Federer-Buchautor Christopher Clarey im Interview: „Roger ist ein Chamäleon“

Journalist und Buchautor Christopher Clarey über seine Begegnungen mit Roger Federer, eine frühe Offenbarung und die Besonderheit von Federers Schlägen.

von Florian Goosmann
zuletzt bearbeitet: 04.04.2022, 18:54 Uhr

Roger Federer peilt seinen neunten Wimbledon-Titel an
© Getty Images
Roger Federer

Christopher Clarey ist einer der renommiertesten Tennisjournalisten weltweit. Clarey schreibt seit mehr als 30 Jahren über Tennis und hat seither von mehr als 100 Grand-Slam-Turnieren berichtet, hauptsächlich für die New York Times. Im vergangenen Jahr hat Clarey das Buch The Master: The Long Run and Beautiful Game of Roger Federer veröffentlicht, das ein New York Times Bestseller wurde. Mittlerweile ist es unter Roger Federer: Der Maestro auch auf Deutsch erschienen. Clarey hat hierbei keine klassische Biografie geschrieben, sondern Federers Karriere auch anhand der entscheidenden Orte aus seines Lebens aufgebaut, alte Weggefährten neu interviewt, seine Federer-Gespräche aus mehr als 20 Jahren eingebracht und persönliche Begegnungen mit dem Weltstar geschildert. Clarey lebt mit seiner Familie in den USA und Paris.

Herr Clarey, es gibt schon einige Federer-Bücher auf dem Markt: das von René Stauffer zum Beispiel, das vor Kurzem aktualisiert herauskam. Oder das von Simon Graf. Wie kamen Sie darauf, ein weiteres Buch zu schreiben?

Um ehrlich zu sein: Ich habe gar nicht alle Federer-Bücher gelesen, die es gibt. Aber ich hatte über die vielen Jahre hinweg so oft Zugang zu Roger, Rafa und Novak – es wäre fast verrückt gewesen, kein Buch zu schreiben. Ich hatte so viel Material, und vieles nie verwendet. Für Zeitungsartikel spricht man oft eine Stunde mit jemandem und nutzt nur fünf Minuten davon. Rogers Weg nachzuzeichnen, seine Entwicklung – das war es, was ich schreiben wollte. Weil es auch eine komplette Ära im Tennis betrifft. Ich habe die Herausforderung gesucht, das anzugehen./

Sie haben das Buch in gewisser Weise chronologisch aufgebaut, aber es nach Städten geordnet, entscheidenden Stationen für die Entwicklung und die Karriere von Roger Federer.

Der Grund dafür war, dass Roger so global ist. Ich bin das – in deutlich kleinerem Umfang – auch. Das Buch über die wichtigsten Orte anzugehen, war ein guter Aufhänger. Ich habe auch versucht, mich selbst einzubringen, nicht zu viel hoffentlich. Aber wir haben so oft irgendwo gesprochen, in Autos, in Bussen, in seinem Haus... Ich hatte zudem alle alten Aufnahmen von Interviews, alle Abschriften. Es war toll, gedanklich zurückzureisen. Zu sehen, wie Roger sich entwickelt hat, wie er sich verändert hat. Oder wie er sich nicht verändert hat.

Sie haben mit sehr vielen Menschen aus Federers frühem Umfeld geredet.

Dabei habe ich wahnsinnig viel gelernt. Gerade über seine Anfangszeit, wie er in Ecublens behandelt wurde, wie Peter Carter ihn geschliffen hat, wo er herkam, warum die beiden solch einen guten Draht hatten. Ich wusste auch nicht, wie zerbrechlich alles eine Zeitlang war. Ich habe auch mit Leuten gesprochen, mit denen ich bislang nichts zu tun gehabt hatte, mit Christian Marcolli zum Beispiel, dem Leistungspsychologen, mit dem Roger in seiner späten Jugend gearbeitet hat. Dazu mit Yves Allegro, Peter Lundgren oder Marc Rosset. Ursprünglich war ich nicht sicher, ob ich so tief in sein frühes Leben eintauchen will, aber ich fand es spannend. Wenn man bedenkt, wie wichtig Pierre Paganini für Roger war und ist! Ich hatte mich zuvor auch nie mit Paul Annacone in solch intensiver Weise über Roger ausgetauscht, auch mit Andy Roddick nicht. Es war interessant, was die Jungs aus heutiger Sicht über ihn sagen.

