WTA: Steve Simon - Der Mann, der sich mit China anlegt

Im Fall Peng Shuai hat WTA-Chef Steve Simon klare Kante gezeigt. Und dafür viel Lob geerntet. Das war nicht immer so.

von Jörg Allmeroth
zuletzt bearbeitet: 03.12.2021, 15:18 Uhr

Steve Simon mit dem Vertreter des Hauptsponsors bei den WTA Finals 2017
© Getty Images
Steve Simon mit dem Vertreter des Hauptsponsors bei den WTA Finals 2017

Es war vor gut einem Jahr, als Steve Simon wieder einmal ins Kreuzfeuer der Kritik in seiner eigenen WTA-Familie geraten war. Im Herbst 2020 erschütterte die Corona-Pandemie damals das Profitennis massiv, allerdings mit einem kleinen Unterschied. Während die männliche ATP-Tour eifrig improvisierte und überall neue Termine und Turniere aus dem Boden stampfte, nicht zuletzt auch in Köln, bewegte sich im Frauentennis fast gar nichts. Hinter vorgehaltener Hand gab es sogar Rücktrittsforderungen an Simon, einen eher farblosen, uninspiriert wirkenden Amerikaner Mitte Sechzig, Deutschlands langjährige Bundestrainerin Barbara Rittner warf der WTA „Trägheit“ vor, Nationalspielerin Laura Siegemund konstatierte, sie sei „quasi joblos“ geworden.

Als nun am Abend des 1. Dezember 2021 ein offizielles Statement von Simon (66) über Tausende Adressen weltweit verbreitet wurde, erschienen der kalifornische WTA-Boss und seine Spielerinnenorganisation auf einmal in einem ganz neuen Licht. Klar, entschlossen und kompromisslos begründete Simon in der denkwürdigen, beinahe historischen Depesche, warum die WTA „ab sofort alle Turniere in China aussetzen“ wolle: „Ich kann von unseren Athletinnen nicht guten Gewissens verlangen, dort anzutreten, wenn Peng Shuai nicht frei sprechen darf und offenbar unter Druck gesetzt wurde, ihren Vorwurf der sexuellen Übergriffe zurückzunehmen.“

"Die WTA rettet die Seele des Sports"

Es war der vorläufige Höhepunkt einer Affäre, die mit den schweren Missbrauchsvorwürfen der 35-jährigen ehemaligen Weltranglisten-Ersten gegen den einstigen chinesischen Vizepremier Zhang Gaoli begonnen hatte. Die sich mit einer flächendeckenden Zensur des Falles im Riesenreich und einem internationalen Aufschrei der Empörung über das jähe Verschwinden der Athletin fortgesetzt hatte. Die zu einer merkwürdigen Intervention des Internationalen Olympischen Komitees und seines Präsidenten Thomas Bach geführt hatte. Und die nun vorerst mit einer bisher beispiellose Reaktion eines Sportverbandes gegenüber dem chinesischen Regime endete. Ein Internetnutzer brachte die Lage nach Simons Verdikt prägnant so auf den Punkt: „Wer hätte gedacht, dass das Frauentennis und die WTA die Seele des Sports rettet.“

Kurz nachdem der aufsehenerregende Beschluß der WTA verkündet war, scharten sich aktive und ehemalige Größen des Sports hinter Simon und seine Mitstreiter. Sie beglückwünsche Simon zu dieser Entscheidung, schrieb die Begründerin des modernen Frauentennis, Billie Jean King, „damit stehen wir auf der richtigen Seite der Geschichte.“ Ikone Martina Navratilova applaudierte, „dass Prinzipien über Dollars“ gestanden hätten, DTB-Frau Barbara Rittner nannte das Vorgehen „konsequent, mutig und richtig.“ Pete Bodo, einer der einflußreichsten US-Sportpublizisten, kommentierte den Vorgang so: Als es in einer Krise darum gegangen sei, Flagge zu zeigen, sei der „echte Steve Simon aufgestanden“ und habe demonstriert, „was in ihm steckt.“

Rekordpreisgeld für Ashleigh Barty

Noch ist unklar, welche Auswirkungen die harte WTA-Attacke für andere Sportverbände und insbesondere die Olympischen Winterspiele 2022 in China haben wird. Aber im Männertennis wurden bereits Stimmen laut, sich der vorläufigen Boykottentscheidung der WTA anzuschließen und keine Turniere in China auszutragen, solange die Unversehrtheit und das Schicksal von Peng Shuai nicht zufriedenstellend geklärt seien. Am Rande des Davis-Cup-Finals in Madrid erklärte ATP-Frontmann Novak Djokovic, er stehe voll hinter dem WTA-Entscheid: „Das ist eine mutige Position. Die Gesundheit von Peng Shuai ist für uns alle von größter Bedeutung.“

