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Novak Djokovic nach 20. Grand-Slam-Turniersieg: "Meine Reise geht noch weiter"

Es war kein Kunstwerk, kein Glanzstück, schon gar nicht das beste Novak-Djokovic-Tennis auf dem Heiligen Rasen von Wimbledon. Aber auch mit einem schwer erkämpften 6:7 (4:7), 6:4, 6:4, 6:3-Arbeitssieg gegen den tapferen Italiener Matteo Berrettini hat der unbezähmbare „Djoker“ als führender Tennisspieler der Gegenwart ein Rendezvous mit der Ewigkeit geschlossen.

von Jörg Allmeroth
zuletzt bearbeitet: 11.07.2021, 21:55 Uhr

Novak Djokovic
© Getty Images
Novak Djokovic

Genau um 18.34 Uhr, nach 203 Minuten eines spannenden, aber nicht immer hochklassigen Endspielduells, sank Djokovic als Gewinner des 20. Grand-Slam-Rekordtitels und sechsten Wimbledon-Pokals ergriffen der Länge nach auf den Boden – und war doch obenauf wie nie zuvor in seiner schillernden Karriere. „Es ist ein Moment, den man für immer festhalten möchte“, sagte Djokovic, der sich wie üblich nach dem Sieg ein paar Grashalme vom Centre Court schmecken ließ, „jeder Wimbledonsieg ist eine unbeschreibliche Erfahrung. Und meine Reise geht noch weiter.“

Weit muss man zurückblättern in den Geschichtsbüchern, um Djokovics Leistung einzuordnen: Nur fünf Spieler schafften es überhaupt, die ersten drei Grand-Slam-Turniere der Saison ausnahmslos zu gewinnen, Jack Crawford 1933, Donald Budge 1938, Lew Hoad 1956 und Road Laver 1962 und 1969. Nur Budge und Laver marschierten danach auch zum Kalender-Grand Slam, dem Triumph bei allen vier Majors in einer Saison. In den modernen Tenniszeiten, der Profi-Ära, gelang bisher niemandem ein vergleichbarer Coup – weder der Hattrick aus Australian Open, French Open und Wimbledon noch der Grand Slam-Durchmarsch in einer Saison. Nun fehlt Djokovic also bloß noch der US Open-Titel zur Vollendung genau dieses Ziels.

Djokovic mit Federer und Nadal auf Augenhöhe

Aber auch aus anderen Gründen markiert dieser 11. Juli eine Zäsur im Herrentennis, er ist ein wirklich historisches Datum in diesem Sport. Seit Djokovic 2008 am anderen Ende der Welt, im australischen Melbourne, seinen ersten Grand Slam-Titel gewann, war er permanent der Jäger des Establishments, der Verfolger der ehrenwerten Herren Federer und Nadal – nun steht er mit ebenfalls 20 Grand-Slam-Titeln auf Augenhöhe mit den ehemaligen Alleinherrschern im Tenniskosmos. Der Serbe wusste früh, dass er dem Schweizer Maestro und dem spanischen Matador nicht in den globalen Beliebtheitswertungen beikommen würde, also war sein Drang und Antrieb, sie in den nackten Daten, Zahlen und Fakten zu übertrumpfen. „Dass ich jetzt gleichgezogen habe mit diesen beiden legendären Spielern, bedeutet mir alles“, sagte Djokovic, „es war ein lebenslanger Traum, der Spieler mit den größten Rekorden zu sein.“

Es war ein holpriger Weg für Djokovic zu diesem sechsten Titel im Theater der Träume. Der Nervendruck, sein großes Ziel mit aller Macht erreichen zu wollen, war dem Nummer-1-Spieler immer wieder anzumerken. Im ersten Satz verspielte er eine 5:2-Führung und verlor den Tiebreak, im zweiten Satz ließ er nach einem 4:0-Vorsprung Berrettini aufs Neue gefährlich nah herankommen, konnte allerdings doch noch zum 1:1-Remis ausgleichen. Ein ums andere Mal ließ sich Djokovic buchstäblich von Nebengeräuschen ablenken, forderte mehr Unterstützung durch die Zuschauer ein („Ich kann Euch nicht hören“), wirkte emotional instabil, äußerst angespannt. Erst im vierten Satz spielte Djokovic zwingender, aggressiver, selbstbewusster auch und machte seinen Sieg dann auch perfekt

Auch wenn Nadal und Federer sich punktuell in den letzten Jahren ihre Aufmerksamkeit verschafften – Nadal als einsamer Seriensieger in Paris, Federer mit Grand-Slam-Coups nach Verletzungspausen -, ist der alte und neue Rasenkönig Djokovic doch spätestens seit 2015 der absolut dominierende Akteur im Tourbetrieb. Mit Beginn jener Saison holte er sich 15 der 26 ausgespielten Major-Wettbewerbe (Wimbledon 2020 fiel aus), zwischen 2015 und 2016 gewann er sogar schon einmal die vier größten Branchenturniere hintereinander – man nannte den Coup damals den „Djoko-Slam.“ 

McEnroe zum Grand-Slam-Rennen: "Djokovic wird weit davonziehen"

Lange dürfte das Macht-Gleichgewicht von jeweils 20 Grand-Slam-Titeln nicht Bestand haben. Djokovic ist mit seinen 34 Jahren und knapp zwei Monaten noch in voller Schaffenskraft, gerade bei den Grand Slams finden die Rivalen einfach kaum Schwachstellen bei dem Bewegungs- und Ausdauerkünstler. Federer hat derweil das Ende seiner großen Karriere vor Augen, in Wimbledon offenbarte sich bei seinem Knockout gegen den Polen Hubert Hurkacz, wie schwer, fast unmöglich ein weiterer Grand Slam-Siegeslauf sein könnte. Nadal, der Dritte in der Liga der außergewöhnlichen Gentlemen, war gar nicht im All England Club angetreten, sein Körper lässt das pausenlose Streßprogramm in der Tour-Tretmühle nicht mehr zu. „Djokovic wird weit davonziehen. Er wird eine neue und starke Bestmarke setzen“, sagt John McEnroe, der ehemalige US-Superstar.

Djokovics Ambitionen enden dabei keineswegs an den Begrenzungslinien des Centre Courts. Seit Beginn des letzten Jahres hat der Serbe, der einst in den Kriegswirren auf dem Balkan das Tennisspielen begann, auch dem arrivierten System im Tennis den Kampf angesagt – und damit auch insbesondere seinen sportlichen Gegenspielern Federer und Nadal. 2020 hatte sich der „Djoker“ oft schwer verrannt in seinem Ehrgeiz, eine Art alternativer Gewerkschaftsführer und Interessenvertreter seiner Kollegen zu sein. Mit seiner Adria-Tour in Hochzeiten der Corona-Pandemie zog er ebenso den Unmut auf sich wie mit dubiosen Aussagen zum Thema Impfen oder der Gründung der „Professional Tennis Players Association“ am Vorabend der US Open. Dort, in New York, folgte der Höhepunkt seiner Kalamitäten, als der Nummer eins-Spieler der Welt disqualifiziert wurde, weil er eine Linienrichter bei einem Wutanfall mit dem Ball getroffen hatte. „Das Erstaunlichste an alledem ist, wie Novak diese ganzen Probleme und die Kritik immer wieder wegsteckt“, sagt Boris Becker, sein ehemaliger Trainer, „er ist da wirklich ein Phänomen.“

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