Die Kunst, langsame Bälle des Gegners konzentriert zu attackieren
Langsame Bälle des Gegner können einem den letzten Nerv rauben. Tennis-Insider Marco Kühn verrät, wie man am besten mit diesen umgehen soll.
von Marco Kühn
zuletzt bearbeitet:
11.03.2026, 15:30 Uhr

Die große Pause in der Schule war früher wichtiger Bestandteil des Unterrichts. Wer seine Hausaufgaben aufgrund von zu viel Playstation vergessen hatte, schrieb diese in den letzten Minuten der großen Pause noch schnell vom Klassenbesten ab.
Damals nannte man das cleveres Zeitmanagement oder Minimalprinzip. Heute nennen wir dies gerne: Prokrastination. Wir schieben unzählige Dinge vor uns her. Erst wenn es kurz vor knapp ist, geben wir Gas.
In einem Tennismatch ist es nicht anders. Bei langsamen Bällen, zum Beispiel dem typischen Mondball, lassen wir uns Zeit. Du bewegst dich langsamer zum Ball. Du denkst mehr nach. Diese vermeintlich leichten Bälle sind die, die zu ärgerlichen Fehlern führen. Zu Fehlern, über die man sich noch beim nächsten Seitenwechsel aufregt, nachdem man auch die fünf folgenden Punkte verloren hat.
Die Frage lautet: Wie kannst du langsame Bälle attackieren, ohne zu viele Fehler zu machen? Lass uns dieses Rätsel in den kommenden Zeilen gemeinsam lösen.
Was sind langsame Bälle?
Bälle, bei denen du Zeit zum Nachdenken hast. Zu viel Zeit zum Nachdenken. Wer auf dem Court zu viel denkt, der hat weniger Zeit zu spielen. Langsame Bälle können Mondbälle sein. Aber auch ein Slice ist langsam in der Luft.
Es kann ein langsam, gerade gespielter Ball sein. Drucklose Schläge des Gegners, mit denen man nichts anfangen kann, sind eine beliebte Quelle vermeidbarer Fehler. Es ist leichter, einen schnellen Ball noch schneller zu machen, als einen langsamen Ball aus dem Nichts zu beschleunigen. Novak Djokovic hat dieses Prinzip zur Perfektion geführt.
Ein langsamer Ball kann aber auch ein Topspinball sein, der beim Auftippen auf deiner Seite durch den Spin an Tempo gewinnt. Aber auch hier hast du Zeit nachzudenken, während der Spinball länger in der Luft unterwegs ist.
Wir können festhalten: Langsame Bälle sind Schläge des Gegners, bei denen du mehr Zeit zum Nachdenken hast.
Warum unterlaufen bei langsamen Bällen ärgerliche Fehler?
Man nimmt diese auf die leichte Schulter. Was tückisch ist. Du hast mehr Zeit, dich gedanklich abzulenken. Was können Ablenkungen sein? Du planst, während der Ball in der Luft ist, was du alles mit diesem Ball machen könntest. Schnell die Linie entlang spielen. Kurz-cross gehen und ans Netz vorrücken. Oder den Ball mit 230 km/h mittig spielen.
All das sind Ablenkungen. Doch dann ist der Ball da, bevor man seinen Plan zu Ende gedacht hat. Dadurch entsteht Hektik. Du stehst zu eng am Ball, zu weit vom Ball entfernt oder bist mit den Gedanken nicht mehr beim Schlag.
Wir können festhalten: Man neigt dazu, sich langsamer zum Schlag zu bewegen, wenn der Ball langsamer in der Luft unterwegs ist. Das Gegenteil führt zu einem besseren Fokus auf den Ball. Je dynamischer und aggressiver du dich zum Ball bewegst, desto besser wirst du diesen auch attackieren können. Wir gehen gleich noch mehr ins Detail.
Wann kann man langsame Bälle attackieren?
Der sicherste Weg, einen langsamen Ball zu attackieren, ist die Position im Feld stehend. Stehst du auf oder gar hinter der Grundlinie, verlängert sich die Flugbahn des Balles. Je länger die Flugbahn des Balles, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit für einen Fehler. Achte darauf, mit beiden Beinen im Feld zu stehen, um eine optimale Position für einen aggressiven Schlag zu wählen.
