Tennisanfänger, Bewegungsmangel und Smartphones

Die Kinder von heute treffen auf dem Tennisplatz immer seltener den Ball. Beherrschen Kinder ihr Smartphone besser als ihren eigenen Körper?

von tennisnet.com
zuletzt bearbeitet: 18.04.2016, 19:32 Uhr

Michael Ebert

Die Beziehung zwischen körperlichen und geistigen Leistungen in der Entwicklung eines Menschen ist ein altes, wie aktuelles Thema. Inzwischen ist bekannt, dass bei Kindern die körperliche Entwicklung auf die geistige Entwicklung Einfluss nimmt. Laut WHO (World Health Organization) erfüllen nur 21 Prozent der Kinder zwischen vier und zwölf Jahren die Richtlinien in Bezug auf die tägliche Bewegung. Nicht allzu positiv dabei ist die Tatsache, dass während der gesamten Schulzeit die Richtlinien immer weniger erfüllt werden. Jungen mit sechs Jahren erfüllen die WHO-Richtlinien etwa zu 30 Prozent, jedoch mit zehn Jahren nur noch zu rund 15 Prozent.(Quelle: Ballschule Heidelberg)

Die tägliche Bewegung leidet auch unter dem Einfluss der digitalen Medien. Laut der „Kinder und Jugend 3.0“-Studie vonBitkombesitzen bereits ein Fünftel der Sechs- bis Siebenjährigen ein Smartphone. Bei den Zwölf- bis 13- Jährigen sind es sogar 85 Prozent. Bei den Zehn- bis 18-Jährigen sind es zusammengefasst 79 Prozent, die über ein Smartphone verfügen. Weiterführend hat sich auch die Anzahl an Grünflächen bzw. Spielwiesen und Kindern, die auf diesen Bewegung treiben, in den vergangenen Jahren nicht vermehrt. Kinder spielen heute anders als ihre Eltern oder Großeltern. Die Folgen sind Probleme der körperlichen Gesundheit und schlechtere geistige Leistungen, wie zum Beispiel Konzentrationsschwächen.

Wie sieht nun die Situation in der Praxis aus?

Befragt man Menschen, die mit Kindern praktisch arbeiten, erhält man ebenfalls, einen nicht allzu positiven Eindruck. Die Fachärztin für Kinder- und JugendheilkundeDr. Doris Schobererklärt: „Diese Entwicklung ist eine schleichende Entwicklung, deshalb ist es schwer, ein Bewusstsein dafür aufzubauen. Durch die ständige passive Beschäftigung mit verschiedensten Medien bzw. Handys, iPads oder Laptops, und immer weniger Bewegung, lässt sich ganz klar eine drastische Reduktion der motorischen Grundeigenschaften bei Kindern feststellen. Speziell im Rahmen von Routineuntersuchungen zeigen sich diese Defizite, die später auch im Zuge von Schulproblemen auftreten. Hier sind besonders Konzentrations- und Schlafstörungen zu erwähnen.“

Und auch Tennistrainer Martin Bartosch vom Alt Erlaa TC kann eine negative Entwicklung erkennen: „Bewegungsmangel ist ein großes Problem der heutigen Multi-Optionsgesellschaft. Physische und seelische Krankheiten sowie geringe Leistungs- und Konzentrationsfähigkeit sind nur wenige Beispiele für Folgen von zu wenig Bewegung. Aus sportlicher Sicht müssen viele Kids und Jugendliche, die sich in einer Sportart versuchen wollen, erst grundmotorisch ausgebildet werden, bevor sie dann spezifisch trainiert werden können. In früheren Zeiten war dies nicht so häufig notwendig, da viele Kids und Jugendliche aufgrund der alltäglich stattfindenden Straßenspielkultur motorisch gut ausgebildet waren. Aus heutiger Sicht muss mit guten Konzepten, wie zum Beispiel dem der Ballschule Heidelberg, dem Verlust der natürlichen Straßenspielkultur entgegengesetzt werden.“

Die Ballschule Heidelberg stellt sich gegen diese Entwicklung

Einen guten Ansatz, um dieser Entwicklung entgegenzutreten, liefert dieBallschule Heidelberg Zentrum ÖsterreichDiese richtet sich vorrangig an Kinder zwischen drei Jahren bis zum Ende des Grundschulalters und wurde von Michael Ebert im Sommer 2013 nach Österreich gebracht. Ebert erklärt den Schritt zur Etablierung der Ballschule in Österreich wie folgt: „Ich bin in meiner Tennistätigkeit erstmals 2002  auf die Ballschule Heidelberg gestoßen und war von Beginn an von diesem Konzept fasziniert. Die Ballschule Heidelberg wurde bereits 1998 von Professor Klaus Roth gegründet und verfolgt das Ziel, die ‚natürliche Ballschule' von früher zu ersetzen.

