Der geschrumpfte Elitezirkel – Neue Gesichter, neue Chancen?

Beim Saisonfinale in London fehlen die Dauergäste Roger Federer und Rafael Nadal.

von Jörg Allmeroth
zuletzt bearbeitet: 11.11.2016, 00:00 Uhr

LONDON, ENGLAND - NOVEMBER 10: Andy Murray of Great Britain, Novak Djokovic of Serbia, Stan Wawrinka of Switzerland, Milos Raonic of Canada, Kei Nishikori of Japan, Gael Monfils of France, Marin Cilic of Croatia and Dominic Thiem of Austria are intr...

Seit knapp einem Jahrzehnt hat sich der Begriff fest eingeprägt - als Gütesiegel für ein Quartett außerordentlicher Tennis-Gentlemen. Big Four wurden sie genannt. Oder Die Großen Vier. Roger Federer,Rafael Nadal,Novak Djokovic und Andy Murray. Grand-Slam-Titel machten sie in ihrem kleinen Elitezirkel genau so souverän unter sich aus wie Masters-Erfolge, olympische Goldmedaillen oder Platz eins der Weltrangliste. Kürzlich, beim Pariser Hallenspektakel, eroberte auch der letzte aus dem erlesenen Grüppchen den Tennisthron für sich - Murray, der Unverdrossene, der Marathon-Mann, der besessene Workaholic aus Schottland.

Nadal verzichtet freiwillig

Als Nummer-eins-Spieler und Favorit geht der "Mann der Stunde" auch in das rauschende WM-Spektakel, das ab Sonntag wieder einmal im Hallenpalast der O2-Arena im Londoner Osten über die Bühne geht. Doch anders als in den Jahren zuvor dürfte der Titelkampf nicht bloß zum üblichen Schaulaufen der Superhelden werden, zur Versicherung der gewohnten Hierarchie auch im Welttennis - und das hat allein schon einen simplen, aber aufschlussreichen Grund. Denn mit Federer, dem Schweizer "Maestro", und mit Nadal, dem spanischen Kämpfertypen, fehlen gleich zwei der jahrelangen Stammgäste und Titelaspiranten. Die alten Großmeister, die einst eine Ära freundschaftlicher Rivalität prägten, kämpfen mit den Nachwehen von Verletzungen in einer unfreundlichen Saison: Federer, inzwischen nur noch die Nummer 16 der Charts, ist bereits seit Juli außer Tourdiensten, Nadal verzichtete jüngst auf einen Start in London. Er will sich lieber schon auf die nächste Spielserie und ein energisches Comeback konzentrieren.

Neue Gesichter bei dieser WM illustrieren daher auch die leicht veränderte Machtbalance im Wanderzirkus - mit dem 23-jährigen österreichischen Shootingstar Dominic Thiem und dem französischen Charismatiker Gael Monfils(30) schlagen sogar zwei Debütanten in der britischen Kapitale auf. Gleich am Sonntag, dem Auftakttag, sind beide auf dem Centre Court in der O2-Arena beschäftigt, wie immer auch vor ausverkauftem Haus mit über 20.000 Fans. Thiem darf sich dann der Bewährungsprobe gegen den abgelösten Capitano Novak Djokovic stellen, Trickspieler Monfils bekommt es mit dem kanadischen Tennis-Technokraten und -Hammeraufschläger Milos Raonic zu tun.

Hat Thiem noch die Kräfte und die Nerven?

Thiem, zweifellos der Mann mit dem substantiell wertvollsten Aufstieg in dieser Saison, wird bei seinem ersten Auftritt auch gleich unweigerlich die Frage beantworten, ob seine Nerven und Kräfte noch ausreichen für einen besonderen WM-Coup. "Es ist unfassbar, dass ich es hierher geschafft habe", sagt Thiem, der Schützling des ehemaligen Becker-Trainers Günter Bresnik, "jetzt muss ich noch mal alle Kräfte mobilisieren." Nach einer fantastischen ersten Halbserie hatte dem jungen Niederösterreicher, dem Vorzeigespieler der Generation Next, zuletzt oft die nötige Puste und Power für Centre-Court-Zauber gefehlt.

Das WM-Rennen des Jahres 2016 erscheint so bunt, unübersichtlich und unwägbar wie selten zuvor - nicht nur wegen der beiden Neulinge, sondern auch wegen Stan Wawrinka, Milos Raonic und Marin Cilic. Der erfolgreiche US-Open-Gladiator Wawrinka, Wimbledon-Finalist Raonic und der zupackende Cilic sind inzwischen selbst drauf und dran, Teil des Establishments knapp unterhalb des Gipfels zu werden. Kampflos werden sie allesamt nicht ihre Plätze für die in die Jahre gekommenen Heroen Federer oder Nadal räumen. Einem wie Wawrinka werden inzwischen sowieso an jedem Einsatzort, zu jeder Tag- und Nachtzeit und in jedem Klima, die unmöglichsten Dinge zugetraut. Wen wundert da, dass gerade er wieder als gar nicht so geheimer Anwärter auf den Pokalgewinn von London gehandelt wird. "Ich glaube nicht, dass ein großer Zweikampf zwischen Murray und Djokovic das große Thema sein wird", sagt der ehemalige Weltranglisten-Erste Mats Wilander, "dieses Turnier birgt großes Überraschungspotenzial in sich."

von Jörg Allmeroth

Freitag
11.11.2016, 00:00 Uhr