in der Trainer-Ausbildung Handlungsbedarf?

Thiem: Die Tennislehrer hatten früher eine bessere pädagogische Ausbildung. Es waren meist Lehrer, die am Nachmittag Kinder trainierten. Heute kommen die meisten zum Tennisplatz, um Kohle zu verdienen, sind aber im Umgang mit Kindern meist überfordert. Zudem wurde in den letzten Jahren auf eine dezentrale Individualförderung umgestellt, wo es de facto kein Qualitätskriterium gibt. Es wird nur auf Ergebnisse geachtet. Spielen Sie selbst Tennis?

tennisnet: Es macht mir immer wieder Spaß, Bälle zu schlagen. Mit Tennis hat das aber wohl recht wenig zu tun.

Thiem: Angenommen, Sie geben Tennisstunden und trainieren ein Mädchen, das in ihrer Altersklasse im österreichischen Spitzenfeld liegt. Dann wird sie finanziell unterstützt. Es sieht sich aber keiner an, ob Sie fachlich dazu in der Lage sind, Kinder technisch auszubilden. Da wird vielmehr gesagt: ‚Der muss ja gut sein, wenn er eh dieses Kind an die Spitze geführt hat.’ Dieser Zugang ist falsch.

tennisnet: Haben Sie einen Verbesserungsvorschlag?

Thiem: Es sollte lokale Stützpunkte geben, an denen die Kinder das technische Rüstzeug bekommen. Im späteren Alter könnten sie dann im ÖTV-Leistungszentrum zusammengefasst werden. Wir formten etwa Trainingsgruppen für das U12- und U14-Nationalteams. Dabei waren stets auch die Trainer involviert, um mit ihnen einen langfristigen Plan zu erarbeiten. Da stelle ich mir jetzt einen Schneeballeffekt vor, bei dem sie dieses Wissen weitergeben. Je zentralisierter diese Einführung, umso leichter: Bei neun Landesverbänden müsste ich die Leute theoretisch neun Mal einladen, und hätte so das Land aus Verband-Sicht flächendeckend gefördert.

tennisnet: Beim ÖTV gab es zuletzt einen Putschversuch der Landesverbände, Präsident Werner Klausner trat zurück. Was sind Ihre Beobachtungen der letzten Wochen?

Thiem: Werner Klausner brachte Ruhe in die Tennis-Szene. Er ist keiner, der polarisiert, mit ihm kommt jeder gut aus. Eventuell ließ er seinen Präsidiums-Kollegen zu viel Freiraum, diese nützten das Vertrauen eiskalt aus und stellten sich gegen ihn. Es ging um Fördergelder und abstruse Forderungen. Wenn die Landesverbände de facto das Präsidium stellen, dann zerstreut sich die Szene noch mehr. Ich denke nicht, dass du neun Bundesländer permanent auf einer Linie halten kannst.

tennisnet: Der ÖTV rühmt sich gerne damit, mitgliedermäßig der zweitgrößte Sportverband Österreichs zu sein. Warum schaut im Profibereich nicht mehr dabei raus?

Thiem: (Überlegt lange) Das weiß ich nicht. Ich will mir nicht anmaßen, darüber zu urteilen, warum der ÖSV oder der ÖFB mehr Geld bekommt als der ÖTV. Ich weiß nicht, wie schwierig es ist, Gelder zu lukrieren. Grundsätzlich finde ich es aber traurig, dass solch ein großer Verband wie unserer so ein – auf gut Deutsch - Pimperlbudget hat. Was ich aber festhalten möchte: Geld hat nur beschränkt etwas mit sportlichem Erfolg zu tun. Ich kann es auch in der Südstadt – wahrlich keine Halle unter Laborbedingungen, um es freundlich auszudrücken - zum Tennisprofi schaffen. Der Verband in Großbritannien schwimmt im Geld, produziert aber auch keine Superstars am Laufband.

tennisnet: Wäre eine höhere Anzahl an Profiturnieren in Österreich ein Mittel zum Erfolg? Warum gibt es etwa keine Challenger-Turniere?

Thiem: Challenger in Österreich wären völlig sinnlos. Wir bräuchten viel mehr Futures.

tennisnet: Warum?

Thiem: Um jene Spieler, die Challenger bestreiten, brauchst du dich nicht mehr zu kümmern. Wir reden hier im Männer-Bereich aktuell vielleicht von maximal acht Spielern, die den Tour-Alltag bereits stemmen können. Der Rest sind Future-Spieler. Mittlerweile gibt es ja in der Türkei oder in Ägypten kostengünstige Turniere. Aber wenn diese in Österreich stattfinden würden, könntest du nach einer Niederlage in der Quali dich ins Auto setzen, Heim fahren, und bis zum nächsten Turnier die gesamte Woche über trainieren. Anderswo bin ich aber gebunden, drei Wochen dort zu bleiben. Die Heimreise kostet dann eine Menge Geld auf Dauer.

tennisnet: In Spanien hat man kurzerhand eine Handvoll Futures aus dem Boden gestampft, um heimische Spieler nach der ITF-Reform zu fördern.

Thiem: Ein 15.000-Dollar-Future kostet den Veranstalter wohl um die 23.000 Euro. Angenommen, ein Bundesland erklärt sich bereit dafür, 500.000 Euro für eine Turnierserie freizugeben. Verglichen mit dem x-ten Sportplatz in der Pampa wäre das nicht viel Geld. Dann hätte man plötzlich von April bis September Future-Turniere in Österreich.

