Im Kopf von Novak Djokovic

Wir beleuchten, was dem Serben die Leichtigkeit auf dem Platz nahm.

von tennisnet.com
zuletzt bearbeitet: 23.11.2016, 18:46 Uhr

LONDON, ENGLAND - NOVEMBER 17: Novak Djokovic of Serbia walks out for his men's singles match against David Goffin of Belgium on day five of the ATP World Tour Finals at O2 Arena on November 17, 2016 in London, England. (Photo by Julian Finney/Gett...

Rückspiegel einstellen. Sitz nach vorn. Schauen, ob man auch wirklich die Kupplung tritt. Als Fahranfänger setzt man sich morgens in sein Auto und ist in seinen Gedanken mit jedem einzelnen Schritt beschäftigt. Genau gar nichts wird vom Unterbewusstsein gesteuert. Erst recht nicht das Anfahren. Sämtliche Abläufe wirken verkrampft und voller Zweifel. Erst mit der nötigen Sicherheit in den Abläufen gewinnt man an Vertrauen - und das Anfahren geschieht vollkommen ohne nachzudenken. Der Kopf arbeitet nicht mehr. Man ist viel mehr damit beschäftigt, welchen Radiosender mal wählen wird oder welche CD man auf der nächsten Autofahrt hören möchte.

Die Gedanken arbeiten

Novak Djokovic wirkte in den vergangenen Wochen so, als wäre seine Gedankenwelt ein nicht zum Stehen kommendes Karussell. Von außen schien es niemanden zu geben, der das Karussell hätte zum Stoppen bringen können. Auch Boris Becker nicht. Seine größte Stärke, die Fehlerlosigkeit, hatte ihn verlassen. Kam er aus dem Halbfeld in die Position einen Ballwechsel zu dominieren, erschien er ängstlich. Ohne Selbstvertrauen. Mal ging solch eine Vorhand aus dem Halbfeld knapp ins Aus. Mal spielte er den Ball einfach nur wieder zum Gegner zurück. Wie ein Fahranfänger morgens im Auto wurde Djokovic in diesen Matchsituationen nachdenklich. Unsicher. Er schien sich und seinem Können nicht mehr zu vertrauen. Vor dem Lauf des Andy Murray hat man sich zu verneigen. Ohne die Anfälligkeit von Djokovic wäre ein Machtwechsel auf dem Tennisthron allerdings nicht möglich gewesen.

Die Auswirkungen von zu vielen Gedanken

Die Gedanken während einem Match müssen für einen Spieler wie Novak Djokovic nicht einmal negativ sein. Es reicht, wenn sie vorhanden sind. Denn sie blockieren den natürlichen Bewegungsablauf. Den des Körpers. Und den der Gedanken. Ging Djokovic im French-Open-Finale noch frei von Gedanken und voller Mut ins Feld hinein um die Vorhand zu spielen, stoppten ihn bei den ATP World Tour Finals die ersten Gedanken bereits bei der Ausholbewegung auf dem Weg zur Vorhand. Als Tennisspieler ist es wichtig, möglichst ohne einen Ballast von auch nur einem Gedanken den Ball zu treffen.

Als aktiver Spieler kennt man es: Der Aufschlag des Gegners ist zu lang. Nachdem man das registriert hat, schalten sich die eigenen Gedanken ab, man schlägt den Ball einfach und dieser fliegt in der Manier eines Weltklasse-Schlages genau ins Eck vor die Grundlinie des Gegners. Verdutzt schaut man sich um, ohne eine Ahnung was da gerade passiert ist. Eine typische Reaktion darauf: "Warum spiele ich die Returns nicht so, wenn der Aufschlag auch im Feld ist?" - die Antwort liegt im Kopf: Man denkt zu viel. Im Gegenzug spielt sich zu wenig unterbewusst, automatisch, ab.

Novak Djokovic betonte in London, er möchte Spaß auf dem Platz haben und keinem Erfolg nachhetzen. Die Off-Season kann auch seine Gedanken neu sortieren. Und ihn im Jahr 2017 wieder zu alter Stärke - weg von Gedanken und Zweifeln - bringen.

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Mittwoch
23.11.2016, 18:46 Uhr