Andy Roddick war einer der Leidtragenden der großen Federer-Jahre – er hätte ohne Federer wohl einige Majors mehr gewonnen. Was kam von ihm für ein Gefühl rüber: Bewunderung? Neid? Verbitterung über verpasste Chancen?

Es waren gemischte Gefühle bei Andy. Er hatte ja seine Zeit, in der er ganz vorne war, er war die Nummer 1, hat die US Open gewonnen. Aber ja, für ihn war es teilweise hart. Woran er wohl wirklich zu knabbern hat, ist das Wimbledonfinale aus 2009. Er wusste, das war seine große Chance, da hat er stark gespielt. Mir hat Andys Kommentar gefallen, nachdem Roger wenige Wochen später das Finale der US Open gegen Juan Martin del Potro verloren hat…

… Roddick erzählte Ihnen hierzu lachend, dass er gewissermaßen sauer auf Federer gewesen sei – weil er gegen del Potro versagt hatte.

In diesem Finale ist Roger mit dem Druck nicht klargekommen, gegen Andy hatte er einen solchen Aussetzer nie. Aber Andy ist einer von Rogers größten Fans. Er war neben Paul Annacone der wichtigste Mitwirkende bei dem Buch. Andy hat so viele Anekdoten erzählt. David Foster Wallace hat ja den berühmten Essay geschrieben über die Erfahrung, Roger als Fan zu erleben. Ich wollte versuchen, möglichst viele Spieler zu befragen, wie es ist, gegen ihn zu spielen, wie unterschiedlich im Vergleich zu anderen. Das Gute an Spielern, die bereits zurückgetreten sind, ist, dass sie offener sprechen können.

Roddick versuchte auch, die Besonderheit einzelner Schläge von Federer zu erklären. Lustigerweise konnte er es nicht so recht in Worte fassen. Federers Chip-Return sei so anders als andere. Sein Aufschlag, der mit 200 Sachen ankomme, fühle sich irgendwie weich an. Die Vorhand habe so viel Spin, obwohl Federer ohne besondere Verrenkungen auskomme, wie sie beispielsweise Nadal macht.

Andy hat auch ausgeführt, dass es Rogers große Stärke ist, andere aus dem Spiel zu bringen. Weil er so unberechenbar ist. Das hat mit seiner Taktik zu tun, aber auch damit, dass er einem von seiner Mimik her nichts gibt. Man weiß nur selten, was in ihm vorgeht. Und dann eben seine Technik. Natürlich kennt jeder die Kurve beim Topspin, aber viele Jungs haben den „late dip“ angesprochen bei Rogers Vorhand: Es habe oft den Anschein, als ob der Ball ins Aus fliege, und dann fällt er am Ende runter. Viele Spieler, auch welche, die jahrelang gegen ihn gespielt haben, sind davon immer wieder überrascht.

Nick Kyrgios hat einst auch Federers fast unscheinbaren Chip-Return gepriesen.

Auch der ist kein typischer, da ist Seitwärtsdrall drin, der Ball ist fast tot. Den kann man nicht einfach zurückspielen, man muss dafür arbeiten. Er hat mit diesem Schlag so viele Leute besiegt. Sein geblockter Return hat ihm ebenfalls so viele Matches gewonnen, vor allem gegen starke Aufschläger wie Andy. Und seine Platzierung beim Aufschlag, die Gegner können seinen Aufschlag nicht lesen. Andy ist immer noch sauer, dass er das Rätsel nicht öfter hat lösen können. Immerhin hat er das letzte Duell gegen Roger gewonnen. Das hat er auch explizit erwähnt (lacht). Auch Novak Djokovic hat Rogers Unberechenbarkeit herausgestellt. Man könne sich nie auf ein Muster einstellen, das lange währen würde. Das entspricht aber auch Rogers Persönlichkeit. Er ist jemand, der Abwechslung mag, der Neues schätzt. Und so spielt er auch Tennis.

