Kohlschreiber vor Djokovic-Showdown in Dubai- "Tennis nicht mehr die Nummer eins"

Philipp Kohlschreiber trifft in der zweiten Runde des ATP-Tour-500-Turniers in Dubai auf Novak Djokovic. Die langjährige deustche Nummer eins nimmt ein derartiges Highlight in der Endphase seiner Karriere gerne mit.

von Jörg Allmeroth
zuletzt bearbeitet: 25.02.2020, 18:37 Uhr

Philipp Kohlschreiber freut sich auf Novak Djokovic
© Jürgen Hasenkopf
Philipp Kohlschreiber freut sich auf Novak Djokovic

Von Jörg Allmeroth aus Dubai

Nachtspiel. Flutlicht-Atmosphäre. Volles Haus. Und auf der anderen Seite des Netzes die Nummer eins der Welt: Novak Djokovic. Philipp Kohlschreiber hätte dieses Spiel gerne später in dieser Turnierwoche von Dubai gehabt, nicht schon in der zweiten Runde, nicht schon am Mittwochabend zur Prime Time in der Millionenmetropole am Golf. Aber er ist auch froh, dass er überhaupt noch diese Momente, diese prickelnden Duellsituationen hat gegen die Allerbesten. Gegen den Besten im Hier und Jetzt. „Die Aufregung ist immer noch da. So wie vor zehn Jahren“, sagt Kohlschreiber, inzwischen mit seinen 36 Jahren ein Veteran der Tennis-Tour, „es ist eine tolle Herausforderung, ein absolutes Highlight. Etwas, wofür du dich im Training schindest.“

Kohlschreiber gehört ja seit zwei Jahrzehnten zuverlässig zum Inventar des deutschen Herrentennis. Er hat die deutsche Fahne hochgehalten in der Zeit mit und nach Tommy Haas, Rainer Schüttler und Nicolas Kiefer – und vor dem Aufstieg des jungen Alexander Zverev. Kaum ein Spieler jenseits der absoluten Topstars hat seinen Platz in der erweiterten Weltspitze so hartnäckig gehalten und verteidigt wie der Augsburger, Kohlschreiber stand beinahe immer souverän unter den Top 30, manchmal unter den Top 20. Und manchmal auch knapp an den Top Ten dran. Jetzt, mit Mitte Dreissig, ist der Nationalspieler auch wegen Verletzungsproblemen in der letzten Saison abgerutscht in der Hackordnung, gegenwärtig rangiert er auf Platz 80. Es ist ein ungewohntes Bild, auch für manche Kollegen. „Die kommen zu mir und sagen: Was, Du bist nicht mehr weiter vorne dabei“, sagt Kohlschreiber, „aber es ist so: Wenn die Dinge mal nicht zusammenlaufen, geht es schnell runter.“ Und, auch das ist die Wahrheit, nicht so schnell wieder hinauf.

Kohlschreiber besiegt Djokovic in Indian Wells 2019

Kohlschreiber spielte 2019 nicht weniger als vier Mal gegen Djokovic, den Mann, an dem sich derzeit alle im Wanderzirkus messen müssen. In Indian Wells besiegte er den Serben sensationell, alle anderen Matches gegen den Capitano der Szene verlor er, zuletzt auch in Wimbledon im Sommer. „Aber Philipp ist ein Spieler, der die große Bühne gegen große Spieler liebt. Und gerne mal über sich hinauswächst“, sagt Djokovic, „er ist ein Spieler, dem viele nicht genügend Aufmerksamkeit schenken.“ Kohlschreiber würde diese Einschätzung vielleicht sogar teilen, auch auf seine Heimat bezogen, auf Tennis-Deutschland, das ihm oft kritisch bis distanziert gegenüberstand. 

Aber er hat diese Diskussionen, Beliebtheitsfragen hinter sich gelassen, nun, da er, wie er selbst sagt, „das Ende der Karriere“ vor Augen hat. Kohlschreiber hat noch seinen Spaß am Job, aber die Bedingungslosigkeit, mit der er vor zehn, fünfzehn Jahren fürs Tennis lebte, ist gewichen. Alles hat seine Zeit. „Nummer eins ist Tennis nicht mehr in meinem Leben. Das ist die Familie, meine Frau“, sagt Kohlschreiber, „es ist nicht mehr so leicht, viel unterwegs zu sein. Getrennt zu sein.“ Das ständige Kofferpacken, die Herumreiserei falle „einfach schwerer.“

Bescheiden in der Zweiten Liga

Als es im letzten Jahr nicht gut lief, wechselte Kohlschreiber auch gelegentlich auf die Challenger-Ebene zurück. Es machte ihm nichts aus, er sah es nicht als Gesichtsverlust, es war eine Notwendigkeit für ihn. „Wenn du auf der Tour nicht gewinnst, musst du dir einen Ort suchen, wo du eher siegen kannst“, sagt Kohlschreiber. In der Zweiten Liga, in der alles eine Spur hemdsärmeliger und bescheidener zugeht, lernte der Mittdreissiger auch noch einmal zu schätzen, wie komfortabel er all die Jahre im großen Reisetross gelebt hatte. „Man merkt gar nicht, wie gut man es hat. Wenn es einem gut geht“, sagt Kohlschreiber, „der ganze Service, die schönen Hotels, die Annehmlichkeiten überall.“

Kohlschreiber wird immer noch und immer wieder in der deutschen Nationalmannschaft gebraucht. Auch jetzt, Anfang März, gegen Weißrussland, wird er im schwarz-rot-goldenen Team in Düsseldorf dabei sein. Eigentlich wollte er sich intensiver für das Topturnier in Indian Wells Mitte März vorbereiten, doch nach gutem, intensiven Zureden von Kapitän Michael Kohlmann hat sich der Bayer breitschlagen lassen für das Qualifikationsmatch zur Endrunde in Madrid. „Das eigene Land zu vertreten, war immer eine Ehre für mich. Nichts Alltägliches“, sagt Kohlschreiber. Das gilt im übrigen auch für die Olympischen Spiele in Tokio im Sommer, sein erwüsnchtes persönliches Saison-Highlight. „Da noch mal zu starten, auf der Zielgeraden der ganzen Laufbahn, wäre fantastisch“, sagt Kohlschreiber.

Hier das Einzel-Tableau in Dubai

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