ATP Finals. Alexander Zverev - Ein Jahr mit allem Denkbaren und Undenkbaren

Sieg oder Ausscheiden in der Gruppenphase? Geht man nach Alexander Zverevs verrücktem Jahr 2020, scheint bei den ATP Finals in London alles möglich.

von Jörg Allmeroth
zuletzt bearbeitet: 13.11.2020, 23:08 Uhr

Alexander Zverev ist in London für eine Überraschung gut - in jede Richtung
© Getty Images
Alexander Zverev ist in London für eine Überraschung gut - in jede Richtung

Alexander Zverev konnte noch nichts von den weltweiten und persönlichen Turbulenzen des Jahres 2020 ahnen, als er im Januar in Australien erstmals in dieser Saison auf dem Centre Court stand. Er hatte allerdings auch damals schon genug mit sich selbst zu tun, mit seinem Spiel, mit seinen Launen, mit den irritierenden Schwankungen. Zverev war beim ATP Cup beschäftigt, einem Wettbewerb, der sich auf den Spuren des Düsseldorfer World Team Cup bewegte. Und was man da unter deutscher Flagge von Zverev sah, war, gelinde gesagt, erschütternd. Zverev legte sich mit seinem mitgereisten Vater Alexander sr. an, er zerhackte immer mal wieder frustriert seine Schläger, und ganz nebenbei verlor er alle seine Einzelmatches sang- und klanglos. Boris Becker, von Zverev zum Kapitän des Team ernannt, blickte ratlos auf die Ereignisse. Zverev sei in einem „dunklen Raum gefangen“, sagte der deutsche Tennis-Kanzler, er müsse nun dringend Hilfe annehmen, um „das Licht wieder anmachen zu können.“

Doch dann passierte bei den Australian Open etwas, das sich wie eine Fortsetzungsserie durch diese ganze außergewöhnliche Spielzeit zog: Der 23-jährige schüttelte, noch vor vollen Zuschauerrängen, die Krise und die Altlasten einfach mir nichts, dir nichts ab. Er siegte und siegte, bis ins Halbfinale hinein. Und erst dort musste sich der Deutsche seinem österreichischen Freund und Rivalen Dominic Thiem geschlagen geben. Auf und nieder, immer wieder – es war das Motto und Motiv, das Zverev 2020 vor und während der Corona-Pandemie begleitete. Und geblieben ist dieses gespaltene Bild, die gespaltene Wahrnehmung nun auch bis ins Hier und Jetzt der Vorbereitung auf die ATP-Finals in der Londoner O2-Arena (dort trifft Zverev in seiner Gruppe auf Frontmann Novak Djokovic, den Russen Daniil Medvedev und den Argentinier Diego Schwartzman). 

Zverev gewinnt beide Kölner Turniere

Zwei Turniersiege jüngst hintereinander am improvisiert aufgeschlagenen Turnier-Haltepunkt in Köln, danach wieder Schlagzeilen um die Vaterschaft eines gemeinsamen Kindes mit einer früheren Freundin. Und Schlagzeilen um Vorwürfe einer anderen ehemaligen Freundin, die den Tennisstar der häuslichen Gewalt bezichtigt. Vorwürfe, die Zverev vehement bestreitet. Vorwürfe, von denen aber auch klar ist, dass sie erst einmal irgendwie an ihm hängen bleiben werden. Jüngst in Paris, am Rande des Masters-Turniers, sagte er, nicht gerade sehr dezent oder sehr klug, es gebe Leute, die ihm das Lachen verwehren wollten, „aber unter dieser Maske lache ich sehr breit: „Ich fühle mich unglaublich auf dem Platz. Es ist alles großartig in meinem Leben.“ 

Fast alles Denkbare und Undenkbare hat Zverev in dieses ja ohnehin schon seltsame Jahr hineingepackt. Seine erste schwere Zeit im öffentlichen Fokus kam im Frühjahr, als die Öffentlichkeit im Grunde noch gar nicht wieder dem Tennissport ihre Aufmerksamkeit hätte schenken müssen. Novak Djokovic, der umstrittene Anführer der Szene, hatte Zverev letztlich mit in den Schlamassel gerissen – mit der unverantwortlichen Adria-Tour, einer belanglosen Schaukampfserie, bei der man den Eindruck hatte, als sei die Pandemie jäh besiegt. Zverev mischte jedenfalls dann auch in der wilden Partytruppe mit, die nächtens in Clubs dekadent feierte und provozierte. Zverev zeigte sich anschließend scheinbar reumütig, versprach, in eine selbstauferlegte Quarantänezeit zu gehen. Nur, um umgehend wieder bei einer pandemisch nichtkonformen Fete am Mittelmeer gefilmt und als unlautere Person vorgeführt zu werden. 

Becker musste sich vor Zverev verneigen

Man hätte meinen können, die Saison wäre damals für Zverev erledigt gewesen. Auch Becker, der Fachbeobachter, hatte eher düstere Vorahnungen für den Restart der echten Tour - mit dem deutschen Top Ten-Mann, dem er zurief, er müsse jetzt seinen „Laden mal in Ordnung bringen“ und schauen, „dass ein paar positive Schlagzeilen vom Tennis her kommen.“ Ob Becker daran glaubte? Ein paar Wochen später jedenfalls bekam er fast einen krummen Rücken, so oft musste oder durfte er sich vor Zverev verneigen. Denn der hatte schon wieder eine atemraubende Wende hingelegt und bei den US Open gewaltig aufgedreht. Im Finale hatte er schon die Hände am Siegerpokal, ehe er nach 2:0-Satzvorsprung und klarer Dominanz das Endspiel gegen Thiem verlor. Zverev ganz, ganz nahe dran am ersten Major-Pokalgewinn seiner Karriere – und das nach all den Irrungen und Wirrungen zuvor. Es war, wie Becker bemerkte, ebenso „verdient“ wie „verrückt“ und „unwirklich“. Viel hätte er vor jenem Turnier jedenfalls nicht „auf diese ganze Story gesetzt.“ Er sei halt gut darin, „Negatives“ abzuschütteln und sich „wieder neu zu sortieren“, sagt Zverev: „Das ist so: Bei mir muss man immer auf vieles gefasst sein.“ 

In London, wo das Saisonfinale der acht Besten zum letzten Mal nach einer begeisternden Dekade stattfindet, ist aufs Neue alles drin für Zverev, den Rätselhaften. Der Ausgang des letzten Turniers wird auch bestimmen, ob Zverev die ganze Saison sportlich eher versöhnlich bewertet. Oder ob er sich im nachhinein über zu viele verpasste Chancen grämen muss. Anders als in den Jahren zuvor kommen alle nicht ausgezehrt vom üblichen Saison-Marathon in die riesige, leider menschenleere Spielhalle – das macht eine Vorhersage für den Gewinner des Championats noch ein wenig schwerer. Zverev mochte immer die mitreißende Atmosphäre in der O2-Arena, auch das Flair der Exklusivität dieses Wettbewerbs. Ein letztes Hurra am Ende von 2020? Oder doch ein schwacher Abgang? Wer weiß es schon bei Zverev.

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