Peter Lehrner im Interview, Teil III: "Jimmy Connors hat nur deswegen so viele Turniere gewonnen"

Seit über 45 Jahren bespannt Peter Lehrner Schläger für die besten Tennisspieler der Welt. Im dritten Teil des Interviews mit tennisnet.com widmet sich der Vollblut-Service-Experte den weichsten Bespannungen auf der Tour und erklärt, wieso auch die weltbesten Spieler nicht zwingend auf einen persönlichen Servicemann zurückgreifen.

von Michael Rothschädl
zuletzt bearbeitet: 07.07.2021, 07:47 Uhr

Peter Lehrner bespannt natürlich auch Tennisschläger für die österreichischen Granden
Peter Lehrner bespannt natürlich auch Tennisschläger für die österreichischen Granden

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Herr Lehrner, auf der weicheren Seite des Bespannungspektrums steht Pablo Cuevas, der angeblich gerade einmal mit 12 Kilo bespannt – haben Sie einmal einen Schläger für den Mann aus Uruguay besaitet?

Nein, habe ich nicht, ich weiß auch nicht welche Schlägerspezifikation er spielt. Aber 2007 gab es für mich das Minimum, da hat ein gewisser (Anm. Filippo) Volandri längs 10 Kilo und quer 11 Kilo gespielt. Das war wirklich kurios, weil der gegen den Fernando Gonzalez gespielt hat und der hat im ersten Satz nicht gewusst, was er machen soll. Denn diese extrem weiche Bespannung bringt ja einen wahnsinnigen Schleudereffekt mit sich.

Das hat ja nichts mit dem Tempo zu tun, wie viele glauben. Die Bespannungshärte hat auf das Tempo keinen Einfluss, sie hat nur einen Einfluss auf die Kontrolle. Das hat damit zu tun, dass der Ball bei einer weichen Bespannung einen Tick länger ins Saitenbett einsinkt und in einem etwas höheren Winkel austritt. Dieser höhere Winkel – das sind im Schnitt so zwei Grad – führt dazu, dass die Flugbahn höher  wird, der Ball weiter fliegt und höher abspringt. Und durch die verlängerte Flugbahn glauben dann viele, dass sie viel mehr Power, viel mehr Tempo haben, was aber nicht stimmt. Der Ball hat nur eine andere Flugbahn. Natürlich muss man das erstmal lernen, zu kontrollieren, aber als Gegner bist du mit einer Flugbahn konfrontiert, die du sonst nicht gewohnt bist. Der Gonzalez etwa hat auch einen Satz gebraucht, bis er sich auf diese Bälle eingestellt hat, dann hat er ihn aber im Griff gehabt.

Ich behaupte ja, dass der Jimmy Connors nur deswegen so viele Turniere gewonnen hat, weil er einen Schläger gespielt hat, den sonst im gesamten Zirkus keiner gespielt hat auf diesem Niveau. Dieser T2000 von Wilson, das war ein Metallrahmen, hat im Unterschied zu den Holzschlägern und den anderen Metallrahmen eine wesentlich geringere Rahmenhärte hatte.  Da gibt es Maschinen, die die Biegelinie des Schlägers messen. Da wird mit einem Einheitsgewicht der Rahmen über einen Balken gebogen und dieser Widerstand wird gemessen. Das heißt, der RA-Wert von einem Holzschläger war 45 bis 50. Heute haben die Graphitrahmen einen Wert zwischen 60 und 70 – nur zum Vergleich. Und dieser Metallschläger vom Connors hatte einen Wert von 35. Der war ganz, ganz weich, der war wie eine Schleuder.

Der war wie eine Schleuder.

Lehrner über den Schläger von Connor

Ich habe das auch selbst als Spieler einmal erlebt, als ich gegen einen jungen Franzosen gespielt habe. Ich habe am Anfang nicht gewusst, was los ist, weil der Ball so eine komische Flugbahn gehabt hat. Mir ist das dann erst Jahre später bewusst geworden, dass das mit dem Rahmen zu tun hat. Wenn du jetzt als Topspieler gegen die anderen spielst und eine solche Waffe hast, dann bist du natürlich im Vorteil, weil die das ja nicht gewohnt sind. Weil die können ja nicht pausenlos mit dem Connors trainieren.

In Wahrheit ist ja auch genau das der Vorteil vom Nadal. Der Nadal mit seinem hohen Spinpotential, daran kann sich keiner gewöhnen, weil sie ja niemanden haben, der das Spiel vom Nadal kopiert – weil es niemand kann. Daher brauchen wir uns auch nicht wundern, dass der auf Sand so lästig ist (lacht).

Das sind jedoch zwei Extreme: Wie hart oder weich bespannt der Durchschnittsprofi zur Zeit?