Ein weiterer guter Indikator ist dein aktuelles Level an Selbstvertrauen im Match. Dieses steigt, fällt und stagniert im Match. Du wirst Phasen haben, in denen du den Ball mehr auf dem Schläger fühlst als in anderen Spielphasen. Spürst du ein hohes Selbstvertrauen, dann kannst du mehr in die Offensive gehen.
Viele Fehler auf langsame Bälle passieren, wenn du den Ball zu tief fallen lässt. Wir wissen, dass du in diesen Situationen mehr Zeit hast. Mehr Zeit bedeutet leider auch, dass man sich "zu viel" Zeit lässt und den Ball zu spät trifft. Als kleine Regel kannst du dir merken: Triff den Ball im Aufsteigen auf Hüfthöhe. Andre Agassi machte diesen frühen Treffpunkt berühmt und galt in meiner Jugend als Paradebeispiel für einen idealen Schlag.
Wie konzentriert man sich beim Attackieren der langsamen Bälle?
Auf den Ball. Klingt zu simpel, aber viele Spieler sind in diesen wenigen Sekunden bis zum Treffpunkt abgelenkt. Sie schauen, wie sich der Gegner bewegt. Sie sind gedanklich bei einem Spielzug, den sie umsetzen wollen. Zum Beispiel: "Den Ball spiele ich jetzt gegen den Lauf des Gegners!".
All diese kleinen Ablenkungen führen dazu, dass man den Ball nicht fokussiert. Man steht dann falsch zum Ball. Der Ball wird zu tief getroffen.
Die Lösung? Schaue den Ball so aufmerksam an, dass alles um den Ball herum verschwimmt. Der Ball muss für dich riesig groß erscheinen. So genau will der Ball von dir angeschaut werden, wenn du einen langsamen Ball attackieren willst.
Sobald du den Ball so fokussiert anschaust, verbessert sich auch dein Timing beim Schlag. Das Fokussieren des Balles mit den Augen und der ideale Treffpunkt liegen dichter beieinander, als man meint. Das Timing ist beim Attackieren langsamer Bälle schwieriger. Du musst dich genauer zum Ball bewegen. Genau aus diesem Grund ist das aufmerksame Anschauen des Balles so entscheidend.
Wir können festhalten: Das Attackieren von langsamen Bällen ist zu 80 % eine Herausforderung an deine Konzentration auf den Ball. Meisterst du diese Herausforderung, meisterst du auch ein offensives Spiel.
Kann man Stopps einstreuen?
Definitiv. Aber auch hier gilt: Stehe im Feld, wenn du einen Stopp einstreuen willst. Fokussiere auch hier den Ball, nicht den Gegner. Einer meiner alten Trainer gab mir früher während einer Trainerstunde einen hervorragenden Ratschlag für einen effektiven Stopp. Er sagte: "Der Gegner muss einen komplizierten Laufweg zu deinem Stoppball haben!".
Das kann ein Stopp gegen die Laufrichtung des Gegners sein. Einem guten Stoppball solltest du nach vorne nachgehen. Nein, das ist kein Angriffsball für einen Volley. Aber durch dein Vorrücken verkürzt du die Winkel. Dein Gegner hat "weniger Platz", um seinen Stoppballkonter zu spielen.
Fazit
Langsame Bälle zu attackieren, ist eine Herausforderung an deine Fähigkeit, den Ball anzuschauen. Das Timing beim Schlag ist wichtig. Du solltest gut zum Ball stehen und dir nicht zu viel Zeit lassen. Ein langsamer Ball des Gegners bedeutet nicht, dass du dich auch langsam zu diesem Ball bewegen darfst.
Das Gegenteil ist der Fall.
Hier ist eine praktische Checkliste für dein nächstes Match:
- Langsame Bälle erkennen und verstehen. Stehe im Feld, um attackieren zu können
- Aggressiv zum langsamen Ball bewegen, um diesen aggressiv attackieren zu können
- Treffpunkt auf Hüfthöhe und im Aufsteigen
Mehr mentales Know-how gibt es auf https://www.tennis-insider.de/mental-report
