Marat Safin – Vom Lebemann zum Philosoph

Der zweifache Grand-Slam-Sieger spricht über sein "Bad Boy"-Image, Grenzüberschreitungen und seinen qualvollsten Sieg.

von tennisnet.com
zuletzt bearbeitet: 07.12.2016, 17:20 Uhr

Marat Safin

Er war einer der charismatischsten Spieler seiner Generation - ein Spaßvogel, "Bad Boy" und Lebemann in Personalunion. Marat Safin , der Tennis-Rockstar, liebte die süßen Verlockungen abseits des Courts mindestens genauso wie das Spiel selbst. In seiner Karriere zerhackte er insgesamt 1055 Schläger und wurde im Jahr 2011 für seinen Rüpel-Rekord sogar von der ATP ausgezeichnet. Doch der Heißsporn von einst hat sich abgekühlt. Safin, der derzeit für die Japan Warriors aufschlägt, zeigte sich am Rande der International Premier Tennis League (IPTL) von seiner reflektierten Seite. "Ich war damals etwas zu extrem, aber so war ich", sagte der 36-jährige Russe gegenüber "The Straits Times". Dabei lächelte er verschmitzt in seinen Bart, strich sich mit Fingern durchs lockige Haar und räumte ein, es mit der Selbstverwirklichung des Öfteren übertrieben zu haben.

Unvergessen bleiben die Fluchorgien und Showelemente, mit denen Safin das Publikum in seinen Bann zog. Bei den French Open 2004 ließ er sogar die Hose runter - ein spektakulärer Punktgewinn hatte den "russischen Bär" zum Striptease animiert.

"Ich konnte mich oft einfach nicht zurückhalten, da es in mir brodelte. Wenn ich darauf zurückblicke, hätte ich mir einige Aktionen aber lieber gespart", so der ehemalige Weltranglisten-Erste. Auch wenn er die Grenzen ab und an überschritten habe, sei er froh, "dass mich die Leute nie dafür verurteilten." Wenig überraschen dürften indes Safins Sympathien für Nick Kyrgios . Das australische "Enfant terrible" und der zweifache Grand-Slam-Champion sind gewissermaßen Brüder im Geiste. "Nick ist ein guter Typ mit einem großen Herz, eine Person mit innerer Strahlkraft", so Safin, der hinzufügte, dass das Umfeld für den Erfolg entscheidend sei: "Dein Team muss dir die Wahrheit sagen, auch wenn sie hässlich ist." Alles würde sich darum drehen, wie gut der mentale Druck gehändelt werde.

Der schmerzhafte Melbourne-Titel

Diese enorme Anspannung hatte Safin einst stark belastet. Nach seinem Sieg bei den US Open im Jahr 2000 gelang ihm fünf Jahre später der zweite "Major"-Triumphbei den Australian Open. Doch große Freude wollte darüber zunächst keine aufkommen: "Es war eher Erleichterung. Ich dachte, ich wäre so ein Kerl, der aus Versehen einen Grand Slam gewinnen konnte und nie wieder etwas Vergleichbares erreichen würde." Safin konnte den Moment überhaupt nicht genießen: "Ich saß in der Umkleide und sagte nur: ,Danke, Gott! Ich habe es geschafft.' Es war kein Genuss, denn ich musste leiden." Der nötige Abstand half dem Hall of Famer , die richtigen Lehren aus seiner Karriere zu ziehen. "Akzeptiere deine Fehler, auch wenn es weh tut. Das Leben ist zum Lernen da. Du lernst täglich dazu, bis zum letzten Tag", sprach der Philosoph und lächelte milde.

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Mittwoch
07.12.2016, 17:20 Uhr