Wolfgang Thiem über Sebastian Ofner & Dennis Novak

tennisnet: Einer der angesprochenen Challenger-Spieler ist Sebastian Ofner. Wie zufrieden sind Sie als sein Trainer mit Ofners Entwicklung?

Thiem: Er hatte vor zwei Jahren diesen unglaublichen Lauf in Wimbledon. Damals ist er zum Erfolg gekommen wie die Jungfrau zum Kind. Ich erinnere mich noch gut, als wir vor dem Turnier als Vorbereitung auf dem Trainingsrasen der Admira umherrutschten. Er kam gerade von einem Sandplatz-Turnier und reiste komplett unbeschwert nach London. Dort ist sehr viel für ihn gelaufen, im Jahr darauf lief allerdings auch sehr viel gegen ihn.

tennisnet: Warum konnte er die Ergebnisse nicht bestätigen?

Thiem: Von 20 Profis schafft es vielleicht einer, nach solch einem Ausreißer nach oben regelmäßig diese Resultate zu erzielen. Sebastian hat sich sukzessive verbessert. Er spielt heuer besser als im letzten Jahr, und damals besser als vor zwei Saisons. Ich hoffe, er stabilisiert sich so sehr, dass es in Richtung Top-100 geht. Das traue ich ihm spätestens im nächsten Jahr zu hundert Prozent zu, das Potenzial dafür hat er.

tennisnet: Was sagen Sie zu Dennis Novak?

Thiem: Wir wissen alle: Er spielt seine besten Matches vor vollem Haus und wächst mit der Aufgabe: Je besser die Gegner, umso besser spielt er selbst. Sein Problem ist eher, bei einem Challenger vor gefühlt zwei Zuschauern seine Leistung abzurufen. Das muss er aber tun, denn in seinem Ranking-Bereich kann er nichts anderes spielen. Sein Potenzial lässt es theoretisch zu, dass er auf jeder Ebene bis hin zum Grand Slam zumindest gut mitspielen kann.

tennisnet: Tamira Paszek fragte sich kürzlich in einem tennisnet-Interview: „Welche Eltern werden es in Zukunft noch auf sich nehmen, ein Kind zu unterstützen?“. Also Vater zweier Tennisspieler: Was antworten Sie ihr?

Thiem: Jedes Kind, das Leistungssport machen will, gehört unterstützt. Einfach schon deshalb, um es vor Blödheiten zu beschützen. Einer der Hauptgründe, warum meine Kinder Sportler wurden, war meine Sorge, dass ich im Bett liege vor Angst, sie könnten beispielsweise samstagnachts betrunken mit dem Auto fahren. So war das völlig ausgeschlossen. Sie gehen lieber ins Kino, oder trinken auf einer Geburstagsfeier ein Getränk, das wars aber auch schon. Da ist der Leistungssport unglaublich hilfreich.

Thiem: Massu kann den Unterschied ausmachen

tennisnet: Eine gute Entscheidung, wie man bei Dominic Thiem sieht. Wie haben Sie dessen Triumph in Indian Wells wahrgenommen?

Thiem: Es war super geil. Man darf nicht vergessen, Roger Federer gewann in Dubai, und hat auch beim Sunshine Double nur ein Match verloren, das war gegen Dominic. Als ich das Match sah, realisierte ich gar nicht, dass das „mei Bua“ ist, der gerade Federer schlägt. Ich bleibe bei solchen Matches relativ ruhig und sachlich, erst viel später verstehe ich, was da passiert ist.

tennisnet: Wie ist es zu dieser Distanz gekommen?

Thiem: Ich bin grundsätzlich kein euphorischer Mensch. Aber dass er mittlerweile 12 Turniere gewonnen hat und auf Platz vier stand, ist schon der Wahnsinn. Das Ausmaß seiner Karriere ist mir aktuell noch gar nicht bewusst. Es ist ein Vorteil, dass die Ergebnisse zu Hause kaum ein Thema sind. Es ist etwas befremdend für mich als Vater, wenn Leute auf Dominic zukommen und sich fast schon davor fürchten, ihn anzusprechen. Dabei ist es ja absolut logisch! Ich weiß nicht, wie ich reagiert hätte, wäre ich vor 20 Jahren Hermann Maier begegnet (lacht).

tennisnet: Kennen Sie Nicolas Massu eigentlich persönlich?

Thiem: Ich sah ihn in Salzburg, traf ihn aber nicht persönlich.

tennisnet: Wie kam es zur Entscheidung, dass er ihren Sohn auf die nächsten Turniere begleiten wird?

Thiem: Fakt ist, Günter Bresnik hat einen irrsinnig hohen Anteil an Dominics Erfolgen. Jetzt geht es darum, gewisse Bereiche zu optimieren und auszureizen.

tennisnet: Was kann Massu dabei bewirken?

Thiem: Er ist ehemaliger Top-10-Spieler. Daher nimmt Dominic die Dinge, die Massu ihm sagt, ganz anders auf. Es sind vielleicht Dinge, die ihm Günter genauso sagt. Wir können uns nie exakt in die Lage eines Profis hineinversetzen, wie es Massu als Ex-Profi, der bei all den großen Turnieren spielte, schafft. Das kann den Unterschied ausmachen.

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