Gerald Melzer im Interview: „Es ist eine absolute Katastrophe“

Gerald Melzer hat eine verkorkste Saison hinter sich. Die Reform der ATP in den unteren Ligen zwang den 28-Jährigen dazu, trotz eines Bänderrisses im Sprunggelenk Matches zu bestreiten. Im Interview mit tennisnet gibt er zu, Spaß am Tennis verloren zu haben und gibt Beispiele für spielerfeindliche Veränderungen im Touralltag.

von Lukas Zahrer
zuletzt bearbeitet: 04.02.2019, 14:12 Uhr

Nach einer intensiven Trainingswoche mit dem österreichischen Davis-Cup-Team spricht der siebenfacher Challenger-Turniersieger zudem über seinen neuen Trainer, schwärmt von Begegnungen in der deutschen Bundesliga und erklärt, warum er einen „Sauboden“ gepachtet hat.

tennisnet: Herr Melzer, Wie geht es ihrem Körper?

Gerald Melzer: Besser. Ich habe die erste Woche Tennistraining hinter mir. Im vergangenen Sommer riss ein Band im Sprunggelenk, vier Tage später spielte ich aber die Qualifikation in Kitzbühel. Ich spielte ein halbes Jahr mit dem Problem, aber immer in Schonhaltung und gefühlt auf 50 Prozent meines Leistungsvermögens. Das mache ich so sicher nicht mehr.

tennisnet: Warum traten Sie in Kitzbühel an?

Melzer: Zu diesem Zeitpunkt spielten viele Dinge eine Rolle: Es ging um die Qualifikation für die US Open, auch meine Einsätze in der Bundesliga spielten eine Rolle, ebenso wie finanzielle Dinge. Das Band selbst hat keine Probleme bereitet, es ist wieder vollständig verheilt. Die Instabilität im Sprunggelenk bekam ich aber überhaupt nicht mehr in den Griff. Seit zwei Wochen geht es besser, jetzt bin ich auf dem richtigen Weg. Das Training mit der Davis-Cup-Mannschaft hat mir das gezeigt.

tennisnet: Bereits vor Ihrer Verletzung wurden Sie zwei Mal am Knöchel operiert. Müssen Sie im Training speziell auf das Gelenk eingehen?

Melzer: Jetzt achte ich darauf, die Verletzung aus meinem Kopf zu bekommen und mir Sicherheit zu erarbeiten. Ich muss wieder lernen, mich richtig zu bewegen. Daran werden wir hart arbeiten und dafür auch Extra-Einheiten einschieben, um keine Blockade im Kopf zu bekommen.

tennisnet: Mit wem arbeiten Sie daran?

Melzer: Philipp Lang, ein ehemaliger Spieler und eigentlich mein bester Freund, ist seit Oktober mein Full-Time-Coach.

Gerald Melzer: "2018 war sehr belastend"

tennisnet: Bereuen Sie es, wie 2018 verlaufen ist?

Melzer: Es war ein unglückliches Jahr, denn ich war in einzigen Match voll fit. Bereits zu Saisonbeginn spielte ich in Australien nur, weil ich eben qualifiziert war. Von einer Top-Form war ich aber weit entfernt. Ich verlor dann viele Matches, das war ziemlich hart für die Psyche. Es war sehr belastend und ich verlor im Endeffekt auch den Spaß. Die letzten Turniere in Südamerika spielte ich nur, um auch weiterhin für Challenger-Turniere nennen zu können. Im Nachhinein würde ich es so nicht noch einmal machen, aber ich wusste genau, wie sich das entwickelt. Ich habe für die Zukunft etwas gelernt.

tennisnet: Sie sprechen die ATP-Reform auf Challenger- und Future-Ebene an.

Melzer: Es ist absolut irrsinning, dass verletzte Spieler nicht geschützt wurden. Dadurch waren sie gezwungen, zu spielen, oder sie beginnen bei Null auf der Transition-Tour. So etwas bricht den Spielern das Genick.

tennisnet: Sie sind also kein Fan der neuen Transition-Tour?

Melzer: Es ist eine absolute Katastrophe. Ich kann nicht nachvollziehen, wie irgendjemand so etwas entscheiden kann. Ein paar Szenarien sind überhaupt nicht durchdacht.

tennisnet: Können Sie uns ein Beispiel geben?

Melzer: Für aufstrebende Spieler wird es insgesamt viel schwieriger, Profi zu werden. Duch den Wegfall der Qualifikation können weniger Spieler Challenger-Turniere bestreiten. Wenn du ein paar Wochen verletzt bist und im Ranking zurückfällst, kannst du dich nicht mehr nach oben spielen, weil es einfach keine Quali-Plätze gibt. Dann gibt es zwei weitere Ärgernisse.

tennisnet: Bitte erzählen Sie uns davon.

Melzer: Die Belastung ist extrem hoch. Als ungesetzter Spieler musst du für einen Turniersieg sechs Runden in einer Woche bestreiten. Außerdem machten sie uns falsche Versprechen, dass es für Challenger-Spieler finanziell leichter werden würde. Die zugesagte Hospitality für fünf Tage fällt weg. Solltest du in der ersten Runde verlieren, musst du abreisen und bekommst kein Zimmer mehr. Ich habe noch keinen getroffen, der diese Änderungen nachvollziehen kann.

tennisnet: Wurden die Spieler bei der Reform zu wenig eingebunden?