Sie schreiben vom Davis-Cup-Spiel der Schweiz gegen die USA, in Basel im Jahre 2001, bei dem Federer Sie extrem beeindruckt hat. Federer stand damals knapp an den Top 20, und Sie waren überzeugt, dass er Wimbledon gewinnen würde – und das mehrfach.

Er hat damals gerade seinen ersten ATP-Titel gewonnen. Hatte bei den Olympischen Spielen gut abgeschnitten. Dennoch hatten viele Leute ihre Zweifel. Ich hatte ihn 1999 bei den French Open gegen Patrick Rafter erstmals gesehen – dazu hatten mir ein paar Agenten geraten. Wir repräsentieren den Typ nicht, sagten sie, aber schau ihn dir an, der ist speziell. Federer sah toll aus, aber etwas unreif, temperamentvoll, mit vielen Aufs und Abs. Beim Davis Cup in Basel, zwei Jahre später, war ich beeindruckt, wie sehr er sich verbessert hatte. Von seinen Bewegungen her, aber auch, wie er in der Lage war, dem Gegner von jeder Position des Platzes aus weh zu tun. Todd Martin war ein guter Indoor-Spieler, aber Roger hat mit ihm Katz und Maus gespielt. Ich konnte mir nur ausmalen, wie gut er auf Rasen sein würde. Ich hatte nur wenige Offenbarungen in meinem Leben, aber das war eine. Ich war überzeugt davon, dass er mehrfach Wimbledon gewinnen würde. Wenige Monate später hat er dann Pete Sampras geschlagen.

Für Ihre Recherchen haben Sie auch das Junioren-Wimbledonfinale aus 1998 geschaut, das Federer gewonnen hat.

Ich hatte Alexandra Willis, die Wimbledon-Kommunikationschefin, danach gefragt. Sie sagte: Kein Problem – und fand heraus, dass man das Spiel gar nicht im Club hatte. Aber sie hat es besorgt. Es war toll. Das Ergebnis war zwar eng, aber es ging alles so schnell, nur wenige Sekunden zwischen den Punkten. Man hat auch dort gesehen, dass Roger seine Momente hatte, Bälle wegschoss, den Schläger schmiss und sich teilweise wie ein Spieler aufgeführt hat, der er nicht sein wollte. Aber das hat Spaß gemacht.

Haben Sie sich alle wichtigen Matches seiner Karriere angeschaut?

Es gab zwei große Spaßfaktoren beim Schreiben: zum einen, mit all den Leuten über Roger zu sprechen, ich habe bestimmt um die 80 Interviews geführt. Und dann eben, die alten Matches noch mal zu gucken. Vor allem die Spiele gegen Lleyton Hewitt, aus den frühen 2000er-Jahren, die waren so gut! Auch wegen des gegensätzlichen Stils: Roger hat attackiert, Lleyton gekontert – wie Sampras und Agassi. Das Spiel gegen Marat Safin bei den Australian Open, das Roger verloren hat, steht unter meinen persönlichen Top 10. Dann das erste Match gegen Nadal in Miami, als der ihn geschlagen hat. Das Gute ist, dass man aus dieser Zeit fast alles schauen kann. Wenn man ein Buch über Rod Laver oder Ken Rosewall schreiben würde, gäbe es nur wenig Material. Aber von Rogers wichtigsten Spielen findet man das Meiste. Ich habe bestimmt 30 oder 40 Matches komplett angeschaut. Die wichtigen natürlich, aber auch andere, um zu sehen, wie sich sein Spiel entwickelt hat.

Wie hat sich Federer denn persönlich entwickelt – hat er sich verändert im Vergleich zu Ihrer ersten Begegnung?

