Mit Taktik punkten: Warum selbst die besten Tennisspieler fast die Hälfte aller Punkte verlieren

Im Tennis müsst ihr nicht alle Punkte gewinnen - nur die wichtigen. Und die Topspieler zeigen, wie das geht! Ein Auszug aus dem neuen Tennis-Buch Mit Taktik punkten: Die Kunst, über Tennis nachzudenken.

von Florian Goosmann
zuletzt bearbeitet: 22.09.2022, 09:55 Uhr

Novak Djokovic möchte neue Wege beschreiten
© Getty mages
Novak Djokovic

Jeder von uns erinnert sich wohl an ganz besondere Tennispartien. An das erste Medenspiel, vielleicht auch an eine Packung, die man mal einstecken
musste. Oder das entscheidende Aufstiegsspiel. Und natürlich an Matches, in denen man vielleicht sein bestes Tennis gespielt hat.

Warum gerade an Letzteres? Nun, weil das leider selten vorkommt. Hand aufs Herz: Wie oft in der vergangenen Saison habt ihr euer bestes Tennis ausgepackt, im Trainingsmatch oder am Medenspieltag? Zweimal? Dreimal? Herzlichen Glückwunsch, das ist toll! Es heißt aber im Umkehrschluss, dass ihr 30-, 40- oder 50-mal nicht perfekt gespielt habt.

Wenn wir hochrechnen, wie groß die Chancen sind, dass wir ausgerechnet in einem wichtigen Match unser bestes Tennis abrufen, kommen wir nicht weit, wenn wir die Siegesbilanz aufstocken wollen. Wir müssen an den Tagen anpacken, an denen nicht alles zusammenläuft – was nun mal meistens der Fall ist. Das Gute: Dem Gegner geht es ähnlich. Erwischt er ausgerechnet gegen uns seinen Sahnetag und putzt uns weg, müssen wir gratulieren. Den Löwenanteil an Matches werden Sie aber spielen, wenn weder ihr noch euer Gegner alles trifft. Machen wir uns das einfach mal bewusst.

Die böse Tenniszählweise

Eine zweite Sache: Im Tennis klingen Siege oder Niederlagen oft brutal. Ein 0:6, 1:6 braucht man sich selten schönreden, allerdings sind viele scheinbar
glatte Niederlagen in absoluten Zahlen gar nicht so deutlich, wie sie klingen.

Ein kleines Gedankenspiel. Lassen wir Spieler A gegen Spieler B antreten. Im ersten Aufschlagspiel läuft es so: 15:0, 30:0, 30:15, 30:30, 40:30, Einstand, Vorteil A, Einstand, Vorteil A, Einstand, Vorteil A, Einstand, Vorteil A, Einstand, Vorteil A, Einstand, Vorteil B, Spiel B – 1:0. A hat 8 Punkte gemacht, bei B waren es 10. Lassen wir die nächsten zwei Spiele ähnlich verlaufen, der Einfachheit halber genauso. Dann hat A insgesamt 24 Punkte gemacht, bei B waren es 30. Enge Kiste, oder? Nun ja, es steht 3:0 für B. Unser armer A hätte genauso gut keinen Punkt machen können. Willkommen in der Zählweise des Tennis!

Bei engen Matches kommt’s auf die Big Points an

Auch ein 6:4, 6:4 klingt oft entspannter, als es in Wirklichkeit war. Nehmen wir an, bis zum 5:4 lief alles glatt, dann steht’s 30:30. Macht Spieler B zwei Punkte, ist’s weiter ausgeglichen (5:5). Zieht A plötzlich zwei Vorhände auf die Linie, ist der Satz weg (6:4). Umgekehrt klingt ein 6:0, 6:1 oft klarer, als es in der Gesamtpunktzahl der Fall war. Gerne dreht sich diese in einem Bereich von 52:28 (der Verlierer hat bestimmt oft mal »15« oder »30« oder »Einstand« erreicht). Nur: Die Punkte, die er gemacht hat, tauchen am Ende nicht mehr auf (weil er’s fast nie zum »Spiel« gebracht hat).

Es passiert nicht einmal besonders selten, dass der Gewinner eines Tennismatches weniger Punkte gemacht hat als der Verlierer. Bei einem 1:6, 7:6, 7:6 ist es sogar wahrscheinlich. Fazit: Gerade bei engen Spielen kommt es im Tennis auf die Big Points an. Bei einem Spielstand von 4:1, 40:0 ist es recht egal, ob mal eine Vorhand in die Prärie fliegt. Beim Stand von 6:5, 30:30 allerdings nicht. Hier unterscheidet sich der Spitzenspieler vom erweiterten Kreis, auf Profi- und Clubebene. Gute Spieler legen hier regelmäßig noch eine Schippe drauf. Vor allem vermeiden sie blödsinnige Aktionen.

Die Topspieler verlieren 47 Prozent ihrer Punkte!

Craig O’Shannessy, der Datenguru im Profi tennis, hat eine interessante Statistik ausgepackt. Was glaubt ihr, wie viele Punkte die Nummer eins
bis zehn der Tenniswelt in einer Saison gewinnen (in Prozent)? Es waren im Jahr 2018 nur 52,79 Prozent! Das heißt: Die zehn besten Spieler der
Welt haben 47,21 Prozent aller Punkte, die sie gespielt haben, verloren! Noch mal in konkreten Zahlen, weil es so absurd klingt: Die besten
zehn Tennisspieler der Welt haben im Schnitt von 100 ausgespielten Punkten nur 53 gemacht – und 47 verloren!

Der Jahresbeste, Novak Djokovic, hat dennoch 80 Prozent seiner Matches gewonnen. Und John Isner, der Weltranglistenzehnte 2018, immerhin 59 Prozent. Bei »nur« 53 Prozent an gewonnenen Punkten ist das eine starke Bilanz, die zeigt, wie wichtig die entscheidenden Punkte sind. Und wie
sich die Topspieler vom Rest unterscheiden.

Ein weiteres krasses Beispiel. Aufschlaggigant und Tiebreak-Liebhaber Ivo Karlovic beendete das Jahr 2016 auf Platz 20 der Welt. Er hat in diesem Jahr 57 Prozent seiner Matches gewonnen. Die Gesamtpunkteverteilung: 4.612 Punkte gewonnen und 4.611 Punkte verloren. Karlovic hat also die Hälfte seiner Punkte gewonnen und die Hälfte verloren, aber 57 Prozent seiner Matches für sich entschieden. So klein sind die Margen im Tennis, zumindest in einigermaßen engen Spielen.

Hinterlistiger Tipp

Sie können sich die Zählweise im Tennis zunutze machen, indem Sie lernen, mental neu anzufangen. Haben Sie in einem eigentlich engen Match den ersten Durchgang mit 1:6 verloren? Abschalten! Durchgang zwei beginnt wieder bei null. Es ist letztlich egal, ob es zuvor 1:6 oder 6:7 hieß, der
Gesamtstand ist derselbe: Sie liegen einen Satz zurück.

Wichtig: Starten Sie Satz zwei hochkonzentriert! Denn oft lässt der Gewinner des ersten Satzes einen Moment lang nach, er verschnauft gedanklich kurz. Holen Sie sich konzentriert die frühe Führung in Satz zwei!

Mit Taktik punkten: Die Kunst, über Tennis nachzudenken ist vor Kurzem erschienen. Bestellen könnt ihr es unter anderem bei Amazon, Thalia, Hugendubel oder beim Copress-Verlag. Und natürlich bei der Buchhandlung eures Vertrauens!

Hier könnt ihr etwas reinblättern.

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