Dominic Thiem: Quiet please, liebe Internetrambos

Dominic Thiem befindet sich derzeit in der schwierigsten Phase seiner bisherigen Laufbahn. Vonseiten weiter Teile seiner Fangemeinde sind die Erfolge vergangener Tage heute wie weggeblasen. Wieso es mehr Geduld für den Rückkehrer Thiem braucht. Ein Kommentar. 

von Michael Rothschädl
zuletzt bearbeitet: 18.05.2022, 07:44 Uhr

Dominic Thiem befindet sich derzeit auf einem steinigen Weg zurück
Dominic Thiem befindet sich derzeit auf einem steinigen Weg zurück

Der jüngste Auftritt von Dominic Thiem bei dessen Comeback tanzte irgendwie aus der Reihe. Zuletzt hat es der Österreicher nämlich verstanden, sich von Match zu Match, von Turnier zu Turnier, kontinuierlich zu steigern. Langsam, aber sicher mehr Druck in die Vorhand zu bekommen. Langsam, aber sicher die Automatismen wiederzufinden. Und langsam, aber sicher in den entscheidenden Momenten hellwach zu agieren. Kurz gesagt: Woche für Woche ein Stück wieder zu jenem Dominic Thiem zu werden, der bis auf Rang drei der ATP-Weltrangliste vorgedrungen ist, der ein Grand-Slam-Turnier gewonnen hat und sich überhaupt 17-mal als Titelträger auf der ATP-Tour eintragen konnte.

Ein weiterer Schritt in diese Richtung ist Thiem mit seiner Erstrundenniederlage beim ATP-250-Event von Genf nicht gelungen. Auch, weil Marco Cecchinato - der auf dem Papier bislang machbarste Gegner seit seinem Comeback (Pedro Cachin im ersten Match in Marbella ausgenommen) - einen hervorragenden Tag erwischte und dem 28-Jährigen bei weitem nicht die Möglichkeiten bot, die es ihm einige andere Spieler außerhalb der besten 100 dieser Welt wohl geboten hätten. Was den Österreicher dennoch auszeichnet: eine radikale Ehrlichkeit, ein offener Umgang mit dem Negativen. "Es haben sehr, sehr viele Sachen nicht gepasst. Es war ein bisschen ein Schritt rückwärts", gab Thiem nun also nach dem frühen Aus in der Schweiz zu Protokoll. 

Auf dem Papier...

Auch, wenn die nackten Zahlen ein verheerendes Bild zeichnen - in sechs Matches nach der Rückkehr ist Dominic Thiem nur ein Satzgewinn gelungen -, so ist in dieser Phase eine differenzierter Umgang mit Rückschlägen das Gebot der Stunde. Das hat jedoch nur Dominic Thiem verstanden. Während der Österreicher nämlich ehrlich um eine Einordnung der Leistung bemüht ist, hämmern die Internetrambos vielerorts fröhlich in die Tasten: "Der soll in Rente gehen." Oder legen sich zumindest fest, dass es "nichts mehr wird" mit dem Weg zurück an die Spitze. Dass die nackten Zahlen derzeit nur ein (sehr kleiner) Teil der Geschichte sind, wird in diesen Wortmeldungen freilich ausgeblendet. 

Fabio Fognini hat in Monte Carlo 2019 bereits ein ATP-Masters-1000-Event auf Sand gewonnen und ist in Rom, vor Heimpublikum, beileibe kein Spieler, mit dem man es in frühen Runden zu tun bekommen möchte. Andy Murray hat in Madrid tags nach seinem Triumph über Thiem mit Denis Shapovalov einen Top-20-Spieler in beeindruckender Manier entschärft. Und Marco Cecchinato? Der hat in seiner Laufbahn (zwar zu selten) gezeigt, dass er auf Sand zu ganz Großem fähig ist. Der Halbfinaleinzug bei den French Open 2018 - mit Sieg über Novak Djokovic - ist dafür bestes Beispiel. 

Thiem legt Erwartungshaltung offen 

Dass Dominic Thiem - der Tennisheld Österreichs, der Grand-Slam-Champion, der Überflieger aus Lichtenwörth - nun nicht mit Siebenmeilenstiefeln wieder zurück an die Weltspitze kommen wird, war angesichts der Schwere der Verletzung von vornherein offensichtlich. Nicht nur der Österreicher hat dies offen ausgesprochen, auch Experten und Kommentatoren des Tennissports sind sich einig: Der Weg zurück an die Spitze braucht Zeit, er braucht Geduld und er braucht einen reflektierten Umgang mit den Rückschlägen, die dieser mit sich bringt. Warum dem Niederösterreicher dann nach jedem Schritt auf dem Weg zurück (und genau das sind die - teils durchaus bitteren Niederlagen - in diesen Tagen schlichtweg) eine Welle der Kritik entgegenschwappt, ist - gelinde gesagt - unverständlich. 

Insbesondere deshalb, weil Dominic Thiem erfrischend offen mit seiner Erwartungshaltung umgeht. Nein, bei den French Open wird es nicht für mehr reichen, als ein paar der Topspieler zu ärgern und vielleicht das ein oder andere Spiel zu gewinnen (vielleicht aber auch nicht!). Ja, Steigerungen werden wöchentlich spürbar und in den meisten Matches auch sichtbar sein. Aber nein, es ist kein leichter Weg zurück - und er wird Leidensfähigkeit brauchen. Aber Dominic Thiem ist bereit, diesen Weg zu gehen. Und er hat verstanden, dass dieser nur Schritt für Schritt erfolgreich bestritten werden kann. Damit steht er derzeit nur leider (fast) alleine da. 

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Mittwoch
18.05.2022, 08:05 Uhr
zuletzt bearbeitet: 18.05.2022, 07:44 Uhr

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