Melzer: Keiner wusste im Vorhinein so genau, was die Reform bewirkt. Mich persönlich hat sie nicht so stark getroffen. Aber nehmen wir das Beispiel von Lucas Miedler: Er gewann zu Beginn des vergangenen Jahres ein paar Future-Turniere, die ihm jetzt nichts mehr bringen. Er hätte eine gänzlich andere Turnierplanung verfolgt, wäre die Reform im Vorhinein klar gewesen.

Melzer denkt über Protected Ranking nach

tennisnet: Können Sie uns schon etwas über Ihren Turnierplan verraten?

Melzer: Ich will nichts überstürzen. Jetzt heißt es fit werden, und auf keinen Fall wieder zu früh anfangen. Erst, wenn ich eine 200-prozentige Sicherheit habe, steige ich wieder ins Turniergeschehen ein. Wenn alles perfekt verläuft, möchte ich in sechs, sieben Wochen wieder Turniere spielen. Wenn es länger dauert, dann nehme ich eventuell auch ein Protected Ranking.

tennisnet: Welches wäre das?

Melzer: Es wäre im Bereich von 260, 270. Wenn man sich die ersten Challenger der neuen Saison ansieht, stünde ich mit diesem Ranking noch im Hauptfeld.

tennisnet: Spiele Sie in diesem Jahr wieder bei Klub-Meisterschaften?

Melzer: Klar, ich will mit dem ATV Irdning in der Bundesliga den Meistertitel verteidigen. Auch in Deutschland, bei Grün-Weiß Mannheim, bin ich als Titelverteidiger am Start. Außerdem bin ich in der französischen und italienischen Liga genannt, diese Einsätze sind aber vom Turnierplan abhängig.

tennisnet: Solche Partien machen Ihnen offenbar großen Spaß.

Melzer: Extrem. Ich komme ein wenig aus dem Teamsport. Mir taugt das Teamgefüge, es ist eine schöne Abwechslung vom restlichen Jahr. Ich habe dort immer eine gute Zeit, speziell in der deutschen Bundesliga. Bei Heimspielen kommen bis zu 5.000 Zuschauer, das ist im Vergleich zur österreichischen Liga eigentlich unvorstellbar.

tennisnet: Sie waren lange mit einer Brille unterwegs. Warum haben Sie sie abgelegt?

Melzer: Es war eine optische Brille, ich ließ mir im vergangenen Jahr aber die Augen lasern.

tennisnet: Hat Sie die Brille beeinträchtigt?

Melzer: Mich hat es nicht unbedingt gestört. Nach der OP war es recht ungewohnt, weil ich mir immer wieder auf die Schläfe gegriffen habe, da war aber keine Brille mehr. Es soll keineswegs eine Ausrede sein, aber in meiner Karriere hat sie mir vielleicht das eine oder andere Match gekostet.

tennisnet: Können Sie ein Beispiel nennen?

Melzer: Etwa das Viertelfinale von Quito im vergangenen Jahr. Dort spielt man auf 2.800 Metern, mein Match war für die Night Session angesetzt. Es war kalt, ich fing aber zum Schwitzen an. Die Brille lief an, unter dem Flutlicht konnte ich kaum noch etwas erkennen. Auch bei Nieselregen wurde sie zum Problem, es war mühsam.

tennisnet: Die Brille können Sie nun auch bei Ihrem Lieblingshobby, Angeln, daheim lassen. Was fasziniert Sie daran so sehr?

Melzer: Mich haben als kleines Kind schon jegliche Pfützen interessiert, ich habe etwa Frösche beobachtet. Ich war immer schon vom Wasser angezogen und bin da ein wenig hineingekippt. Es macht extrem Spaß und holt mich auch runter, um ein bisschen Abstand zum Tennis zu gewinnen. Viele Leute haben ein absolut falsches Bild davon. Modernes Karpfenangeln, wie ich es betreibe, hat aber wenig von einem alten Opa, der darauf wartet, bis der Köder verschwindet.

tennisnet: Bei Ihnen gibt es eine sportliche Wettkampf-Komponente?

Melzer: Ich würde es professionell und sehr durchdacht nennen (lacht). Es ist mit mehr Aufwand verbunden, als man denken möchte. Für einen österreichischen Angelshop teste ich laufend Produkte und unterstütze das Team im Social-Media-Bereich.

tennisnet: „Gerald Melzer gründet Sauboden-Syndikat“, stand vor einigen Monaten auf einem Fachportal geschrieben. Bitte klären Sie uns auf, was es mit dem Sauboden auf sich hat. 

Melzer: (lacht) Ich habe mir mit einem Kumpel in der Tullner Au einen See gepachtet. Wir haben uns bei der Vertragsunterzeichnung im Schloss Grafenegg, bei unserem Pächter, lange Zeit Gedanken über den Namen gemacht. Der See hieß Sauboden, er hat uns eigentlich ganz gut gefallen (lacht).

tennisnet: Was machen Sie mit ihrem eigenen See?

Melzer: Wir bewirtschaften ihn, haben ihn mit Fischen besetzt und vergeben Angel-Lizenzen. Es ist unser kleines Baby und so etwas wie unser persönlicher „Happy Place“. Du kannst hinfahren, wenn du Ruhe brauchst. Es ist ein Projekt, das uns viel Freunde bereitet.

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