Im Kopf von Kyrgios - und was Andy Murray einfach besser macht

Nick Kyrgios (ATP-Nr. 78) vermasselte sich ein mögliches Finale bei den Boss Open in Stuttgart mal wieder selbst. Wie man es besser macht, zeigte Andy Murray.

von Florian Goosmann aus Stuttgart
zuletzt bearbeitet: 12.06.2022, 22:54 Uhr

Nick Kyrgios
© Getty Images
Nick Kyrgios

Eigentlich klang sie doch recht vernünftig, die neue Karriereplanung von Nick Kyrgios. Den verhassten Sand ließ er mal wieder aus in diesem Jahr, bei den sonstigen Turnieren spielte er gut und für seine Verhältnisse überraschend skandalfrei. Und in Stuttgart erklärte er, der so heimatverbundene Australier, künftig nur noch zehn bis zwölf Turniere im Jahr spielen zu wollen - diese aber richtig./

Und eine ganze Zeitlang tat er genau das. Kyrgios auf Rasen ist ja immer eine Gefahr - wenn doch nur der Kopf nicht wäre!

Gegen Andy Murray im Halbfinale? Begann Kyrgios stark, besser als sein Gegner, die Showeinlagen mit Aufschlag von unten und Passierschlag durch die Beine (in einem Punkt) bei 40:0 mal außen vor. Als Murray, der sture Schotte, aber einfach nicht abzuwimmeln war, wurde Kyrgios nervös. Die Selbstgespräche wurde mehr und sie wurden intensiver, sie wurden lauter und unfreundlicher, und plötzlich waren es gar kein Selbstgespräche mehr.

Kyrgios schimpfte über den Platz ("Kaputt!"), die Linien ("Kaputt!") und das Hawk-Eye ("Kaputt!"). Er drosch einen Ball aus dem Stadion, früh im Tiebreak, und fing sich eine Verwarnung ein. Er zerhackte sein Racket, holte sich einen Punktabzug ab. Er erhielt einen Spielabzug. Und ließ das Match am Ende relativ weglaufen.

Die fünf Phasen eines Kyrgios-Ausbruchs

Es sind mehrere Phasen, die Kyrgios in einem Match durchmacht, und sie laufen ungefähr so ab: 

Phase 1: Kyrgios hat Spaß.
Und zwar, so lange es läuft und ihm irgendwann ein Break gelingt und sein Gegner einbricht.

Phase 2: Kyrgios flucht leise.
Und zwar, wenn es durchaus immer noch läuft, aber beim Gegner eben auch.

Phase 3: Kyrgios wird unzufrieden mit allem.
Und zwar, wenn das Spiel langsam kippt. Alles ist dann schuld: die Bälle, der Platz, der Schläger, das Hawk-Eye, der Schiedsrichter, die Sonne, der Wind und die Welt an sich.

Phase 4: Kyrgios lässt seiner Wut freien Lauf.
Und zwar, wenn das Spiel gekippt ist. Kyrgios zerstört Rackets oder Bänke und holt sich Verwarnungen, einen Punktabzug und einen Spielabzug ab.

Phase 5: Kyrgios wird wieder ruhig und lässt das Spiel laufen.
Und zwar, wenn der Gegner hoch führt. Kyrgios schießt dann Doppelfehler auf die Gegenseite und reagiert kaum noch bei Aufschlägen des Gegners. Einzige Hoffnung dann: ein spektakulärer Punkt, mit dem er das Publikum wieder auf seine Seite bringt. Dann könnte es noch mal was werden.

Das große Problem des Tennisspielers, es ist ja die verdammte Einsamkeit, wie es Andre Agassi so schön beschrieb. Man kann sich beim Tennis nur an sich selbst abreagieren, im Gegensatz zum Boxer, der seinem Gegenüber immerhin noch eine reinhauen kann. Die Kunst im Tennis ist es dann, wieder zu sich zu finden.

Murray macht's vor

Und hier kommt Andy Murray ins Spiel. Er ist ja nun wirklich kein Experte darin, sich mit positiven Selbstgesprächen zu pushen; ein Match lang nur Murray zu beobachten, ist insofern interessant, als dass er durchweg mit sich beschäftigt ist. Nur wenige Spieler schaffen es, nach einem verschlagenen ersten Aufschlag ein durchaus hörbares "Fuck!" vor sich hinzufluchen, und das durchaus regelmäßig. Und auch sonst ist Murray der Meister der Selbstgespräche.

Er war in dieser Stuttgarter Woche aber auch darin wieder der Meister, damit aufzuhören, wenn's drauf ankam. In den Tiebreaks (Murray spielte drei Stück und gewann alle) feuerte sich Murray plötzlich mit positiven Worten an, "Go Andy" hörte man hier auf einmal statt genervtem Gegrummel. Und spielerisch packte er noch mal eine Stufe an Sicherheit drauf. Prozenttennis, wenn's drauf ankommt! Murray hat's vorgemacht in diesen Tagen, und besonders bemerkenswert: In allen drei Sätzen, die im Tiebreak endeten (gegen Bublik, gegen Tsitsipas, gegen Kyrgios) war er nicht der bessere Spieler gewesen bis dahin.

Auf Rasen ist diese Kunst eine noch wichtigere als ohnehin schon, zu klein sind die Margen, jeder Punkt kann entscheidend sein.

Ja, Kyrgios hatte zum Ende des ersten Satzes Pech, es versprangen tatsächlich mehrere Bälle auf seiner Seite. Aber Murray zeigte auch hier seine Klasse: Beim Satzball im ersten Durchgang verdopste ein Ball von Kyrgios deutlich, aber Murray schob die Kugel noch via Vorhand-Slice rüber. Der versprang wiederum bei Kyrgios, und der verzog.

Das Match war danach gelaufen, auch wenn so etwas ja nie sicher ist im Tennis, wo das Momentum schnell wechseln kann. Murray aber ließ genau das nicht zu, verhinderte den einen spektakulären Punkt im zweiten Satz, der einen wie Kyrgios wieder ins Rennen bringen kann.

Das Finale? Hat er sich in allen Belangen verdient.

TV-HINWEIS: ServusTV Deutschland überträgt alle Centre-Court-Matches der BOSS OPEN live und exklusiv im Free-TV sowie bei ServusTV On.

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