Ich maße mir nicht an, zu wissen, wie er sich persönlich entwickelt hat. Ich bin nicht sein Freund, kein Familienmitglied. Ein Interview ist ein Interview. Hier ist er sehr angenehm, sehr offen. Da hat er sich in bestimmten Bereichen gar nicht verändert – auch wenn er zwischenzeitlich Milliardär geworden ist (lacht). Er fragt auch immer seinen Gesprächspartner aus, interessiert sich für ihn, es wirkt zumindest so. Mein erstes Gespräch in 2001 war weniger ein Interview als ein Gespräch. Und in 2019, da habe ich ihn das letzte Mal gesprochen, war es dasselbe. Was sich verändert hat, ist natürlich sein Wissen, generell, aber auch über die Tennis-Geschichte. Sein Humor wird auch oft unterschätzt, er haut immer mal einen Witz raus, lacht gerne. Im Gespräch kommt er auch nicht so elegant rüber wie in der Werbung, mehr wie eine normale Person. Er ist ein warmherziger Typ. Und ein Chamäleon: Er passt sich der Situation an, in der er steckt. Mit Sponsoren geht es etwas in die eine Richtung, mit seinen Kollegen in der Umkleide in die andere, da witzelt er rum. Und gegenüber Journalisten ist er sehr gedankenreich. Seine Mutter ist Südafrikanerin, sein Vater Schweizer, er ist einfach als Mensch sehr anpassungsfähig.

Ein Mal, schreiben Sie, habe Federer Sie angeblafft – als Sie Lenzerheide erwähnten, seinen Wohnort. Der war damals noch nicht so bekannt.

Da war ich mit ihm in Argentinien unterwegs, das war in 2012. Es war ein tolles Gespräch, bis ich plötzlich irgendwas über Lenzerheide sagte. Da hat er gestoppt und klar erklärt: Schreib nicht, wo ich wohne! Das war interessant, weil es so ein abrupter Wechsel war. Roger will sein Privatleben schützen, und damit hat er auch einen tollen Job gemacht. Er beantwortet gerne alle Fragen, spricht über das Spiel. Aber wenn es in diesen Bereich geht, da ist er empfindlicher. Aber er braucht seine private Zeit natürlich, um zu Kräften zu kommen. In der Schweiz akzeptieren das die Leute auch. Wenn er in Argentinien oder Italien leben würde, wäre es schwieriger. Sein Manager Tony Godsick hat mir mal erzählt: Wenn Roger in Zürich rumläuft, wird er kaum gestört. Und wenn, dann nicht von Schweizern, sondern von Touristen. Ich habe ihn auch zwei, drei Mal in der Schweiz getroffen, da war es genauso.

Federer ist nun – mehr oder weniger – seit zwei Jahren dauerverletzt, musste sich wiederholt am Knie operieren lassen. Er hofft, im Sommer zurückzukommen, mit fast 41 Jahren.

Roger ist ein Optimist, hat positive Energie, junge Kinder. Er hat sicher zwei Ziele: erstens sein Knie in Ordnung bringen, um später ein normales Leben mit seinen Kindern zu haben. Das ist eine große Motivation. Und zweitens … nun ja, man fragt Roger schon seit 2009, als er die French Open gewonnen hat, wann er aufhören würde. Er ist dagegen immun. Seine Vorbilder sind Leute wie Laver, Rosewall oder Agassi. Ich denke nicht, dass er nur für den Laver Cup zurückkommen mag. Vielleicht kommt es so, aber ich glaube nicht, dass es das ist, was er will. Letzten Ende ist er jemand, der gerne Tennis spielt, der gerne den Ball auf dem Schläger fühlt. Und er liebt den Wettkampf.

Kann er noch einmal um einen großen Sieg mitspielen?

Als Roger zuletzt gesund war, war er nur einen Punkt davon entfernt, Wimbledon zu gewinnen – einen Punkt! Ich denke, dass er davon ausgeht, noch mal eine gute Chance zu haben. Klar, auf dem Papier sah es 2021 auch nicht schlecht aus, er stand mit 39 Jahren im Viertelfinale. Ich persönlich glaube nicht, dass er noch mal weiterkommt als bis dahin, ich denke, da sind zu viele Spieler im Weg. Aber: Wieso sollte Roger so denken?

Herr Clarey, vielen Dank für das Gespräch und alles Gute!

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