"Wildcard mit sehr gutem Gewissen"

Markus Günthardt (59) ist der Turnierdirektor des Porsche Tennis Grand Prix (ab Dienstag live auf Tennisnet und DAZN). Der Schweizer war früher selbst Profi, spielte auch im Davis Cup für sein Heimatland. Als Boß hochrangiger Tenniswettbewerbe machte er sich weltweit einen Namen, u.a. war er Chef der Hannoveraner ATP-WM und der Herren-Mastersturniere in Stuttgart und Madrid.

von Jörg Allmeroth
zuletzt bearbeitet: 24.04.2017, 16:38 Uhr

Markus Günthardt dirigiert den Porsche Tennis Grand Prix

tennisnet: Herr Günthardt, wer hat eigentlich entschieden, dass Maria Sharapova eine Wildcard beim Porsche Grand Prix 2017 erhält?

Markus Günthardt: Das ist eine Entscheidung, die in die Verantwortung des Turnierdirektors fällt. Und die auch vom Veranstalter, also der Porsche AG, gestützt ist und für richtig gehalten wird. Wir haben gute Argumente dafür und können die Erregung in der Tennisszene teilweise nicht nachvollziehen.

tennisnet: Was meinen Sie damit?

Günthardt: Es gab ja Kritik, dass Maria ihr Erstrundenmatch am Mittwoch spielt. Aber wir haben 2016 nicht weniger als fünf Erstrundenspiele am Mittwoch im Terminplan gehabt. Es gibt also keine Extrawürste, keine Sonderbehandlung. Alles, was diesen Start von Maria Sharapova betrifft, ist durch den Weltverband ITF und die Spielerorganisation WTA auch regeltechnisch abgesichert.

tennisnet: Viele Kolleginnen von Sharapova beklagten die Wildcard-Vergabe. Waren Sie darüber erstaunt?

Günthardt: Teilweise schon. Weil ich der Meinung bin, dass die Fakten nicht viel zählten bei dieser Kritik. Man muss klar festhalten, dass der Internationale Sportgerichtshof in seinem Urteil Maria Sharapova nicht als Betrügerin bezeichnet. Sondern festgestellt hat, dass sie einen schweren Fehler gemacht hat. Einen Fehler, der ihr und ihrem Team nicht hätte passieren dürfen. Ich rechne ihr auch an, dass sie sich sofort hingestellt und gesagt hat: Ich habe da einen Fehler gemacht, ich übernehme die ganze Verantwortung dafür, und ich werde die Konsequenzen tragen.

tennisnet: 15 Monate Strafe enden nun genau während des Stuttgarter Turniers.

Günthardt: Das haben wir ja nicht entschieden, das ist ein Urteil der Sportgerichtsbarkeit. Das Timing ist sozusagen Schicksal, Zufall auch. Sonst nichts. Ich meine, dass es eine harte, empfindliche Strafe war für eine Top-Athletin. Diese Strafe ist nun verbüßt, der Fehler gesühnt. Und daher kann und darf Maria auch wieder Tennis spielen.

tennisnet: Aber auch mit einer Wildcard, einem Freibrief des Veranstalters?

Günthardt: Maria hat sich so große Verdienste für dieses Turnier erworben, dass wir ihr diese Wildcard aus gutem Grund geben. Sie hat das Turnier weltweit populär gemacht. Sie hat vier Mal bei uns gespielt und drei Mal gewonnen. Aber das Wichtigste: Sie hat hier jedes Mal in jedem Spiel ihre Seele auf dem Platz gelassen, hat die Fans begeistert und mitgerissen.

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tennisnet: Haben Verkaufsargumente eine Rolle gespielt? Das haben manche Kritiker unterstellt.