20 bis 24 ist jetzt der Durchschnitt, das war jetzt zumindest in der Stadthalle so, als wir bespannt haben. Aber, wie gesagt: Vor allem die monofilen Saiten. Der Andrey Rublev hat 25, 26 gespielt. Noch dazu eine recht dicke Saite in diesem Head Gravity. Es hängt natürlich auch mit der Anzahl der Saiten im Geflecht ab. Ein Schläger mit engem Geflecht mit 18 längs und 20 Quersaiten, wird etwas weicher bespannt. Auch Borna Coric hat 26, 25 gespielt, ebenfalls mit Naturdarm gemischt. Alles, was mehr Beschleunigung in der Saite bringt, kompensieren sie dann natürlich mit mehr Bespannungshärte.

Gibt es zwischen Damen und Herren Unterschiede in der Bespannung?

Naja kaum, außer dass die Damen hauptsächlich dünnere Saiten spielen. Also wenn überhaupt, das machen ja auch nicht alle. Also die Anastasia Sevastova, von der ich auch die Schläger machen darf, die bespannt mit 22/23. Die Babsi Haas mit 21/21. Früher in der Zeit mit (Anm. Barbara) Schett, (Anm. Barbara) Paulus und (Anm. Petra) Huber war ich noch stärker auch bei den Damen involviert. Die Babsi Paulus etwa, die hat auch die Isospeed gespielt mit 23 Kilo, die der Tom mit 38 Kilo gespielt hat. Die hat noch dazu das Nachlassverhalten der Saite abgewartet, der Schläger musste nach dem Bespannen also mindestens zwei Tage liegen, damit sie dann während dem Match keine Veränderung spürt.

Bei den Damen kommt dann auch noch dazu, dass die Schläger im Schnitt, glaube ich, doch auch länger sind und sie mit dieser Mehrbeschleunigung besser umgehen können. Bei den Männern spielen ca. 20-25% verlängerte Schläger, bei den Damen sind es möglicherweise etwas mehr. Sie haben aber auch nicht so hohe Schlägergewichte, die Mädels haben viel mehr die breiteren Rahmen gespielt. Sie können diese Mehrbeschleunigung also schon kontrollieren, bei den Männern hingegen geht es hauptsächlich darum, dass die Kugel auch im Feld bleiben kann.

Sie haben als persönlicher Servicemann von Muster aber auch als Bespanner auf Turnieren gearbeitet. Wie ist das bei den absoluten Topspielern, vertrauen die auf einen persönlichen Besaiter, oder ist auch ein Novak Djokovic bei den Erste Bank Open im Vorjahr auf Sie zugekommen?

In Wien hat er diesmal einen eigenen Bespanner mitgehabt. Er und der Wawrinka sind diesmal mit einem eigenen Servicemann gekommen. Es gibt außerdem eine amerikanische Organisation, die nennt sich P1, die hat mit sehr vielen Topleuten Verträge. Die zahlen im Jahr eine gewisse Summe und bekommen dafür garantiert das Schlägerservice, das Schlägertuning. Sie bekommen die Garantie, dass P1 bei den Grand-Slam-Turnieren und  bei den 1000er-Turnieren vor Ort ist.

So wie der Tom – soweit er sich das nach seinem ersten Paris-Sieg leisten konnte und leisten wollte – mich drei Mal mit nach Paris genommen hat, glaube ich, ist das eher selten. Das hat aber auch damit zu tun, dass die Bespanndienste sich um Längen verbessert haben. Wie gesagt, der Tom hat ja früher oft gar nicht gewusst, ob er beim Bespannservice vor Ort einen Schläger zurückbekommt, mit dem er so halbwegs spielen kann. Weil seine Saite, die Isospeed, die war so empfindlich, dass den Leuten, die auf billigen, schlechten Maschinen bespannt haben, reihenweise die Saite schon beim Bespannen abgerissen ist.

Früher war das ja so, dass du als Veranstalter einen ortsansässigen Bespannservice geholt hast. Die waren noch froh, dass sie für die Spieler bespannen durften, damit sie ein paar Fotos machen konnten. Das war weit, weit weg von einer gewissen Professionalität – auch bei den großen Turnieren. Heute ist es so, dass bei den Futures noch immer haarsträubende Sachen vorkommen. Aber im Prinzip können es sich die Veranstalter nicht leisten, da irgendwelche Amateure hinzustellen, weil es ihnen ja auch auf den Kopf fällt und die Spieler sich ja furchtbar aufregen würden. Daher ist die Qualität der Bespanndienste viel besser geworden und es ist nicht mehr so wichtig, dass sich ein Spieler einen Bespanner mitnimmt.

Das ist auch ein großer Aufwand. Ich weiß noch, als wir gefahren sind, mit meiner Bespannmaschine – die hat ja 40 Kilo gehabt – da war schon alleine das Einchecken ein Abenteuer. Wenn wir da nicht mit dem Privatflieger nach Paris geflogen sind. Beim Davis Cup etwa war das schon immer etwas schwierig, wenn ich da mitgeflogen bin.

