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„Moskito“ Sofia Kenin: Eine Karriere auf Sharapovas Spuren

Sofia Kenin wurde mit vielen Vorschlusslorbeeren bedacht - bei den Australian Open 2020 hat sie mit nur 21 Jahren ihren ersten Grand-Slam-Titel geholt. Ihre Inspiration: Maria Sharapova.

von Jörg Allmeroth
zuletzt bearbeitet: 02.02.2020, 17:07 Uhr

Sofia Kenin
© Getty Images
Sofia Kenin

Rick Macci hat schon viele Superstars des Tennis aus nächster Nähe erlebt, er ist einer der angesehensten und gefragtesten Trainer weltweit. Er hat mit Maria Sharapova gearbeitet, später auch mit Venus und Serena Williams. Und vor ein paar Jahren hatte Macci dann auch wieder eine Schülerin auf dem Platz stehen, von der er sofort begeistert war.

„Ich habe gleich gemerkt, dass sie etwas Außergewöhnliches ist, ein absolutes Juwel“, sagt Macci, nicht bekannt dafür, schnell ins Schwärmen oder Jubeln zu verfallen. Das junge Mädchen, das Macci damals anleitete, hieß Sofia Kenin, die ehrgeizige Tochter eines russischen Auswanderer-Ehepaares. Ein Mädchen, bei dessen Biographie sich sofort die Parallelen zu Maria Sharapova aufdrängten. „Sofia ist genau so getrieben, so hungrig, so leistungsbewusst wie Maria“, sagt der 65-jährige Macci, „man weiß nie, was alles passiert in jungen Jahren. Aber sie hatte alles, um einmal Grand-Slam-Siegerin zu werden – und die Nummer 1.“

Kenin: "Ein Traum ist wahr geworden"

Mit dem Spitzenplatz auf der Weltrangliste wird es noch etwas dauern. Aber einen der vier großen Titel, einen Grand-Slam-Pokal hat die gebürtige Moskowiterin mit US-Pass jetzt schon in ihrem Besitz. Mit flinken Beinen, großem Spielwitz und kämpferischer Leidenschaft stürmte die 21-jährige Amerikanerin am Samstag zum hochverdienten 4:6, 6:2, 6:2-Finalerfolg bei den Australian Open gegen Garbine Muguruza. „Ein Traum ist wahr geworden. Ich bin unheimlich stolz auf diese Leistung“, sagte Kenin und dankte allen voran ihrem Vater Alexander Kenin, der sich einst dazu entschlossen, mit der Familie nach Amerika umzusiedeln.

Als Taxifahrer und mit anderen Gelegenheitsjobs schlug sich Daddy Kenin lange Zeit durch, um die Familie in der fremden Heimat durchzubringen – nun war der amerikanische Traum, eine moderne Tellerwäscher-Millionärs-Geschichte für die Kenins wahr geworden, Down Under in Melbourne, auf dem Centre Court der Rod Laver Arena. Nicht Serena Williams mit ihrem potenziell 24. Grand-Slam-Rekordtitel, auch nicht Teenager Cori Gauff mit ihrem ersten Major-Coup beherrschten die Schlagzeilen, sondern die kleine, große Kämpferin Sofia Kenin. Diese drahtige, feiste, energiegeladene Athletin, über die Macci, der Topcoach, einmal gesagt hatte, sie sei wie ein „Moskito“ auf dem Platz: „Sie ist die ganze Zeit da, einfach immer, und ärgert Dich.“

„Marias Aufstieg hat mich immer wieder inspiriert“

Kenin fügt sich im undurchsichtigen, wunderlichen Machtspiel im Frauentennis in eine Liste von Überraschungssiegerinnen der letzten Jahre ein – wie nachhaltig sie sich im Kampf um die großen Titel behaupten kann, weiß niemand. Doch in ihrer professionellen Attitüde, in ihrer Strebsamkeit und in ihrem Arbeitsethos erinnert sie schon die junge Sharapova. „Marias Aufstieg hat mich immer wieder inspiriert“, sagt Kenin. Kenin macht keine Kompromisse, wenn es um ihren anspruchsvollen Beruf geht, jede Trainingsminute wolle sie „optimal und sinnvoll ausnutzen“, so die 21-jährige. Früh hatte sie sich auch höchste Ziele gesteckt, und sie hatte diese Ziele auch nicht aus den Augen verloren, als der Übergang vom Juniorentennis in die Welt des großen Wanderzirkus kompliziert wurde.

Kenin war global die Nummer 2 in der Nachwuchs-Hitliste, doch bei den Erwachsenen hörte man zunächst wenig von ihr. „Ich habe aber nie aufgesteckt und immer an mich geglaubt“, sagt Kenin, „ich bin niemand, der Wunderdinge erwartet. Ich war bereit für den langen Weg.“ Nun, nach den Australian Open, rückte sie erstmals unter die Top Ten vor, als frischgebackeren Nummer 7 der WTA-Hackordnung.

Von der Coolness und Beherrschtheit ihrer großen Kollegin Sharapova ist Kenin indes noch weit entfernt. Kenin auf dem Centre Court – es ist ein ganz besonderes Natureignis. Ein einziges Schimpfen, Fluchen, Anfeuern, Triumphieren, Lamentieren. Schlägerwürfe und Selbstgespräche, Euphorie und Enttäuschung, Glanz und zuweilen auch Elend. Wenn es zählt, ist sie allerdings immer wieder da, zupackend und entschlossen. „Es gibt Spielerinnen, die Angst vor den Big Points haben“, sagt Tracy Austin, einst die Nummer 1 des Frauentennis, „sie wartet nur darauf. Sie liebt das.“ Energie habe seine Tochter allemal genug, sagt Vater Alexander, „man muss sie nicht motivieren, sondern eher mal bremsen.“

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von Jörg Allmeroth

Sonntag
02.02.2020, 20:16 Uhr
zuletzt bearbeitet: 02.02.2020, 17:07 Uhr