Deutsches Tennisjahr 2020: Zwei Grand-Slam-Titel, ein überraschender Abschied und viele Fragezeichen

Das deutsche Tennis hat ein bewegtes 2020 hinter sich: Zwei Grand-Slam-Siege gab's zu feiern, aber auch den Abschied von Julia Görges zu verkraften. Und die Schlagzeilen abseits des Courts von Alexander Zverev.

von Jörg Allmeroth
zuletzt bearbeitet: 22.11.2020, 11:15 Uhr

Auch Julia Görges schließt sich der guten Sache an
© Getty Images
Julia Görges

Als Alexander Zverev im vergangenen Jahr das WM-Halbfinale gegen Dominic Thiem verlor, war seine Welt für die nächste Zeit sehr überschaubar, sehr klar. Zverev packte seine Koffer in London, flog für zwei Wochen in die Ferien, auf die Malediven. Und anschließend nahm er seine Vorbereitung für das Jahr 2020 auf, das Anfang Januar in Australien mit dem neuen ATP Cup beginnen würde. Das Motto war einleuchtend: Erst mal nichts mehr sehen und hören vom Tennis, und anschließend wieder alle Sinne aufs Tennis richten.

Nach seinem letzten Auftritt bei der WM 2020 am Freitagabend, dieses Mal schon im dritten Gruppenspiel gegen Novak Djokovic, ist vieles nebulös rund um den Weltranglisten-Siebten Zverev – nur das Urlaubsziel ist zunächst mal gleich geblieben, die sonnigen Malediven, die Zverev nun mit der Familie seines Bruders Mischa ansteuern wird. Doch was kommt nach dem Ferientrip, übrigens nicht nur für Zverev, sondern auch für alle deutschen Tennisprofis?

Keiner weiß es im Moment so genau, die Australian Open, so scheint es, werden wohl nicht zum regulären Austragungstermin Mitte Januar stattfinden. Genau so unklar ist, ob es überhaupt Vorbereitungsturniere geben wird, und wenn, welche. Es könnte sein, dass Zverev und die meisten Mitstreiter aus der Tenniskarawane zum ersten Mal seit langer Zeit Weihnachten in der Heimat verbringen werden – im mehr oder minder strengen Lockdown.

Zverevs Wünsche für 2021? „Drei Grand Slam-Titel und ein gesundes Baby“

Zverevs Aus bei den ATP-Finals war auch der internationale Schlusspunkt für die Tennissaison der deutschen Spitzenprofis. Der 23-jährige Hamburger lieferte den meisten Gesprächsstoff, bis hinein in den Herbst, als er zunächst nur hauchdünn am ersten Grand-Slam-Coup scheiterte, bei den US Open. Und als danach Schlagzeilen um Vaterschaft und häusliche Gewalt die Runde machten, es ging dabei um zwei ehemalige Freundinnen. Was er sich von 2021 wünsche, wurde der werdende Vater Zverev am Freitag nach seinem WM-Scheitern gefragt. Seine Antwort: „Drei Grand Slam-Titel und ein gesundes Baby.“ Den Wunsch, den sogenannten „Fall Olga“, die heftigen Vorwürfe seiner russischen Ex, hinter sich lassen zu können, äußerte er nicht explizit. Zverev ahnt sicher, dass ihn das Thema so schnell nicht verlassen wird, erst recht, wenn irgendwann, nach der Ära der "Geisterhäuser", wieder größere Zuschauermassen in die Arenen strömen – und er durchaus mit offener Abneigung von Fans rechnen muss.

Zwei Grand-Slam-Titel gab es dennoch in der Spielzeit 2020 für Deutschland, zuerst von Laura Siegemund in der Allianz mit Veteranin Vera Zvonareva bei den US Open in New York. Und dann, so sensationell wie im Frühling des vergangenen Jahres, die Titelverteidigung der Allianz Kevin Krawietz und Andreas Mies bei den verspäteten French Open im herbstlichen Paris. „Teufelskerle“ nannte Boris Becker das Erfolgsduo, das mutmaßlich noch einige Jahre Zeit hat, ein ambitioniertes Ziel zu verwirklichen: „Wir wollen alle großen Pokale mindestens ein Mal gewinnen.“

Görges tritt als Erste der "goldenen Generation" zurück

2020 war allerdings auch ein Jahr mit wehmütiger Note im deutschen Frauentennis. Denn mit dem jähen Rücktritt von Nationalspielerin Julia Görges nach den French Open kündigte sich das Ende für die goldene Generation an, also des Quartetts, dem neben Görges auch Angelique Kerber, Andrea Petkovic und Sabine Lisicki angehörten. Kerber, die dreimalige Grand-Slam-Siegerin, spielte in dieser turbulenten Serie nur eine blasse Nebenrolle, sie kam nach der langen Zwangspause nie mehr richtig auf Touren. Während Kerbers Abschied noch nicht terminiert ist, aber nicht mehr in weiter Ferne liegen dürfte, ist für Petkovic nach der kommenden Saison Schluss. Sie hatte eigentlich 2020 aufhören wollen, vertagte das Karriereende aber wegen der Corona-Irrungen.

Lisicki blieb, wie in den Jahren zuvor, auch in der Pandemie-Saison die große Pechmarie des deutschen Tennis. Nachdem sie lange Monate unverdrossen darum gekämpft hatte, wieder Anschluß an die Weltspitze zu finden, erlitt sie beim allerletzten WTA-Event 2020 in Linz einen Kreuzbandriss. Lisicki, die Wimbledon-Finalistin des Jahres 2013, hat 2021 so die größte und komplizierteste Aufgabe überhaupt vor sich – die Mission eines neuerlichen Verletzungs-Comebacks nach ungezählten Comebackanläufen zuvor.

Wie schlagen sich Struff, Koepfer, Altmaier und Co.?

Dier Perspektiven bei den deutschen Herren sehen weit erfreulicher aus. Hinter Zverev, der sein Jahr 2020 als „filmreif“ einstufte, hat sich die Basis verbreitert, neben Jan-Lennard Struff und Dominik Koepfer tauchte mit Daniel Altmaier plötzlich ein neuer Akteur auf, der mit seinem Achtelfinaleinzug bei den US Open frische Hoffnungen weckte. Hinzu kommen mit Yannick Hanfmann, Yannick Maden, Oscar Otte, Peter Gojowczyk und Cedrik-Marcel Stebe weitere Spieler aus der zweiten Reihe, die jederzeit für Überraschungen gut sind.

Sie alle, ob Zverev und Co., ob Kerber und Co., werden sich allerdings durch ein weiteres Tennisjahr schlagen müssen, in dem an sich Überraschungen zur Tagesordnung gehören werden – Drehungen und Wendungen, die noch keiner vorhersehen kann. Schon in Australien, zu Saisonbeginn, könnte es damit beginnen.

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