Jurij Rodionov im Exklusiv-Interview: "Bin spielerisch und menschlich gereift"

Der Saisonstart bei der Australian-Open-Qualifikation ist für Jurij Rodionov nicht nach Plan verlaufen. Im Interview mit tennisnet spricht der Österreicher nun über die Wichtigkeit der mentalen Komponente, Wege zum Erfolg und verrät, wer für ihn die heißesten Aktien für die Zukunft des Tennis sind. 

von Michael Rothschädl
zuletzt bearbeitet: 20.01.2021, 15:30 Uhr

Jurij Rodionov im großen tennisnet-Exklusiv-Interview
Jurij Rodionov im großen tennisnet-Exklusiv-Interview

Der Saisonstart in Doha vergangene Woche verlief nicht nach Plan für Sie. Direkt im Anschluss an Ihre Niederlage haben Sie auf Facebook gepostet, dass Sie wohl die beste Vorbereitung Ihrer Laufbahn hinter sich hätten, es aber nicht auf den Platz bringen könnten. Nun mit etwas Abstand zu diesem Match: Welche Gründe konnten Sie finden? 

Der größte Grund war, dass einfach die Matchpraxis gefehlt hat. Ich bin leider ein Spieler, der viel Matchpraxis braucht, um einmal ins Turnier zu finden. Das heißt, für mich ist es schwer, nach zwei, zweieinhalb Monaten Pause ein Turnier zu spielen und gleich zu performen. Außerdem fällt mir der Wechsel von indoor nach outdoor ziemlich schwer, umgekehrt ist es für mich viel einfacher. Da hab ich einige Probleme mit dem Aufschlag, mit dem Aufwurf, da kommt es vor, dass ich den Ball verliere. Das hab ich in den drei Tagen Training, die ich in Doha hatte, nicht wettmachen können. Ganz einfach gesagt hat mir aber die Matchpraxis gefehlt, weshalb ich auf dem Platz auch etwas verloren war. 

Als Spitzensportler muss der Kopf einfach funktionieren. 

Jurij Rodionov über die Wichtigkeit der mentalen Komponente

Die Phrase „nicht auf den Platz bringen“ deutet auch immer auf die mentale Komponente hin – dazu haben Sie im Interview mit Der Presse verraten, dass Sie mit einer Sport-Psychologin zusammenarbeiten. Wie würden Sie Ihre mentale Verfassung beurteilen?

Ich denke, sie ist sehr gefestigt und gut. Ich weiß, dass die mentale Komponente im Spitzensport sehr entscheidend ist, da möchte ich nichts dem Zufall überlassen. Deshalb wollte ich mich insbesondere jetzt in der Pre-Saison gut darauf vorbereiten, damit ich in jeder Situation weiß, was mich erwartet. Denn als Spitzensportler muss der Kopf einfach funktionieren. Sonst wird es schwer.

Durch Ihre Erfolge in der Vorsaison waren Sie in der Lage, Matcherfahrung gegen Top-100-, teilweise auch gegen Top-50-Spieler zu sammeln. Was braucht es, um gegen solche Gegner konstant bestehen zu können?

Die wichtigsten Faktoren sind Konstanz, Selbstvertrauen und über einen flexiblen Matchplan zu verfügen. Ich denke, das sind die wichtigsten Punkte. Außerdem ist es sehr wichtig, Erfahrung zu sammeln und einfach Schritt für Schritt zu machen. Wenn man Tag für Tag hart trainiert, werden die Resultate von alleine kommen.

Ein wichtiger Erfolgsfaktor in der Vorsaison war Ihr neuer Touring-Coach Javier Frana. Die Zusammenarbeit mit dem Argentinier nahm Anfang des Jahres ein doch recht überraschendes Ende. Als Grund für das Scheitern nannten Sie unterschiedliche finanzielle Vorstellungen. Das weist auf ein strukturelles Problem hin, welches dem Tennis immer wieder attestiert wird: Ist es für Sie als Spieler außerhalb der Top-100 schwer, ein volles Betreuerteam finanziell zu stemmen?

Natürlich ist es enorm schwer, wenn man außerhalb der Top-100 steht, das Team professionell zu halten und sich dieses gleichzeitig auch leisten zu können. Ich glaube aber, dass ich außerhalb der Top-100 ein sehr professionelles, ein sehr gutes Team habe. Ich hab einen eigenen Touring-Coach, einen Athletiktrainer, einen Manager und einen Physio. Ich habe mit Wolfgang (Anm. Thiem) außerdem einen stationären Coach. Das muss man finanziell natürlich irgendwie stemmen. Da habe ich aber das Glück, dass von Anfang an mein Bruder, der mich als Manager unterstützt, und seit fünf, sechs Jahren auch Florian Pernhaupt, mein Athletiktrainer, auf das große Geld verzichtet haben und in mein Talent vertrauen und dass sie davon überzeugt sind, dass aus mir was wird. Dafür bin ich auch sehr dankbar. Wenn der Kuchen dann größer ist, wenn das Ranking besser wird, dann wird jeder der Teammitglieder auch ein größeres Stück abbekommen.