Günthardt: Wir müssen nicht Maria Sharapova eine Wild Card geben, um kommerziell erfolgreich zu sein. Bestimmt nicht. Wir waren in diesem Jahr so früh ausverkauft wie nie zuvor, wir haben auch genügend Medienpräsenz. Ich sage es noch einmal: Sie hat so viel für dieses Turnier geleistet, dass ich ihr diese Wild Card mit sehr gutem Gewissen und mit sehr guten Gründen gebe - und nicht, weil ich Tickets verkaufen will.

tennisnet: Bundestrainerin Barbara Rittner sagte in einem Interview, jemand, der gedopt habe, solle wieder von ganz unten anfangen müssen und keine Wildcard erhalten.

Günthardt: Sie bezieht ihre Kritik ja auf Dopingfälle. Aber Sharapova ist nicht als Betrügerin verurteilt worden. Für uns ist das der entscheidende Unterschied.

tennisnet: Befürchten Sie, dass die Turbulenzen rund um dieses Comeback die Atmosphäre beim Turnier nachhaltig belastet?

Günthardt: Nicht wirklich. Es gibt keineswegs nur Kritik an ihr. Es gibt auch Spielerinnen, die sich pro Sharapova geäußert haben. Etwa die Schweizerin Timea Bacsinszky, die daran erinnert hat, wieviel Sharapova für die Popularität des Frauentennis getan hat. Der Trubel und die Aufregung werden sich auch wieder legen.

tennisnet: Sharapova war auch schon vor ihrer Sperre und dem jetzigen Comeback eine umstrittene, polarisierende Persönlichkeit im Tourbetrieb.

Günthardt: Sie ist halt nicht jemand, der Freundschaften sucht in seinem Beruf. Sie verbringt auch nicht den ganzen Tag auf der Turnieranlage. Sie fokussiert sich auf das Wesentliche, auf Siege. Sie handelt wie eine Unternehmerin. Das wirkt kühl, unnahbar, sogar arrogant auf andere Spielerinnen. Ich finde diese Mentalität aber sympathisch, weil da eben nicht alles zwischen Arbeits- und Privatleben vermischt wird. Da gibt es ja auch viel Heuchelei, was diese Freundschaften zwischen den Spielerinnen angeht. Ein ganz großes Problem ist eben: Viele kennen Maria Sharapova einfach nicht. Ich habe sie jedenfalls als professionellste Person überhaupt im Tennis erlebt, immer und immer wieder.

Turnierchefin Huber: "Für Maria wird es nicht leicht"

tennisnet:: Was trauen Sie Sharapova sportlich zu in Stuttgart?

Günthardt: Ich behaupte: Sie wird topfit, hoch ehrgeizig zurückkehren. Ich würde nicht gerne gegen sie spielen wollen. Aber die Antwort wird letztlich erst auf dem Centre Court gegeben. Wenn sie die erste Runde übersteht, ist hier sehr viel möglich für sie.

tennisnet:: Wie blicken Sie vor der Jubiläumsausgabe auf das deutsche Frauentennis?

Günthardt: Wir sind in den letzten Jahren sehr verwöhnt worden. Zuletzt natürlich erst recht durch Angie Kerber, durch ihre Erfolge, ihren Sprung auf Platz eins der Weltrangliste, die Titel in Stuttgart. 2017 ist ein wenig kompliziert, weil es hinter Kerber eine deutliche Lücke gibt. Eben hatten wir noch vier direkt qualifizierte deutsche Spielerinnen im Hauptfeld, nun ist es nur noch eine, die Titelverteidigerin Kerber. Die deutsche Geschlossenheit, diese Breite des Erfolgs, die ist offenbar erst mal weg.

tennisnet: Wird Kerber in der Weltspitze bleiben?

Günthardt: Da bin ich sicher. Die nächsten drei, vier Jahre wird sie in den Top Ten stehen. Ich betrachte sie da auch als sichere Bank für das Turnier, als jemand, der hier immer für die Fans vorangehen kann.

Maria Sharapova im Steckbrief

von Jörg Allmeroth

Montag
24.04.2017, 16:38 Uhr