"Angies" Zwischenzeugnis: Kerber erhält Note 2* und hat Luft nach oben

Gut ein Viertel der Saison ist vorbei: Angelique Kerber kann nach ihrem Viertelfinal-Aus in Miami äußerst zufrieden auf den ersten Teil des Jahres zurückblicken und sich bis zur Sandplatzsaison erholen. tennisnet.com hat der 30-Jährigen ein Zwischenzeugnis ausgestellt: Note 2 mit Sternchen !

von Ulrike Weinrich
zuletzt bearbeitet: 29.03.2018, 18:19 Uhr

Angelique Kerber

Was schon richtig gut war/ist:

Die nackten Zahlen sprechen für sich...und für Kerber

+ Kerber ist mit 25 Matcherfolgen (inklusive Hopman Cup) die Spielerin mit den meisten Siegen in der laufenden Saison (5 Niederlagen). Selbst in ihrem Traumjahr 2016 hatte sie zu diesem Zeitpunkt "nur" 17 Erfolge auf dem Konto. Ihre Gesamtbilanz 2017: 29:24-Siege. Und die Quote in den zwölf Monaten davor: 64:19-Erfolge.

+ Kerber erreichte bei ihren sechs Turnierteilnahmen seit Januar mindestens das Viertelfinale. Die Übersicht: Ein Turniercoup (Sydney), zwei Halbfinals (Australian Open, Dubai), drei Viertelfinals (Miami, Indian Wells, Doha).

+ Kerber hat in der Race-Wertung nach sechs Turnieren bereits 2055 Punkte gesammelt - in der gesamten (!) vergangenen Saison waren es insgesamt nur 2121 Zähler.

+ Kerber hat nach den ersten drei Monaten bereits sechs Siege gegen Top-20-Spielerinnen geschafft - drei davon gegen Kontrahentinnen, die unter den ersten zehn des Rankings standen.. In der Saison 2017 gelang ihr in 13 Duellen mit Profis aus den Top 20 lediglich ein Sieg.

Was sonst noch auffiel...

+ Ausreißer nach unten blieben bislang aus: Beim Zittersieg gegen die stark aufspielende chinesische Qualifikantin Yafan Wang (WTA-Nr. 125) im Achtelfinale von Miami biss sich Kerber durch. 2017 hätte sie ein solches Match verloren.

+ Der Trainerwechsel fruchtet: Wim Fissette hat zusammen mit Kerber unter anderem den Aufschlag umgestellt - und verbessert. Mit seinen klaren, taktisch klugen und emotional eher dosierten Ansprachen erreicht der erfahrene Belgier die Kielerin. Fissette hatte bei seinem Dienstantritt als Ziel ausgegeben: "Ich will, dass sie wieder um jeden Punkt kämpft." Das tut Kerber.

+ Turnierplanung: Kerber verzichtet nach Indian Wells und Miami erstmals seit Jahren auf die Teilnahme an einem Anschlussturnier. Obwohl die Angebote für einen Start in Charleston oder Monterrey, wo sie 2017 ihr einziges Finale erreichte, sicher lukrativ waren.

+ Hinter den Kulissen: Kerber hat zusammen mit ihrem umsichtigen Manager Aljoscha Thron längst die richtige Balance zwischen den Aktivitäten außerhalb des Courts (Sponsorenverpflichtungen), Trainingsblöcken und kleinen Auszeiten gefunden.

+ Neue Reizpunkte: Auch in Teilen des Teams fand vor dieser Saison bewusst Veränderung statt. Nach dem Motto: Neue Gesichter für den Neustart. Unter anderem arbeitet Kerber mit dem niederländischen Fitnesscoach Rob Brandsma zusammen, der auch in Doha und Indian Wells dabei war.

Was Lust auf mehr macht...

+ Kerber hat in der Sandplatzsaison so gut wie nichts zu verteidigen. 2017 schied sie bei den French Open, in Stuttgart und Rom bereits in ihrem Auftaktmatch aus - und erreichte in Madrid nach zwei Siegen immerhin das Achtelfinale.

+ Und dann kommt Rasen: Toni Nadal, Onkel und Ex-Coach von Rafael Nadal, bezeichnete Kerber jüngst im tennisnet-Interview als Wimbledon-Mitfavoritin: "Angies Spiel passt blendend zum Rasen. Ich glaube, die Vorzeichen stehen gut, dass es bald wieder eine deutsche Wimbledonsiegerin gibt. Kerber hat beste Chancen, dieses Turnier zu gewinnen", sagte Toni Nadal.

Was noch besser werden muss/kann:

+ Der ganz große Knaller fehlt noch in der bisherigen Bilanz: Im Halbfinale der Australian Open stand Kerber schon mit einem Bein im Endspiel. Doch gegen Branchenführerin Simona Halep konnte sie in einem irren Fight zwei Matchbälle nicht nutzen. Trotzdem wurde das Match zu einem der spektakulärsten der letzten Zeit. "Besser kann Damentennis nicht sein", schwärmte die legendäre Amerikanerin Chris Evert damals. Eigentlich hätte die Partie zwei Siegerinnen verdient.

+ Kerber hadert manchmal zu schnell mit sich selbst. Unerklärlicherweise oftmals schon früh im Spiel. Dadurch macht sie ihre Gegnerinnen stark. Bitte wieder mehr die Körpersprache von 2016 einsetzen! Bei den bisherigen Ergebnissen kann ihr das nicht so schwer fallen!

+ In der Defensive macht Kerber niemand etwas vor. In ihrer Traumsaison zeigte sie allerdings noch mehr Aggressivität als in einigen Matches 2018. :

GESAMTFAZIT:

Note 2 mit Sternchen: Kerber ist der "Turnaround" nach ihrem Seuchenjahr auf beeindruckende Weise gelungen. Sie kann wieder um die großen Titel mitspielen. Das ist keine Selbstverständlichkeit - erinnert sei nur an die ehemalige Wimbledonfinalistin Eugenie Bouchard (Kanada), die nach unten durchgereicht wurde und nur noch die Nummer 114 des WTA-Rankings (!!!) ist. Kerber kann in der Sandplatzsaison nur gewinnen. Danach wird sich auf Rasen und bei der zweiten US-Hartplatztour des Jahres zeigen, ob sie ein bislang starkes 2018 vergolden kann. Zuzutrauen ist es ihr allemal.

von Ulrike Weinrich

Donnerstag
29.03.2018, 18:19 Uhr