Dominic Thiem - Auch Tennisprofis sind keine Maschinen

Dominic Thiem hat neben körperlichen Problemen derzeit auch mit mentalen Schwierigkeiten zu kämpfen. Insbesondere in Corona-Zeiten kann und darf das auch bei einem Weltklasseathleten schon einmal vorkommen. Ein Kommentar.

von Nikolaus Fink
zuletzt bearbeitet: 30.09.2022, 13:01 Uhr

Dominic Thiem erfüllte sich bei den US Open 2020 seinen Lebenstraum
© Getty Images
Dominic Thiem hat derzeit auch mental zu kämpfen

Dass die Corona-Pandemie auch auf die mentale Gesundheit vieler Menschen einen negativen Einfluss hat, ist unbestritten. "Besonders belastend ist die aktuelle Situation für Erwachsene unter 35 Jahren, Frauen, Singles und Menschen ohne Arbeit (...)", zeigte schon im vergangenen Jahr eine repräsentative Studie der Donau-Universität Krems.

Doch natürlich kann die COVID-19-Krise auch Menschen mit Arbeit treffen. So erging es unter anderem auch Dominic Thiem, der derzeit an einer Knieverletzung laboriert. Wie der Österreicher im Standard-Interview zugab, hat er aktuell aber nicht nur mit körperlichen Problemen zu kämpfen: "Corona hat die schönen Sachen genommen, vom Reisen angefangen, das freie Bewegen. Die schlechten Sachen bleiben. Es ist schwierig, Woche für Woche unter diesen Umständen durchzuspielen."

Nicht perfekt und unfehlbar

Natürlich ist Thiem und seinen Kollegen bewusst, in welch privilegierter Position sie sich befinden. Anders als viele andere Menschen können Tennisspieler ihren Job ausüben, verdienen noch dazu hervorragend und bereisen die schönsten Orte der Welt. Schnell ist von Jammern auf hohem Niveau die Rede, drücken Weltklasseathleten wie Thiem ihre Sorgen und Gefühle aus.

Doch Ängste und negative Gedanken sind nicht exklusiv ein Problem sozial schwächerer Schichten. Auch Vollblutprofis wie Thiem darf eine Pandemie zusetzen, denn eines wird bei der scheinbaren Perfektion und Unfehlbarkeit der besten Sportler des Planeten oft vergessen: Sie sind eben keine Maschinen.

Umso mutiger ist der Schritt des Weltranglistenvierten, an die Öffentlichkeit zu gehen und seine Fans mit offenen Worten an seinem Seelenleben teilhaben zu lassen. Er leide unter der Blase sowie den Quarantänevorschriften, bestätigte Thiem und sprach somit aus, was zahlreiche seiner Mitmenschen in abgewandelter Form - sei es durch Kontaktbeschränkungen oder Abstandsregelungen - ebenfalls erleben.

US-Open-Titel als Fluch und Segen

"Erschwerend" kommt für Thiem hinzu, dass er im September des vergangenen Jahres mit dem Sieg bei den US Open sein großes Ziel erreichte. Der Aufwand für den so ersehnten Grand-Slam-Triumph sei zwar nicht zu groß gewesen, doch "ich bin 15 Jahre dem großen Ziel hinterhergelaufen, ohne nach links oder nach rechts zu schauen". Daher wolle er nun seinen Horizont erweitern und sich auch abseits des Courts mit mehr Dingen befassen.

Auch mit diesen Worten griff der Niederösterreicher ein Thema auf, das im Tennissport aufgrund der Ausnahmekönner Novak Djokovic, Rafael Nadal und Roger Federer lange Zeit in Vergessenheit geraten war. Es ist unheimlich schwierig, sich nach dem "erfüllten Lebenstraum" neue Ziele zu stecken und nicht in ein Loch zu fallen - doch genau das passierte bei Thiem gemäß eigenen Angaben während der Saisonvorbereitung.

"Wenn man sein ganzes Leben seinem ganz großen Ziel hinterherläuft, ihm alles unterordnet und es dann erreicht, ist es eine Weile nicht mehr so, wie es vorher war. Das ist normal. Das Problem im Tennis ist, dass es so schnelllebig ist und Woche für Woche weitergeht", betonte der 27-Jährige. Leere Stadien machen die Sache da natürlich nicht gerade leichter.

Thiem beweist Größe und Stärke

Eines ist für Thiem jedoch sicher: Bei den French Open will er wieder bei 100 Prozent sein. Zuzutrauen ist ihm das angesichts seines enormen Potential jedenfalls, allerdings muss es dazu neben dem Spielerischen auch mental wieder stimmen. Dann könnte es in Paris durchaus mit einem weiteren großen Triumph klappen.

Doch eines ist davon unabhängig bereits klar: Thiem gibt dem hochgezüchteten Tennissport durch seine nachdenklichen Aussagen eine menschliche Komponente. Einige mögen das in einem Sport, in dem bei jedem Schlag nach Perfektion gestrebt wird, als Schwäche auslegen. In Wahrheit ist es jedoch Größe und Stärke.

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