Michael Kohlmann im Interview - „Boris Becker hat sich jeden Spieler zur Brust genommen“

Der deutsche Davis-Cup-Kapitän Michael Kohlmann im tennisnet-Interview über die Situation an der Weltspitze, seine Zusammenarbeit mit Boris Becker und das Erfolgsgeheimnis von Kevin Krawietz und Andreas Mies.

von Jens Huiber
zuletzt bearbeitet: 07.12.2020, 23:00 Uhr

Michael Kohlmann und Boris Becker beim Davis Cup in Australien 2018
© Getty Images
Michael Kohlmann und Boris Becker beim Davis Cup in Australien 2018

tennisnet: Herr Kohlmann. Fangen wir so an: Welche Spieler haben aus Ihrer Sicht im Jahr 2020 die größten Entwicklungsschritte gemacht?

Michael Kohlmann: Jannik Sinner auf jeden Fall, auch wenn das natürlich langweilig ist, weil er jetzt sehr gut in der Weltrangliste da steht. Jannik war beim ATP Cup als Trainingspartner dabei, da hat er auch viel mit unseren Spielern trainiert. Man konnte schon erahnen, wo es hingehen könnte. Dass er das innerhalb eines Jahres so gebündelt hat und jetzt konstant so gut spielt, das ist außergewöhnlich.

tennisnet: Außerdem?

Kohlmann: Ich finde auch, dass Mikhail Youzhny mit Denis Shapovalov einen sehr, sehr guten Job macht. So wie Shapovalov nun die Matches angeht und wie er sich auf dem Platz verhält, das geht auf jeden Fall in die richtige Richtung. Ich bin sehr gespannt, was 2021 bei dem passiert.  

tennisnet: Die ATP Finals in London haben gezeigt, wie nahe die Dinge beieinander liegen: Novak Djokovic hat eine 4:0-Führung im Tiebreak des dritten Satzes gegen Dominic Thiem noch aus der Hand gegeben, Rafael Nadal konnte gegen Daniil Medvedev nicht ausservieren. Die beiden Jüngeren haben sich durchgesetzt. Warum?

Kohlmann: Ich fand es in diesem Jahr bemerkenswert, dass die jungen Spieler in diesen wichtigen Situationen noch einmal eine Schippe draufgelegt haben. Die älteren, erfahrenen haben das ruhige, solide Spiel durchgezogen. Und gerade Dominic Thiem ist dann noch höheres Risiko gegangen, hat unglaubliche Vorhand-Winner gespielt, das Tempo angezogen.  Und das ist aufgegangen. Ich habe das Gefühl mitgenommen, dass die Jungen, neben Thiem, jetzt nicht nur dran sind, sondern demnächst auch die Grand-Slam-Turniere gewinnen können. Auch wenn alle drei Topspieler am Start sind.

tennisnet: Dieses erhöhte Risiko in entscheidenden Phasen - fehlt Ihnen das manchmal bei Alexander Zverev?

Kohlmann: Nicht nur in den entscheidenden Phasen. Man hat teilweise gesehen, wie im US-Open-Finale gegen Dominic Thiem, dass er perfektes Offensivtennis spielen kann. Da hat Sascha angedeutet, wozu er in der Lage ist. Wenn er das konstant durchziehen kann, dann unterscheidet ihn das von den anderen jungen Spielern. Dann wird er die ganz Großen auch nacheinander und Best-of-Five schlagen.

tennisnet: Vor wenigen Tagen ist bekannt geworden, dass Boris Becker die Position des Head of Men´s Tennis im Deutschen Tennis Bund nicht länger bekleiden wird. Welches Resümee ziehen Sie aus der Zusammenarbeit mit Becker?

Kohlmann: Es waren drei sehr konstruktive und positive Jahre, die wir zusammen verbracht haben. Gerade die Davis-Cup-Wochen, aber auch die Wochen, in denen wir bei Turnieren waren oder uns bei Grand Slams ausgetauscht haben, waren sehr lehrreich für mich. Ich habe viele Sachen von Boris direkt mitnehmen dürfen. Und der Austausch hinsichtlich der jugendlichen Spieler, was für deren Entwicklung wichtig ist in den jeweiligen Schritten, war immer sehr fruchtbar.

tennisnet: Alexander Zverev kennt Boris Becker ja schon seit Jahren. Wie hat die Zusammenarbeit mit den anderen Spielern im Davis-Cup- oder ATP-Cup-Team funktioniert?