Was aber schon wichtig ist für den Spieler, ist die Gewohnheit. Nach ca. 60.000 bespannten Schlägern habe ich natürlich etwas mehr Routine als manch andere. Und wenn jetzt ein Spieler wie der Tom, der von mir 400 bis 500 Bespannungen pro Jahr bekommen hat, dann ist er natürlich meine Art zu bespannen gewöhnt. Und wenn du was gewohnt bist, dann ist jede Abweichung wirklich lästig. Also natürlich war es ihm am liebsten, wenn ich vor Ort war. Noch dazu mit seiner Saite. Heute – wenn wir etwa in der Stadthalle bespannen dürfen -  dann kommt der Schläger vom Spieler,  man bespannt einen, er probiert ihn aus und wenn ihm das passt, dann macht man den nächsten auch so und fertig. Dann musst du halt immer auf der gleichen Maschine beim gleichen Bespanner bleiben. Also wenn einer zu Beginn des Turniers beginnt, den Medvedev zu betreuen, dann muss der auch so lange vor Ort sein, wie der im Turnier ist. So wird das heute gehandhabt.

Ist der Unterschied zwischen den verschiedenen Bespannern wirklich so groß?

Es ist eine Handarbeit. Es ist weder gut noch schlecht, aber es hat jeder seine Individualität, solange er gewisse Grundprinzipien beibehält. Solange er das Abklemmen, das Flechten immer auf der gleichen Maschine auf die gleiche Weise macht, wird er immer gleiche, beziehungsweise annähernd gleiche Resultate erzielen. Wenn er natürlich drei Bier dazwischen trinkt und immer wieder weggeht von der Maschine und nicht dabeibleibt, dann wird das natürlich nicht so gut sein. Das ist auch eine Frage der Routine. Ich habe bei meinen Mitarbeitern im Geschäft immer geschaut, dass sie – wenn ich sie Schläger für die Profis habe machen lassen – fünf Schläger hintereinander in einer vernünftigen Geschwindigkeit mit einem gleichen Endresultat, was wir ja nachmessen konnten, zusammenbekommen. Dazu braucht es einfach ein paar hundert Schläger und eine gewisse Übung.

Kommen wir noch zu einem weitaus unprofessionelleren Niveau, kommen wir zu den Hobbybespannern. Was sind hier die größten und gängigsten Fehler, die Sie in der Vergangenheit beobachtet haben?

Bei meinen Bespannseminaren passieren die häufigsten Fehler beim Einspannen der Rahmen in die Maschine. Das, was ich sogar einmal in einem Sportgeschäft gesehen habe, war jemand, der bespannt hat und dabei immer zwei Saiten auf einmal angezogen hat. Das ist natürlich ein Wahnsinn. Es geht auch um die Kontrolle der Zangen, die Qualität der Fixierung, also wie die Saite nach dem Bespannvorgang fixiert wird, bevor die nächste Saite kommt. Das eben nicht die Saite durchrutscht beim Festhalten. Das ist ein großer Punkt, der oft missachtet wird.

Aber ja, ich vergleiche es immer mit dem Kochen. Es gibt sehr viele Hobbyköche, die super kochen können, zumindest gewisse Gerichte. Wenn du ein Haubenkoch bist, dann musst du natürlich mehr können. Wenn ich als Privatbespanner meine eigenen Schläger zuhause bespanne und immer den gleichen Vorgang habe, immer den gleichen Schläger und immer die gleiche Saite, dann werde ich sicher ganz gute Resultate erzielen. Noch dazu, weil ich es ja auch nicht anderes kenne. Heikel wird es, wenn die Hobbybespanner Schläger bespannen, die sie nicht kennen, wo es doch immer wieder Modelle gibt, die gewisser Sorgfalt bedürfen. Dann verziehen sich die nämlich und kriegen vielleicht sogar Risse, das ist dann eben nicht gut.

Aber wie gesagt: Die Hobbybespanner, die sich damit auseinandersetzen, die machen schon ganz gute Sachen. Learning by doing geht ja auch, ich habe es ja auch nicht anders gemacht. Ich habe zwei Vorbilder gehabt: Einer bei uns im Tennisclub, der hat die Holzschläger noch ohne Maschine bespannt. Und der Platzmeister: Der hat für alle immer die Schläger bespannt hat – von dem habe ich mir meine Flechttechnik abgeschaut. Also man muss da einfach etwas probieren und gut ist es auch, wenn man seine Ergebnisse kontrolliert und nachmisst – wenn man die Geräte dazu hat.

Schlägerservice auf Weltklasse-Niveau bietet Peter Lehrner seit über 40 Jahren in seinem „House of Tennis“ in Mödling. Alle Infos zum Schlägerservice des Tuningexperten findet ihr hier!

Hier gibt´s den ersten Teil des Interviews mit Peter Lehrner!

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