Alexander Zverev: Wie ein zweiter Aufschlag mit Kick auf die Linie

Alexander Zverev hat sich in den vergangenen Jahren stark verbessert. In welchen Punkten genau? Unser Tennis-Insider hat hingeschaut.

von Marco Kühn
zuletzt bearbeitet: 04.01.2022, 17:28 Uhr

Alexander Zverev überzeugt bislang in Acapulco
© Getty Images
Alexander Zverev

Hätte man Humor, würde man ein Schild mit der Aufschrift "Debattierclub" vorn an das Vereinsheim hängen. Es steht aber doch "Tennisclub" dran, und das ist gut so.

Vor knapp fünf Jahren saßen die Tenniskumpels Michael und Frederik in der prallen Sonne auf der Clubterrasse ihres Heimatvereins in der Nähe von Dortmund. Der Sonnenschirm war schon so rostig, dass er nicht mehr gerade stand. Der Clubwirt, der die Frikadellen noch selbst, meist mit zu viel Zwiebeln, zubereitete, brachte den beiden Tenniscracks nach ihrem Zweistunden-Fight auf Platz drei die zweite Runde Bier.

Da sagte Michael:

"Dieser Zverev, der scheint ja endlich mal wieder einer zu sein. Seine Ergebnisse sind ja schon ganz gut. Hast du den schon spielen gesehen?" - Michael nahm einen großen Schluck vom kühlen Bier.

"Jau, hab` ich ... Aber ganz ehrlich? Haut mich nicht vom Hocker ... Der ist zu groß, so dürr. Auch technisch gefällt er mir nicht. Der spielt vielleicht in den nächsten Jahren ein paar gute Matches. Aber nen richtig guter wird er nicht" - antwortete Frederik.

Über Passivität, Doppelfehler und wackelige Vorhände

Der Spieler, der am schnellsten aus seinen Makeln lernt, wird schnell besseres Tennis spielen. Leider haken viele Spieler, meist auch aus Egogründen, ihre Makel flott ab. Dabei zeigt die kürzere Tennishistorie, dass die größten Champions sich trotz Topniveau immer wieder mit ihren Schwächen, Fehlern und spielerischen Makeln auseinandergesetzt haben. Und diese "dunklen Flecke" ihr Spiel, aber auch ihren Charakter auf dem Platz, verbessert haben. Der großartige Roger Federer musste gegen die Grundlinien-Naturgewalt in Form von Novak Djokovic und Rafael Nadal Wege finden, die Ballwechsel kürzer zu halten.

Der spielerisch teils unglaubliche Dominic Thiem musste Lösungen dafür finden seine enormen spielerischen Waffen konstanter und abgebrühter einzusetzen. Und nun muss Novak Djokovic eine Lösung gegen Daniil Medvedev finden, der wie er spielt - nur besser.

Wie Frederik auf der brütend heißen Clubterrasse richtig bemerkte, war auch das Spiel von Alexander Zverev von Makeln beklebt. Ein paar Jährchen und viele gute Matches später stellen wir mit Erstaunen fest, dass es Zverev gelungen ist all diese Makel für sich zu nutzen. Boris Becker mahnte vor noch nicht allzu langer Zeit vor der großen Passivität im Grundlinienspiel von Sascha - vollkommen zurecht. Zwischenzeitlich konnte man annehmen, die Ketten um seinen Hals irritierten ihn beim Aufschlag. Das Brett beim ersten Service erschrak sich förmlich vor der Quote beim zweiten Aufschlag. Die Rückhand in seinem Spiel war oft der Hebel zum Sieg, die Vorhand stand in ihrem Schatten.

Die coolste Nummer 1 seit Ewigkeiten?

Die Zeiten der Doppelfehler und emotionalen Achterbahnfahrten sind vorbei. Alexander Zverev hat im kommenden Jahr 2022 die Chance, nicht nur sein erstes Grand-Slam-Turnier zu gewinnen. Der ehemals schmale, zu passiv agierende Typ mit dem lässigen Gang kann die nächste Nummer eins werden. Ach, was heißt hier kann. Er wird die nächste, vielleicht coolste Nummer eins seit Ewigkeiten werden.

Aber welche Art Tennis muss Sascha konsequent abliefern? Welche Spielphilosophie schubst den serbischen Grundlinien-Dominator vom Thron?

Eine der wichtigsten Eigenschaften ist der Kopf. Wie geht man mit Rückschlägen in einem epischen Fünfsatz-Klassiker gegen einen Novak Djokovic um? Welche Gedanken jagen durch den Kopf, wenn man Führungen verspielt, Breakchancen liegen lässt und der Gegner von Ballwechsel zu Ballwechsel stärker spielt? Bleibt man fokussiert oder verliert man sich in seinen Emotionen?

Hier scheint Zverev einen der größten Sprünge gemacht zu haben. Daniil Medvedev bewies im Finale der US Open, dass eine spielerische Gelassenheit, auch mal ein Lächeln in kritischen Phasen, sich im Kopf eines Djokers festsetzen kann. Diese "amüsierte Gelassenheit" zeigt dem Gegner emotionale Kontrolle. Dass man sich nicht von seinem Weg abbringen lässt.

Zverev sagte es mal ganz treffend: "Was soll schon passieren? Im schlimmsten Fall verliere ich ein Tennismatch!". Eine sehr gute mentale Grundlage, um in schwierigen Phasen cool zu bleiben.

Die spielerischen Schlüssel zum Triumph

Was in den letzten zwölf Monaten auffiel, war die Beständigkeit im Spiel von Sascha. Im ATP-Finale gegen "Mr. Beständig" Daniil Medvedev war Zverev beständiger. Eine größere Auszeichnung kann die Konstanz eines Spielers im Grunde nicht erhalten.

Die spielerischen Schlüssel sind dabei klar und simpel:

- starker Aufschlag
- attackieren, wenn es die Dynamik im Ballwechsel zulässt
- eigene Fehler reduzieren, wenig bis keine Geschenke verteilen
- im Kopf voll da sein, wenn die Big-Points gespielt werden

Dieser Matchplan passt auf einen Bierdeckel. Wie jeder Matchplan eines großen Champions. Das alles klingt in der Theorie leicht und schön. Die Umsetzung ist ein ganz anderer Schnack. Aber einer, den man Alexander Zverev mittlerweile zutraut.

Dafür kann man ihm nur die satt getroffene Rückhand-Longline beim Satzball wünschen. Und den zweiten Aufschlag mit Kick direkt auf die Linie - bei Breakball gegen sich.

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