ATP Finals: Zverev gegen Djokovic - die letzte Kraftprobe 2021

Alexander Zverev und Novak Djokovic treffen am Samstag zum fünften Mal in dieser Saison aufeinander. Die Chancen, dass der Deutsche nach dem Coup bei den Olympischen Spielen in Tokio seinen nächsten Sieg feiert, stehen gar nicht schlecht.

von Jörg Allmeroth
zuletzt bearbeitet: 19.11.2021, 12:39 Uhr

In New York City hat Novak Djokovic gegen Alexander Zverev gewonnen
© Getty Images
In New York City hat Novak Djokovic gegen Alexander Zverev gewonnen

Als Alexander Zverev am 30. Juli vom olympischen Centre Court in Tokio marschierte, hatte er irgendwie auch sich selbst und manches harsche Experten-Urteil besiegt. An Zverev klebte ja lange Zeit der Vorwurf, er könne keine wirklich großen Matches gegen große Gegner gewinnen. Und er sei mental nicht in der Lage, Partien zu gewinnen, in denen er in Rückstand geraten sei. An jenem Tag aber war das alles hinfällig: Zverev hatte gegen den scheinbar unbezwingbaren Serben Novak Djokovic im Olympia-Halbfinale hinten gelegen, im zweiten Satz schien die Sache schon gegen den Deutschen gelaufen, der 1:6 und 2:3 (mit Break Djokovic) in die roten Zahlen gerutscht war. Und dann: Eine fulminante, furiose, sensationelle Aufholjagd des 24-jährigen Hamburgers. Zehn der nächsten elf Spiele gingen an Zverev, mit 1:6, 6:3 und 6:1 rauschte er in dieser Tennis-Sternstunde über Djokovic (34) hinweg. Ausgerechnet Zverev, vorgeblich nicht der Mann für die gewissen Momente, hatte der Nummer 1 der Welt die erste und gleichzeitig vernichtende Saison-Niederlage zugefügt. „Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht an Tokio, die Spiele dort und die Goldmedaille denke“, sagt Zverev.

Das wird auch knapp vier Monate später, am Halbfinal-Samstag der ATP-WM in Turin, nicht anders sein. Umso mehr, da Zverev dann wieder dem guten, alten Bekannten Djokovic gegenüber steht. Und dabei lautet, für Zverev genau so wie für Djokovic, die alles entscheidende Frage: Wer kann am Ende einer äußerst auszehrenden, belastenden Corona-Saison noch einmal die letzten Kräfte mobilisieren – in einer Partie, die auf einen Zermürbungskampf zuläuft, auf Kräfte raubende Duelle an der Grundlinie, auf Wartespiele bis zum ersten Fehler des Rivalen auf der anderen Seite des Netzes.

„Das wird keine Kurzvorstellung“, sagt Zverev, der zehn Jahre jüngere Herausforderer, „ich bin auf einen Marathon vorbereitet.“ Große Geheimnisse gibt es nicht mehr zwischen der Nummer 3 und der Nummer 1 der Weltrangliste: Djokovic wird sich auf seine Ausdauerkünste und seine unvergleichliche Defensivarbeit verlassen -und Zverev muss versuchen, in die Offensive und ins Risiko zu kommen. Er muss der Treiber des Spiels werden, nicht der Getriebene. „Wenn du gegen Novak nur mitspielst“, sagt dessen ehemaliger Trainer Boris Becker, „dann hast du schon verloren.“

Zverev hat gelernt, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren

Zverev hat sein qualitativ bestes Tennisjahr hinter sich, ganz gleich, wie das Saisonfinale der acht besten Profis für ihn ausgeht. Der Deutsche ist zum stabilen Faktor in der Weltspitze geworden, fünf Titel und 57 Siege (bei 15 Niederlagen) stehen in seiner Arbeitsbilanz. Fast immer mischte er bei den herausragenden Wettbewerbein in der Endphase mit, und dort traf er dann auch, wie bei den US Open, auf einen gewissen Novak Djokovic. Das WM-Halbfinale ist schon der fünfte Vergleich zwischen Zverev und Djokovic in dieser Saison, es ist beinahe ein Serienklassiker geworden. „Sascha galt schon seit Jahren als einer, der die Zukunft des Tennis mitbestimmen wird“, sagt Djokovic, „er ist jetzt aber längst ganz oben angekommen. Er ist ein sehr harter Gegner.“ Einer, vor dem sich Djokovic neben Daniil Medwedew derzeit am meisten in acht nehmen muss.

Fast schon vergessen ist in diesen Tagen die durchaus turbulente Übergangsphase Zverevs vom beachtenswerten Nachwuchsmann zum gereiften Tour-Professional. Oft wirkte Zverev überfordert von den hohen Erwartungen, seine Auftritte mit Anfang Zwanzig waren begleitet von Jähzorn, Wutanfällen, Diskussionen mit Schiedsrichtern oder auch Fans im Stadion. Außerdem lähmte ihn eine unerklärliche Arie von Doppelfehlern, nicht selten bei den sogenannten Big Points. Aber das alles hat Zverev in den Griff bekommen, nicht nur bei den ATP Finals verrichtet er seine Arbeit geräuschlos, effektiv, mit Power und Präzision. Unnötige Energien verschwendet er kaum, er hat gelernt, sich auf das Wesentliche und Eigentliche zu konzentrieren – auf den Weg, Spiele zu gewinnen. Womit er, ganz nebenbei, Djokovic ähnelt, der es in dieser Disziplin zur Meisterschaft gebracht hat. Und nur unter extremer Drucksituation, wie bei den US Open im Angesicht des möglichen Kalender-Grand Slam, die Nerven verliert.

Djokovic und Zverev wollen beide das Tennisjahr 2021 möglichst versöhnlich beenden, mit einem letzten machtvollen Wort auf dem Centre Court von Turin. Mehr Arbeit steht ihnen allerdings noch bevor, denn in diesem Match geht es noch gar nicht um den Pokal, sondern um einen Platz im Endspiel. „Gegen die Nummer 1 zu gewinnen, ist aber so oder so immer etwas ganz Besonderes“, sagt Zverev.

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