Pro/Contra: Tut Nick Kyrgios dem Tennis gut?

Nick Kyrgios hat in Rom für den nächsten Eklat gesorgt. Nur einem Tag nach seinem aufsehenerregenden Interview mit Ben Rothenberg wurde der Australier im dritten Satz gegen Casper Ruud disqualifiziert - und das, obwohl der 24-Jährige zuvor teilweise großes Tennis und Emotionen zeigte. Bleibt die Frage: Ist Kyrgios gut fürs Tennis oder nicht? Die Meinungen gehen auch in der tennisnet-Redaktion auseinander.

von tennisnet.com
zuletzt bearbeitet: 20.05.2019, 14:59 Uhr

Nick Kyrgios
Schwebt zwischen Genie und Wahnsinn: Nick Kyrgios

Pro: Nick Kyrgios tut dem Tennis gut!

Die Liste mit Verfehlungen und fragwürdigem Verhalten von Nick Kyrgios - sie ist verdammt lang. Seine Kommentare zu Stan Wawrinka in Montreal im Jahr 2015 (ein Skandal!), immer wieder abgeschenkte Punkte (respektlos!) oder Aufschlag-Imitationen von Kollegen wie Roger Federer oder Gael Monfils (im Prinzip ja lustig)... man könnte hiermit noch ein Weilchen weitermachen.

In Acapulco entnervte er Rafael Nadal, der im Anschluss pöbelte: "Ihm fehlt der Respekt für das Publikum, den Gegner und sich selbst." Kyrgios, so hat man immer wieder den Eindruck, langweilt sich in seinem Leben und seinen Matches und kann sich nur für die ganz großen Spiele motivieren. Dann aber liefert er gewaltig. Hat jemand wie er etwas im Tennis verloren - oder ist er gar gut für den Sport? Ich sage Ja.

Denn Kyrgios sorgt dafür, dass die Leute einschalten oder über Tennis diskutieren, auf Facebook, Twitter oder Instagram - und nebenbei hat der Junge ein Spiel, das man einfach lieben muss. An guten Tagen kann Kyrgios jeden schlagen, und was gibt es Schöneres als ein Match, das komplett unberechenbar ist, das jederzeit durch die Decke gehen kann?

John McEnroe und Jimmy Connors lassen grüßen

Der Australier ist ja nicht der erste "Rüpel" der Tennis-Geschichte. Man denke an Jimmy Connors oder John McEnroe, die sich ihrerzeit ähnlich flegelhaft aufführten. Möchte man die zwei missen? Wohl kaum. Der Unterschied freilich: McEnroe und Connors wollten um jeden Preis gewinnen und wurden mehrfache Major-Champs - hiervon ist Kyrgios weit entfernt.

Ist das ein Problem? Jein. Als Tennisfan möchte ich manchmal hingehen und Kyrgios rütteln, ihm eintrichtern, wie weit er es bringen könnte, wenn seine Einstellung besser wäre, "Verdammt, Nick - du könntest bei den ganz Großen der Geschichte mitspielen!" Aber Kyrgios würde dies nicht kümmern, leider.

Als Tennisfan nervt mich das, und als Tennisfan befürworte ich Konsequenzen, wie nach der Aktion gegen Wawrinka vor vier Jahren. Im Zweifel welche, die nicht finanziell geprägt sind, ein paar Tausender mehr oder weniger - jemandem wie Kyrgios ist das egal. Gemeinnützige Aktionen brächten wohl viel mehr. Wobei man Kyrgios in dieser Beziehung bereits seine Arbeit für seine Foundation zugute halten muss.

Klar ist: Ohne Kyrgios wäre das Tennis um einen Typen ärmer - und vor allem um einen, der so großartig spielen kann wie kaum ein anderer. Und Kyrgios' Tennis: Ja, das will ich als Fan sehen.

Florian Goosmann

Contra: Nick Kyrgios schadet dem Tennis!

„Ihm fehlt der Respekt vor dem Publikum, dem Gegner und auch vor sich selbst.“ Viele warme Worte hatte Rafael Nadal nach seiner Zweitrundenniederlage in Acapulco für seinen australischen Kontrahenten Nick Kyrgios nicht übrig. Und das hat seine Gründe, denn der 23-Jährige droht dem Tennissport ob der fehlenden Vorbildfunktion auch langfristig zu schaden.

Nein, es ist nicht der Aufschlag von unten, der das Fass für mich zum Überlaufen brachte. Es sind jene Zeilen, die Nick Kyrgios nach seinem Erfolg über Nadal auf Instagram wählte. „Ich kann Blut riechen, wenn ich gegen diesen Kerl spiele.“ Dahinter fügte der 23-Jährige ein Spritzen-Emoji an.

Es ist dies ein nächster Fauxpas in der ohnehin schon schier endlosen Reihe an Fehltritten von Nick Kyrgios. Nadal in die Nähe von Doping zu rücken, ist nicht Neues. Bereits die ehemalige französische Sportministerin Roselyne Bachelot tat dies – und musste dafür 10.000 Euro Schadenersatz bezahlen.

Dass dieser Vorwurf nun allerdings von einem Kollegen kommt, ist auch für "Bad Boy" Nick Kyrgios eine unfassbare Entgleisung und macht einmal mehr deutlich, dass dem Australier nicht nur die nötige Einstellung eines Weltklasseathleten, sondern auch der Respekt vor der Geschichte und Legenden des "weißen Sports" fehlt. Nadal wird von den übrigen Tennisspielern stets als respektvoller, am Boden gebliebener und überaus fairer Profi beschrieben und steht somit diametral zur Herangehensweise des Australiers - was sich auch an den Erfolgen der beiden ablesen lässt.

Vorbild für die Jugend? - Nein, danke!

Abgeschenkte Matches, Wortduelle mit Schiedsrichtern und Attacken auf kritische Journalisten stehen bei Kyrgios auf der Tagesordnung. Das Problem dabei ist, dass die ATP nicht hart genug durchgreift. Selbst nach dem unfassbaren Eklat in Montreal, als Kyrgios im Match gegen Stan Wawrinka unsägliche Worte über eine mögliche Liebesaffäre zwischen Thanasi Kokkinakis und Wawrinka-Freundin Donna Vekic verlor, musste der Weltranglisten-72. nur 10.000 US-Dollar an Strafe zahlen. 

Die Krux an der ganzen Sache: Der Herrentour fehlen hinter Nadal, Djokovic und Federer echte Typen. Das weiß die ATP. Doch sollte Kyrgios diese Lücke füllen? Ich sage: auf keinen Fall!  Ein derart traditionsreicher und auf Respekt beruhender Sport wie Tennis sollte sich nicht von Nick Kyrgios abhängig machen. Seine Einstellung zum Sport ist schlichtweg skandalös und sollte gerade der Jugend keinesfalls als Vorbild dienen. Harte Arbeit, Leidensfähigkeit und unbändiger Wille machen einen zum Champion. Und nicht (nur) Talent. Das zeigt auch der Umstand auf, dass deutlich weniger talentierte Spieler als Kyrgios in der Weltrangliste vor dem 23-Jährigen liegen.

Noch hat Kyrgios Zeit, das Blatt zu wenden. „Er ist ein Spieler, der Grand Slams gewinnen könnte“, weiß auch Rafael Nadal. Doch dazu fehlt es dem Australier derzeit noch an allem. Und es darf bezweifelt werden, ob sich das jemals ändern wird. Eines ist mir auf jeden Fall klar: Momentan hat Kyrgios nichts im Tennissport verloren - außer den Respekt aller Beteiligten.

Nikolaus Fink

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