Das Alcaraz-Mindset: Die Macht des Verbündeten

Was macht Carlos Alcaraz schon in jungen Jahren so außergewöhnlich gut? Der Tennis-Insider Marco Kühn hat sich dazu ein paar Gedanken gemacht.

von Marco Kühn
zuletzt bearbeitet: 21.03.2022, 15:18 Uhr

Carlos Alcaraz am Samstag in Indian Wells
© Getty Images
Carlos Alcaraz am Samstag in Indian Wells

Die rechte Armmuskulatur von Juan Carlos Ferrero muss ausgeprägt sein. So oft, wie er in den letzten knapp zwei Jahren seinem Schützling Carlos Alcaraz die Faust erwidert hat. Ist dir aufgefallen, dass Carlos vom ersten Punkt an den Blickkontakt zu seiner Box, seinem Coach sucht? Nicht erst, wenn es nicht läuft. Nicht erst, wenn es eng wird. Nicht erst, wenn er nicht mehr weiter weiß.

Nein, Carlos und Juan Carlos stehen, für Carlos gefühlt, vom ersten Schlag an gemeinsam auf dem Court. In dem Wahnsinn eines Tennismatches sucht und findet Carlos Alcaraz jederzeit einen Verbündeten, der ihm zur Seite steht. Nicht körperlich, versteht sich. Aber emotional. Und das kann, wie wir seit knapp zwei Jahren eindrucksvoll miterleben dürfen, viel effektiver sein.

Wie ein Tennismatch im Kopf abläuft

Lass uns ein bisschen in deinem Kopf rumtoben. Ein Tennismatch, nicht nur für Carlos, sondern auch für dich als Clubspieler, ist eine emotionale Ausnahmesituation. Das spürt jeder, der im Training gedankenlos seine Vorhand voll durchschwingt, kurz vor die Grundlinie setzt und in der Meisterschaftsrunde dieselbe Vorhand zitternd, mit Schweißausbrüchen, ängstlich ins T-Feld schubst. In diesen Situationen helfen Verbündete weiter.

Dieses Phänomen erleben wir als Menschen immer, wenn es heikel wird. Dies ist einer der Gründe, warum die Menschheit bis dato einigermaßen erfolgreich überleben konnte. Wenn wir früher in der Gruppe unterwegs waren und sich ein riesiger Braunbär näherte, dann haben wir was getan? Exakt, wir haben unsere Verbündeten zusammen getrommelt und den Bär erledigt.

Heute gibt es keine Auseinandersetzungen mit Bären mehr, dafür Auseinandersetzungen mit dem Feind, der auf der anderen Seite des Netzes rutscht.

In einem Tennismatch müssen wir in jedem Ballwechsel Probleme lösen. Dazu musst du immer, ob du willst oder nicht, Entscheidungen treffen. Und dann, als ob das alles noch nicht hart genug ist, musst du auch noch die Konsequenzen deiner Entscheidungen tragen. Das ist, kurzum, ein Tennismatch. Eine emotional ganz schön belastende Sache für einen Teenager aus Spanien, der einfach nur Tennis spielen möchte, richtig?! Deswegen hat er sich einen Verbündeten mit auf den Platz geholt. Ich persönlich glaube, dass diese Connection zwischen Carlos und Juan Carlos maßgeblich dafür verantwortlich ist, dass Carlos mittlerweile auch um die großen Titel mitspielt.

Diese Connection ist die Grundlage seiner mentalen Stärke, die er zweifellos jetzt schon besitzt. Er geht bereits jetzt mit Rückschlägen im Verlauf eines Matches besser um als ein Alexander Zverev zum Beispiel.

Gut, wir wissen jetzt, dass sich Carlos und Juan Carlos gern tief in die Augen schauen. Lass uns im nächsten Schritt analysieren, was das dem Carlos in epischen Duellen mit Schläger und Ball bringt.

Die drei Elemente des Verbündeten

Wir haben ein Stückchen weiter oben festgehalten, dass man in einem Tennismatch Probleme lösen und Entscheidungen treffen muss. Je älter und erfahrener wir werden, desto besser können wir diese beiden Disziplinen meistern. Das könnte ein Grund sein, warum Rafael Nadal zum Beispiel mittlerweile ein Buddha für sich auf dem Platz ist. Er verkörpert eine natürliche stoische Gelassenheit.

Aber gut, heute geht es um Carlos Alcaraz. Und der Kurze ist jung, bei weitem nicht so erfahren wie ein Rafa aber trotzdem schon unglaublich weit.