Verzichten auf das große Geld, weil sie in mein Talent vertrauen. 

Jurij Rodionov wird von seinem Bruder und Athletiktrainer besonders unterstützt

Nichtsdestotrotz war ein Ersatz schnell gefunden, mit Stefan Koubek ist das ein Mann, mit dem Sie schon einige Berührungspunkte – allen voran natürlich im Davis Cup - hatten. Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit mit Koubek?

Es ist sehr angenehm, Stefan ist ein anderer Charakter als Javier. Javier war eher ein dominanter Trainer, sein Wort war Gesetz, da gab es nicht viel Spielraum für Diskussionen. Mit Stefan ist es mehr ein Miteinander. Wir diskutieren viel mehr auf dem Platz. Er möchte auch meinen Input haben, wie ich die Dinge sehe, möchte wissen, wo meine Komfort-Zone liegt und wo nicht. Das ist ein sehr familiäres Gefühl und ich hab auf dem Platz ein sehr gutes Gefühl mit ihm.

Steht mittlerweile schon fest, ob Sie längerfristig mit Koubek zusammenarbeiten werden?

Wir haben abgemacht, dass er mich auf zehn Turniere begleiten wird, mehr sind für Stefan nicht möglich, weil er berufliche und familiäre – er hat einen kleinen Sohn – Verpflichtungen hat. Deswegen haben wir uns derweil auf zehn Wochen geeinigt.

Und wie werden die restlichen Turniere aussehen?

Für den Rest der Turniere sind entweder Florian Pernhaupt oder mein Bruder mit dabei. Vielleicht kommt auch ab und zu mein Physio mit dazu. Ich habe mit Christian Magg außerdem einen zweiten „Ersatz-Touring-Coach“. Und auf ein paar Turniere werde ich wahrscheinlich auch alleine fahren. Also bin ich für das Jahr 2021, was die Turniere angeht, sehr gut gewappnet.

Der Terminkalender der ATP bis April steht ja mittlerweile fest. Haben Sie für sich bereits entschieden, in welchen Qualifikationen auf der ATP-Tour Sie starten möchten? Wie sieht Ihr Turnierkalender für die kommenden Wochen aus?

Ich glaube, der Challenger-Kalender ist erst bis Ende Februar öffentlich, der der ATP-Tour bereits bis Mitte oder Ende April. Die nächsten Wochen werden also so aussehen: Ich werde am Freitag nach Quimper fliegen für zwei Wochen, da sind zwei Challenger. Danach nach Cherbourg und danach ist noch nichts fixiert. Wie letztes Jahr wird sich auch heuer bestimmt sehr viel ändern im Kalender, man muss sehr spontan sein und  einfach Woche für Woche planen. Natürlich haben 250er oder 500er (Anm. ATP-250-Events bzw. ATP-500-Events) Priorität, wenn ich reinkommen sollte. Aber da jetzt die Turniere sehr rar sind, gehe ich nicht davon aus, dass ich in nicht viele reinkommen werde.

Gegenüber Der Presse sprachen Sie außerdem von großen Selbstzweifeln, die Sie vor Ihrer Zusammenarbeit mit Javier Frana plagten. Was hat sich heute in Ihrem Mindset geändert, wenn es wieder einmal einige Wochen oder gar Monate nicht nach Plan laufen sollte?

Das war auch ein großes Thema mit meiner Mentaltrainerin, mit Judith Draxler, dass ich einfach auch auf solche Situationen vorbereitet bin. Ich glaube auch, dass ich im letzten Jahr sehr gereift bin, ich habe viele neue Erfahrungen sammeln können und bin jetzt – sollte ich noch einmal in eine solche Situation reinkommen – besser gewappnet, weiß also schon, was ich dagegen unternehmen muss, um wieder aus dem Loch zu kommen. Hoffentlich wird es natürlich nicht wieder passieren, aber der Profisport kann sehr hart sein und es kann alles passieren. Deswegen ist es besser, wenn man auf alles vorbereitet ist.

Der Weg nach vorne in der Weltrangliste ist sehr eng mit der spielerischen Konstanz verwoben. Die Streuung bei Ihren Leistungen ist derzeit noch einigermaßen breit. Was müssen Sie nun konkret tun, um in Zukunft öfter Ihr Leistungsmaximum auf den Platz bringen zu können?

Ich glaube, das ist kein Geheimnis: Man muss Tag für Tag, Stunde für Stunde hart trainieren. In jeder Minute ist es wichtig, das Maximum auszuschöpfen. Harte Arbeit zahlt sich am Ende des Tages aus. Da muss einfach jeder durch. Es ist für Profisportler, wie auch im echten Leben das Gleiche: Wenn man etwas erreichen möchte, muss man hart dafür arbeiten.