Die Kinder sollen in der Ballschule jene Dinge lernen, die sie früher selbständig und meist ohne Anleitungen beim Spielen im Park, auf der Wiese oder im Hof erlernt haben. Von großer Bedeutung ist für mich die Mini-Ballschule für Kinder von drei bis sechs Jahren. In diesem Alter haben wir ganz viele Möglichkeiten, Fähigkeiten mit den Kindern spielerisch zu entwickeln. Vor allem die motorischen Basisfertigkeiten und die elementaren Ballfertigkeiten stehen hier im Mittelpunkt und werden in einzigartiger Form vermittelt.“

Ein Kind ist nur dann Kind, wenn es spielt" (Friedrich von Schiller)

Die Kinder lernen in der Ballschule sportliche und spielerische Basiskompetenzen, die im Konzept der Ballschule in „Bausteine“ aufgeteilt sind. Die Bausteine sind den Bereichen Taktik (A), Koordination (B) und Technik (C) zugewiesen. Das ergibt ein „ABC des Spielenlernens". Die Spiele vermitteln den Kindern Fangen, Rollen, Schießen, Werfen, Prellen und koordinative Fähigkeiten mittels einfachen Ballspielen. Beispiele hierfür sind „Tunnelball“, „Wanderball“, „Tunnelkick“ oder „Ballerobern“. Die Philosophie hinter der Ballschule Heidelberg ist die des implizierten Lernens. Die Kinder lernen dabei, ohne ständige Anweisungen, spielerisch, beiläufig und intuitiv ein Ball-und Spielverständnis.

Der nächste Schritt: Kindertennis

Der Blick in die Tennis-Praxis zeigt, dass die Philosophie des „implizierten Lernens“ auch im Tennisunterricht sinnvoll ist. „Es geht nicht darum, den Kindern zwischen vier und sechs Jahren eine perfekte Schlagtechnik anzutrainieren. Vielmehr müssen die Kids lernen, den Sport Tennis in seiner einfachsten Definition auszuüben. Wurf- und Fangübungen sowie das selbstständige Lösen von Aufgaben ist hier sehr wichtig. Kurz gesagt lernen Kinder zuerst, in einer für sie passenden Form Matches zu spielen. Spaß und Aktion wird dadurch gefördert. Technische Elemente spielen dann fortlaufend eine größere Rolle und werden aufgrund der durch das Match orientierte Training angeeigneter Eigenschaften wie Distanzgefühl, Orientierungsfähigkeit oder Anpassungsfähigkeit viel schneller erlernt“, erläutert Martin Bartosch, der auch als Kooperationspartner der Ballschule Heidelberg Zentrum Österreich tätig ist.

Das Programm„tennis4kids“übernimmt diese Philosophie und richtet sich an Kinder ab dem sechsten Lebensjahr. „Das tennisspezifische Training beginnt in der tennis4kids-Philosophie folglich erst mit Schuleintritt. Davor spielen und üben die Kinder ausschließlich in der Mini-Ballschule“, sagt Ebert. Der Einstieg in den Tennissport erfolgt über das Programm „Match Fit“. Ziel ist die Vermittlung des ABCs des Tennisspielens und das Erreichen der Platz- und Matchreife. Am Ende des Programms sollen alle Kinder in der Lage sein, ein Match eigenständig zu spielen, zu zählen und die Tennisregeln entsprechend anzuwenden. Von Beginn an steht dabei das Spielen und Üben der Kinder miteinander, auf entsprechenden Courts, mit langsameren Bällen und einer sinnvoll an die Körperhöhe angepassten Schlägerlänge, im Mittelpunkt. Weiterführend können bei der Colorball Challenge erste Turniererfahrungen gesammelt werden . Ab diesem Zeitpunkt soll laut der „tennis4kids“-Philosophie das Training im Rahmen des „Step by Step“ Lernprogramms erfolgen.

Es gibt also Ansätze, die versuchen, alte Strukturen im Lehrbereich „Sport“, speziell bei Kindern zu verändern. Es wird sich zeigen, ob sich eine neue Lehrphilosophie durchsetzt und wie sich dieser Themenbereich in Zukunft entwickeln wird.

Hier geht es zu einem Exklusiv-Interview mit Michael Ebert – „Es ist nicht 5 vor 12, sondern eher 10 nach 12!“

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18.04.2016, 19:32 Uhr