Durch seinen konstanten Blickkontakt zu Juan Carlos Ferrero, kurz JCF wie ich lernen durfte, bekommt Carlos jederzeit, quasi auf Knopfdruck, Feedback für seine Entscheidungen, die er im Match getroffen hat. Ist dir aufgefallen, dass Alcaraz nun öfters ein Stöppchen einstreut? Wenn diese taktische Variante erfolgreich verlief, dann ist der nonverbale Austausch mit Juan Carlos um so intensiver.  Es läuft fast ein Dialog ab, den man als Untertitel in diesen kurzen Szenen, in denen der Blickkontakt besteht, einspielen könnte. In etwa so könnte ein solcher Dialog ausschauen:

Carlos: "Haste den gesehen? Da war er, der Stopp, den wir die letzten drei Wochen bis zum geht nicht mehr trainiert haben. Cool, oder?".

JCF: "Sehr stark mein Junge! Wir wussten es doch, diese Variation gibt dir noch mehr Optionen. Weiter so, du spielst stark!".

Es sind iese Momente, der Austausch mit seinem Verbündeten, die Carlos Alcaraz im Spiel zwischen den Ballwechseln so unglaublich stark machen. Welche drei Elemente formen die mentale Stärke von Alcaraz auf dem Court? Lass uns gemeinsam genau hinschauen. Dabei behalten wir im Hinterkopf, dass diese Elemente durch die Kommunikation mit dem Verbündeten, JCF, entstehen.

Element #1: Sicherheit

In wichtigen, großen Spielen ist Carlos Alcaraz besonders nervös. Er ist ja nicht auf den Kopf gefallen und weiß, dass er vom Publikum mit besonderer Aufmerksamkeit verfolgt wird. Von dem "unglaublichen Teenager" wird besonders großes Tennis erwartet. Ich könnte mir vorstellen, dass er teilweise einen ziemlich hohen Erwartungsdruck verspürt. Wie hilft ihm sein Verbündeter hier? Nach den ersten gelungenen Vorhandschüssen mit gefühlten 200 km/h nickt Ferrero ruhig mit dem Kopf, bleibt gelassen, wird nie zu euphorisch.

Diese Form der nonverbalen Kommunikation der beiden Verbündeten gibt Alcaraz eine wichtige Emotion, um die Probleme im Match mit cleveren Entscheidungen lösen zu können: Sicherheit.

Element #2: Zuversicht

Was Carlos Alcaraz schon jetzt auszeichnet ist eine gewisse Ruhe, wenn er schlecht spielt. Ich persönlich finde sein Spiel noch zu fehleranfällig. Seine Shot-Selection besitzt noch großes Potential. Er macht diese Schwächen durch seine Stärke im Kopf wett, indem er zuversichtlich bleibt. Ist dir mal aufgefallen, was er tut, wenn es nicht läuft? Er nimmt Kontakt zu JCF auf und nickt ihm zu. Nach dem Motto: "Coach, keine Sorge. Die nächste Vorhand-Rakete sitzt wieder!". Ferrero erwidert hier das Nicken, im Sinne von: "Ok, alles klar. Du packst das Junge. Fehler abhaken und weitermachen!".

Diese Zuversicht ist wie ein Floß, das Alcaraz bei stürmischem Wellengang von dem Ufer "Unforced Error" zum Ufer "Vorhand-Winner" bugsiert.

Element #3: Bestätigung

Über dieses Element haben wir weiter oben bei dem Stoppball gesprochen. Wenn Carlos im Match vor einem ganzen Berg an Problemen steht, dann gibt ihm die Bestätigung des Coaches Selbstvertrauen. Und das Spiel des Spaniers steht und fällt mit seinem Vertrauen in seine Schläge, in seine Entscheidungen. Das kann dann dazu führen, dass sich Alcaraz in einen wahren Rausch spielt. Dies geschieht, wenn er permanent richtige Entscheidungen trifft und JCF diese durch Kopfnicken, Faust ballen oder einfachen Blickkontakt bestätigt.

Dies führt uns zum Fazit und der alles entscheidenden Frage, die dir vermutlich seit knapp drei Minuten im Kopf spukt.

Fazit

Was ist, wenn Juan Carlos Ferrero mal krank wird und nicht in der Box sitzt?

Ich denke, dass die Connection entscheidend ist, nicht die Person. Bedeutet: Eine andere Person aus dem Team kann die wichtige Rolle des Verbündeten übernehmen. Die Connection ist nicht abhängig von einer gewissen Person, sondern von der Emotion.

Langfristig gesehen hat Alcaraz für seine Mentalität eine wichtige Aufgabe: Er sollte selbständig in der Lage sein sich Zuversicht, Bestätigung und Sicherheit selbst zu schenken. Ein Rafael Nadal tat und tut dies beispielsweise durch seine weltberühmten Rituale.

Wohin dann die Reise für Carlos Alcaraz geht? Wahrscheinlich mindestens unter die Top 10 der Weltrangliste.

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