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Konzentriert bleiben im Match: Das Rucksack-Prinzip

Ihr habt das Gefühl, dass Euch bei wichtigen Partien ein schwerer Rucksack an Eurer Top-Leistung hindert? Der Tennis-Insider Marco Kühn hätte da ein paar Anregungen für Euch.

von Marco Kühn
zuletzt bearbeitet: 09.03.2022, 16:39 Uhr

Auch Rafael Nadal hat manchmal sein Packerl zu tragen
© Getty Images
Auch Rafael Nadal hat manchmal sein Packerl zu tragen

Nach Sauerstoff ringend fragte ich meinen Kumpel: "Sach mal, was hast du alles in den Rucksack gepackt? Hast du mir da Backsteine und Goldbarren reingeworfen?". Wir waren in Garmisch Wandern und die brütende Hitze machte uns zu schaffen. Er antwortete: "Nee, Backsteine nicht, aber allerhand Verpflegung, drei Wasserflaschen, Snacks und klar - Goldbarren!".


Diese Wanderung stand sinnbildlich für das, was zahlreiche Tennisspieler in ihren Meisterschafts- und Turnierspielen tun. Sie packen ihren mentalen Rucksack mit allerhand Erwartungen, Spielideen und Zielen. So nimmt man sich gern eine ganze Liste von Dingen für ein Match vor:

- Wenig Fehler machen
- Gute Quote beim ersten Aufschlag
- Viele Winner schlagen
- Aggressiv spielen
- Netzangriffe einbauen
- ... und bei all dem auch noch gut aussehen

Diese Liste formt die Erwartungshaltung zu einem knapp 12 kg schweren Rucksack, den man sich vor einem Match auf den Rücken schnallt. Es ist nicht ganz so einfach mit einem solchen Rucksack auf dem Rücken großes Tennis zu zeigen, oder?!

Ich möchte dir in den folgenden Zeilen einen anderen Ansatz vorstellen. Einen, der nicht so spektakulär klingt wie die beeindruckende Liste ein Stückchen weiter oben. Aber eventuell gelingt es dir mit diesem anderen Ansatz konzentrierter im Match zu agieren. Cooler zu bleiben, wenn die Big-Points anstehen. Und den einen oder anderen umkämpften Sieg mehr mit nach Hause zu bringen.


Der Rucksack der Champions

Wenn wir uns die Spielphilosophie der großen Champions anschauen, dann sind wir auf den ersten Blick fasziniert. Sie scheinen immer dann perfekt zu spielen, wenn es drauf ankommt. Sie machen dann wenig Fehler, wenn man keine Fehler machen darf. Die Champions packen dann zu, wenn man zupacken muss.

Auf den zweiten Blick stellen wir fest, dass alle Champions ihren mentalen Rucksack nur mit den wichtigsten Elementen für ihr Spiel packen. Rafa packt sich Kampfgeist, hohe Spinbälle auf die gegnerische Rückhand und eine Vorhandpeitsche in seinen Rucksack. Der Djoker, man sieht es ihm schon an, braucht noch weniger Verpflegung. Er packt sich die "Null-Unforced-Error"-Taktik in seinen Rucksack. Roger packt ultra-aggressives Grundlinientennis inklusive variablen Aufschlägen ein.

Klar, all diese Champions können sich auf den Punkt konzentrieren. Sie sind Meister der Improvisation. Doch wenn wir etwas tiefer analysieren, dann stellen wir fest: Die Grundlage, um überhaupt so fokussiert und konzentriert spielen zu können, ist ein simpel gepackter mentaler Rucksack. Die Spielideen der Champions sind in ihrem Grundgerüst einfach und alles andere als kompliziert.

Wie du deinen Rucksack packen kannst

Auch wenn du dir noch nie so wirklich über deine Spielphilosophie deine Gedanken gemacht hast, so besitzt dein Spiel klar definierte Stärken und Schwächen. Du hast deine eigenen Taktiken und Strategien, um die Punkte zu gewinnen - sowie zu verlieren. Das Reinlöffeln der Kugel mit 13 km/h ist eine Taktik. Das direkt ab dem zweiten Schlag im Ballwechsel auf den Winner gehen ist eine Taktik. Der Rückhand-Slice, ohne Ausnahme kurz gespielt, ist eine Taktik.

Sobald du im Ansatz herausgefunden hast, wie deine persönliche Taktik (oder eben auch Spielphilosophie) ausschaut, kannst du damit starten deinen Rucksack für deine Meisterschafts- und Turnierspiele zu packen. Im mentalen Training gibt es eine unglaublich effektive Methode, um zielgerichtet trainieren zu können. Diese Methode ist super simpel: Du stellst die richtigen Fragen und beantwortest diese für dich ehrlich. Wir gehen im nächsten Step mal ein Beispiel durch und packen deinen Rucksack.

Wir gehen davon aus, dass du eine konstante Vorhand spielst, mit der du in den passenden Spielsituationen gerne attackierst. Deine Rückhand wackelt ein wenig. Vor allem, wenn du viermal in Folge hoch angespielt wirst. Dein erster Aufschlag ist ein Brett, kommt aber zu selten. Dein zweites Serve ist sicher - aber harmlos. Auf Grundlage dieser Fähigkeiten bauen wir jetzt zwei bis drei Ideen, die du für dein Match in deinen Rucksack legen kannst, damit du konzentriert und fokussiert deine Art Tennis zeigen kannst.

Dein Rucksack kann wie folgt aussehen:

1) Früh im Ballwechsel die Vorhand einsetzen
2) Gute Quote beim ersten Aufschlag

Mehr nicht. Mit diesen zwei Prinzipien als Matchplan ist es dir viel effektiver möglich gute Entscheidungen in den Ballwechseln zu treffen. Du wirst nicht von Gedanken überrannt, was du wie als nächsten spielen könntest oder solltest. Du hast einen klaren Plan, eine Landkarte, die dich durch dein Match navigiert.

In den nächsten Schritten, im Match selbst, könnten deine Ideen wie folgt ausschauen:

1) Nach dem Aufschlag etwas in die eigene Rückhand-Ecke bewegen, um mehr Vorhand spielen zu können
2) Die Rückhand langsamer, aber dafür mit mehr Länge in die schwächere Seite des Gegners spielen

Diese beiden Ideen wären eine logische Folgerung der zwei Dinge, die du in deinem Rucksack hast.

Fazit

Was kannst du aus diesem Artikel für dich mitnehmen? Überlege dir, wie deine Spielphilosophie im Match (nicht im Training, das ist ein großer Unterschied) ausschaut. Breche von deinen Überlegungen zwei oder drei große Stücke ab, packe diese in deinen Rucksack und erweitere diese dann.

Exakt das haben wir in unserem Beispiel aus diesem Artikel getan. Wenn du diese kleine mentale Übung mit Hingabe ausführst, dann wirst du viele kleine Aspekte in deinem Spiel ausfindig machen, die du noch weiter verbessern kannst. 

Und, die Quintessenz für dich: Nimm nicht zu viele Ideen und Erwartungen mit in deine Meisterschafts- und Turnierspiele. 

von Marco Kühn

Mittwoch
09.03.2022, 13:45 Uhr
zuletzt bearbeitet: 09.03.2022, 16:39 Uhr