Kohlmann: Gerade bei den Davis-Cup-Wochen hat sich Boris wirklich jeden zur Brust genommen und mit allen viel geredet. Da lag der Fokus nicht auf Sascha, sondern auf allen, die in der Mannschaft waren. Wenn man zurückdenkt: Der erste Einsatz von Boris Becker war in Portugal. Da haben Yannick Hanfmann, Cedric-Marcel Stebe, Tim Pütz und Jan-Lennard Struff unser Team gebildet. So gesehen hat Boris viele Spieler in der Mannschaft gehabt, zuletzt war auch Dominik Koepfer dabei. Dann Andi Mies und Kevin Krawietz. Boris hat sich um alle gekümmert, nicht nur beim Davis Cup, sondern auch bei den Grand-Slam-Turnieren.

„Krawietz und Mies werden sich für Jahre oben festsetzen“

tennisnet: Um auf einen der genannten deutschen Spieler zu kommen: Wie sehen Sie die Entwicklung von Jan-Lennard Struff?

Kohlmann: Struffi ist ein gutes Thema. Wir sprechen jetzt von einem Niveau und einer Ranglisten-Position um die 30, die schon sehr hoch ist. Da entscheiden auch mal Kleinigkeiten, ob Du Richtung 20 gehst oder doch auf Deinem Platz bleibst. Was auch eine sehr gute Leistung ist. Jan-Lennard spielt nur noch die großen Turniere und misst sich immer nur mit den Großen. Dass man dann am Ende eines Jahres nicht mehr auf die kommt, wie in jenen Jahren, als man nur nach oben gegangen ist, ist normal. Daran muss sich Struffi gewöhnen. Er ist ein Laufspieler, ein Vielspieler, der viele Sieg für das Selbstvertrauen braucht. Auf dem Niveau, auf dem Jan-Lennard jetzt ist, muss man sich ständig weiter entwickeln, um die Ranglisten-Position überhaupt zu halten.

tennisnet: Auf ein Wort zu Kevin Krawietz und Andreas Mies. Warum funktioniert diese Paarung so hervorragend, obwohl die beiden ja eigentlich nie miteinander trainieren?

Kohlmann: Im Doppel müssen die Partner die Schwächen neutralisieren und die Stärken noch einmal hervorheben. Kevin und Andi passen wirklich sehr, sehr gut zusammen. Das haben sie mit den beiden Turniersiegen in Paris eindrucksvoll bewiesen. Dass das zweimal bei einem Grand Slam so aufgeht, ist unglaublich. Ich habe mir mal aus Spaß den Altersdurchschnitt der Top 50 im Doppel angeguckt. Da sind Krawietz und Mies vom Team her die mit Abstand jüngsten. Ich glaube, sie werden sich über Jahre dort oben festsetzen. Was eine unglaubliche Stärke der beiden ist: Sie finden immer wieder Wege, ihre Aufschlagspiele zu halten. Sie haben manchmal Phasen, wo sie im Return nicht so gefährlich sind. Aber dadurch, dass sie immer ihren Aufschlag halten, kommen sie immer in ein Match rein. Das gibt einem im Doppel immer eine gewisse Ruhe.

tennisnet: Das Davis-Cup-Finalturnier 2020 ist der Corona-Pandemie zum Opfer gefallen. Wie geht der deutsche Teamchef mit dieser Situation um?

Kohlmann: Wir hoffen, dass das Finale 2021 stattfinden wird. Die Gruppen sind ja immer noch dieselben, und für uns mit Österreich und Serbien eine riesige Herausforderung. Davor sollte aber einen einigermaßen normale Tennissaison über die Bühne gehen, hoffentlich auch bald wieder mit Zuschauern. Ich hoffe, dass sich möglichst viele Deutsche in den Vordergrund spielen, damit ich im nächsten Jahr die Qual der Wahl habe, wen ich nominiere.

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