Auf dem Markt, mit dem die WTA einst ihre größten Marketing-Hoffnungen für die Zukunft verband, gehen nun erst einmal die Lichter aus. Im Jahreskalender des Frauentennis spielte China im Herbst stets die zentrale Rolle, insgesamt wurden dort pro Saison bis zu zwölf Wettbewerbe ausgetragen. Einen besonders prestrigeträchtigen Deal verkündete die WTA 2018, als das Saisonfinale für eine ganze Dekade an die südchinesische Wirtschaftsmetropole Shenzhen vergeben wurde. 2019 wurde bei der Premiere dort der größte Preisgeldscheck der Frauentennis-Historie ausgeteilt, rund 3,5 Millionen Dollar gingen an die Gewinnerin Ashleigh Barty aus Australien.

Vertrag über eine Milliarde Dollar

Der Vertrag mit den chinesischen WTA-Partnern sah Investitionen von einer Milliarde Dollar über die zehnjährige Laufzeit vor. Schätzungen zufolge generierte die WTA zuletzt jeden dritten Dollar ihrer Einnahmen in China. Es bestehe kein Zweifel, dass der Schritt massive finanzielle Konsequenzen haben könne, sagte Simon selbst, aber wenn man das chinesische Vorgehen einfach so hinnehme, „widerspricht das der Basis, auf der die WTA gegründet wurde“: „Das würde einen schweren Rückschlag bedeuten. Ich werde und kann nicht zulassen, dass dies der WTA und ihren Spielerinnen widerfährt.

Simon und die WTA-Führung hatten in den letzten Wochen immer wieder erfolglos  versucht, mit der ehemaligen Spitzenspielerin Peng Shuai Kontakt aufzunehmen. Die 35-jährige blieb allerdings lange Zeit verschollen, bis plötzlich staatsgesteuerte Videos auftauchten, auf denen sie mal in einem Restaurant in Peking oder bei einem Tennis-Jugendturnier zu sehen war. Gleichzeitig wehrte sich die chinesische Führung roboterhaft gegen ausländische Einmischungsversuche und die „Politisierung des Sports“. Dann erreichte die Causa Peng Shuai mit einem Auftritt des obersten Sportfunktionärs Thomas Bach einen neuen Tiefpunkt: Jäh tauchten Berichte über eine Videoschaltung zwischen dem IOC-Präsidenten und Peng Shuai auf, bei der die Tennisspielerin laut dem IOC „entspannt“ gewirkt und versichert habe, „dass es ihr gut geht“ und man ihre Privatsphäre respektieren möge. Im übrigen, so war auch im IOC-Protokoll zu lesen, wolle man sich zu einem gemeinsamen Abendessen treffen, wenn Bach demnächst im Januar in Peking weile.

Steve Simon - "Wir werden nicht klein beigeben"

Dass damit die wirklichen Aufklärungsversuche in der Missbrauchsaffäre torpediert wurden, musste dem obersten Olympier klar gewesen sein. Bach allerdings scherte es nicht im geringsten, dass der Eindruck entstand, er sei quasi ein Verbündeter der chinesischen Staatsführung – dem ehemaligen Weltklassefechter und Goldmedaillen-Gewinner gehe es ja „mit allen Mitteln und ohne Gewissen“ nur um die möglichst reibungsfreie Austragung der Spiele in Peking im nächsten Jahr, polterte ein hochrangiger WTA-Funktionär bereits letzte Woche, „was zählen da schon die Menschenrechte.“

Nun allerdings sind Bach und seine IOC-Funktionäre heftig bloßgestellt worden, von der professionellen Tour des Frauentennis. Spätestens am Mittwochabend, dem Zeitpunkt, an dem Steve Simons Statement öffentlich wurde, musste sich der gerissene Machtmensch Bach von einer Illusion verabschieden – dass die Spiele von Peking auch nur ansatzweise die Spiele einer irgendwie geeinten, harmonischen Sportfamilie werden könnten. „Wir jedenfalls“, sagte WTA-Boß Simon am Donnerstag, „wir werden nicht klein beigeben in dieser Angelegenheit. Wir sind bereit, alle Konsequenzen zu tragen.“

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