In jeder Minute ist es wichtig, das Maximum auszuschöpfen. Harte Arbeit zahlt sich am Ende des Tages aus. 

Der Schlüssel zum Erfolg ist für Jurij Rodionov kein Geheimnis: 

Sie haben im Zuge der Erste Bank Open auch die Gelegenheit gehabt, mit Dominic Thiem und Daniil Medvedev zu trainieren, die beiden gelten auch als die größten Verfolger der „Big Three“. Wen sehen Sie in dieser Saison bei den Grand-Slam-Turnieren vorne?

Das ist sehr schwer zu sagen. Man hat immer das Gefühl, je älter die „Big Three“ (Anm. Roger Federer, Rafael Nadal und Novak Djokovic) werden, desto größer sind die Chancen für die Jungen. Aber die alten Hasen halten sich noch sehr gut für ihr Alter. Federer etwa ist 39, Nadal ist 34, Djokovic 33 – das ist schon sehr erstaunlich, was die Typen an der Weltspitze da machen. Ich finde aber auch, dass Dominic (Anm. Thiem) jetzt immer ein potentieller Kandidat für einen Grand-Slam-Titel ist, weil er enorm fit ist, ein unglaubliches Spiel hat und in den letzten ein, zwei Jahren eine sehr gute Konstanz bekommen hat – er schafft es wirklich, Woche für Woche sein bestes Tennis auf den Platz zu bringen. Dasselbe gilt für Medvedev. Ich habe mit ihm in Wien trainiert. Ich finde sein Spiel sehr unorthodox und sehr unangenehm – er verfügt einfach über Schläge, die man nicht lesen kann, wo man sich als Gegner sehr unwohl fühlt. Die beiden haben eine sehr große Chance, ein Grand-Slam-Turnier zu gewinnen.

Auch aus Ihrer Generation spielen sich aktuell einige Spieler an die Weltspitze. Wen sehen Sie hinter den Generationen Zverev & Tsitsipas als die vielversprechendsten Aktien für die Zukunft des Tennis?

Auf jeden Fall Denis Shapovalov und Felix Auger-Aliassime, sie sind die heißesten Kandidaten. Shapovalov kann an guten Tagen jeden schlagen, an schlechten Tagen eher weniger – wie man auch im Match gegen mich gesehen hat. Von den noch Jüngeren ist Jannik Sinner auf jeden Fall ein sehr heißer Kandidat, sein Spiel ist für sein Alter unglaublich, außerdem kann er körperlich noch eine Schippe drauflegen, was natürlich sehr positiv ist. Er hat auf jeden Fall noch Potential nach oben und auch als Typ ist er einfach extrem lässig, ein sehr netter Typ. Außerdem wären da vielleicht noch Lorenzo Musetti und Carlos Alcaraz. Sie haben sehr interessante Spielweisen. Alcaraz ist ein Stier, kämpft um jeden Ball – so wie Nadal. Und Musetti ist ein sehr eleganter Spieler, mit seiner einhändigen Rückhand. Es macht sehr Spaß, ihm zuzusehen. Ich habe auch mit ihm trainiert und glaube, dass auch aus ihm einmal etwas werden wird, wenn er verletzungsfrei bleibt.

In den kommenden Wochen werden Sie bei zwei Events im französischen Quimper aufschlagen. Mit welchen Erwartungen fliegen Sie in die Bretagne?

In erster Linie Matchpraxis zu bekommen. Ich denke, das ist für mich enorm wichtig, dass ich in 2021 gut reinstarte und die nächsten ein, zwei Monate gut gestalten kann. Ich hoffe also, dass ich viele Matches bekomme. Natürlich werde ich mein Bestes geben, werde um jeden Punkt kämpfen und hoffe, dass ich mein bestes Spiel mit in die Bretagne nehmen kann.

Im letzten Gespräch mit tennisnet.com haben Sie gesagt, dass ein Platz unter den besten 100 der Weltrangliste Ihr großes Ziel ist. Soll dieses schon in diesem Jahr realisiert werden? Mit welchen Zielen gehen Sie in diese Saison?

Auf jeden Fall sind die Top-100 mein großes Ziel. Das sind sie schon seit zwei, drei Jahren. Ich war schon vor zwei Jahren knapp dran, war damals – glaube ich – auf Platz 170. Und seitdem bin ich meines Erachtens spielerisch und auch menschlich gereift. Die Top-100 sind im Tennis so eine magische Barriere, die ich dieses Jahr noch knacken möchte. Wenn ich das schaffe, ist das nächste Ziel, mich in den Top-100 zu etablieren und einfach konstant Resultate zu bringen und mich so in den Top-100 zu halten.

Vielen Dank für das Gespräch!

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20.01.2021, 20:05 Uhr
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