Rafael Jodar in Wimbledon - "Denkweise völlig umstellen"
Für Rafael Jódar begann am Montag ein neues Kapitel seiner noch jungen Karriere. Der 19-jährige Spanier feierte sein Debüt im Hauptfeld von Wimbledon als er auf dem Court No. 3 vor 2.000 Zuschauern den britischen Wildcard-Spieler Felix Gill in drei Sätzen besiegte.
von Florian Heer in Wimbledon
zuletzt bearbeitet:
30.06.2026, 09:34 Uhr

Es ist ein weiterer Meilenstein für den Madrilenen, der erst seit wenigen Monaten auf der Profitour unterwegs ist und zum selben Zeitpunkt im vergangenen Jahr noch außerhalb der Top 600 platziert war, jetzt aber bei den Championships 2026 an Position 23 gesetzt ist.
Erfahrung konnte Jodar in Wimbledon bereits als Junior sammeln, wo er 2024 bis ins Viertelfinal vorstieß und sogar im Vorfeld in Roehampton bei einem Rasenevent einen Turniersieg einfahren konnte. Aber trotzdem ist heuer irgendwie alles anders.
„Es ist ein komplett anderes Turnier und eine ganz andere Erfahrung. Ich freue mich riesig darauf, hier als Profi an den Start zu gehen“, sagte Jódar vor seinem ersten Auftritt auf Pro-Ebene im All England Club.
Erfolgreiches erstes Jahr als Profi
Die rasante Entwicklung des Spaniers kommt nicht von ungefähr. Der ehemalige College-Spieler der University of Virginia hat sich in seinem ersten Jahr auf der Tour schnell an das höhere Niveau angepasst.
„Ich glaube, ich habe mich als Spieler enorm weiterentwickelt. Ich habe in allen Bereichen meines Spiels Fortschritte gemacht. Jede Woche gegen starke Gegner anzutreten, bringt unglaublich viel Erfahrung und zeigt dir, woran du in den Trainingswochen arbeiten musst. In den vergangenen sechs Monaten als Profi habe ich sehr viel gelernt. Es ist ein Prozess, und man muss akzeptieren, dass Ergebnisse manchmal Zeit brauchen. Wenn man hart arbeitet und an den eigenen Weg glaubt, kommen die Erfolge irgendwann von selbst.“
Dabei orientiert sich Jódar zwar an den größten Namen des Sports, möchte jedoch seinen eigenen Weg gehen.
„Als ich jünger war, habe ich Rafa, Novak und Roger bewundert, heute gehören auch Carlos und Jannik dazu. Sie haben Unglaubliches für den Tennissport geleistet. Trotzdem ist es für mich am wichtigsten, meinen eigenen Weg zu gehen und an mein eigenes Spiel zu glauben. Natürlich lernt man viel, wenn man ihnen zusieht oder sogar gegen sie spielt. Man spürt die Geschwindigkeit ihrer Schläge und sieht, wie sie die entscheidenden Momente eines Matches angehen. Solche Erfahrungen zeigen einem, wo das höchste Niveau liegt und woran man arbeiten muss, um dieses Level eines Tages selbst zu erreichen.“
Einstieg in die Rasensaison mit Verspätung
Vor seinem Wimbledon-Debüt musste Jódar jedoch zunächst eine kleine Verletzung überstehen. Kurz vor dem geplanten Start im Londoner Queen's Club traten Beschwerden im Bauchmuskel auf, die ihn zur Absage zwangen.
„Zwei Tage vor meinem letzten Turnier habe ich im Training Beschwerden gespürt. Vor Ort waren ATP-Physiotherapeuten und mein Vater, deshalb habe ich das sofort angesprochen. Wir haben vorsichtshalber ein MRT gemacht. Die Untersuchung zeigte, dass es besser wäre, eine Pause einzulegen, damit die Verletzung nicht schlimmer wird.“
Nach einer Rehabilitationsphase in Spanien reiste der Teenager frühzeitig nach London, um sich optimal auf den Rasen an der Church Road vorzubereiten.
„Ich habe eine Woche in Madrid intensiv an der Rehabilitation gearbeitet“, erklärte Jódar. „Danach bin ich früh nach Wimbledon gereist, um genügend Zeit für die Umstellung auf Gras zu haben. Deshalb habe ich mich auch gegen einen Start in Eastbourne entschieden. Rückblickend war das die richtige Entscheidung. Diese zusätzlichen Trainingstage haben mir sehr geholfen. Jetzt fühle ich mich sehr gut und bin zu 100 Prozent bereit.“
Die kurze Rasensaison stellt für viele Spieler eine besondere Herausforderung dar – für Jódar umso mehr, da Wimbledon sein einziges Turnier auf diesem Untergrund in diesem Jahr sein wird.
„Ich habe mich so gut wie möglich vorbereitet. Es gibt nur wenige Wochen im Jahr, in denen auf Rasen gespielt wird. Da ich kein Vorbereitungsturnier bestreiten konnte, ist Wimbledon mein einziges Rasenturnier in dieser Saison. Trotzdem habe ich die Woche hier optimal genutzt. Ich bin mit dem Niveau meiner Trainingseinheiten sehr zufrieden und weiß, dass ich alles getan habe, um bestmöglich vorbereitet zu sein.“
Anpassung des Spielstils
Besonders die Umstellung von Sand auf Rasen erfordert eine völlig andere Herangehensweise.
„Das geht alles sehr schnell. Kaum ist Roland Garros vorbei, hat man ein paar Tage Pause und spielt schon auf Rasen“, konstatierte Jódar. „Für mich ist das alles neu, deshalb lernen wir noch dazu. Ich habe festgestellt, dass man sich auch Erholungszeit nehmen muss und nicht jedes Turnier spielen kann. Das Spiel auf Rasen ist komplett anders. Alles ist deutlich schneller, deshalb sind Aufschlag und Return noch wichtiger. Man muss seine Denkweise völlig umstellen. Auf Rasen kann jeder Punkt sehr schnell entschieden werden – deshalb muss man von der ersten bis zur letzten Ballwechsel hochkonzentriert sein.“
Auch körperlich verlangt der Belag Anpassungen.
„Die Schuhe sind anders und man muss deutlich kleinere Schritte machen, sonst rutscht man leicht weg. Da ich als Kind kaum auf Rasen gespielt habe, ist diese Oberfläche für mich noch relativ neu. Trotzdem freue ich mich sehr auf diese Herausforderung und möchte das Turnier bestmöglich angehen.“
Erfolgreicher Auftakt gegen Gill
Im Match gegen Felix Gill, stand Jódar allerdings ehr selten vor großen Challenges. Nur einmal musste der Spieler vom Club de Tenis Chamartín seinen Aufschlag abgeben und verließ am Ende nach einer Stunde und 56 Minuten souverän als Sieger den Platz.
Dementsprechend zufrieden gab er sich auch im Anschluss, lobte aber auch seinen Gegner. „Felix hat es mir nicht leicht gemacht, und seine Wildcard absolut gerechtfertigt. Insgesamt bin ich aber meiner Performance heute sehr glücklich. Es war toll mein Debüt bei diesen prestigeträchtigen Turnier auf einem Show-Court vor so vielen Zuschauern bestreiten zu können.“
Fußball als Nebensport
Abseits des Tennis verfolgt Jódar in London natürlich auch die Fußball-Weltmeisterschaft und sorgt dabei mit einem Augenzwinkern für gute Stimmung.
„Ja, ich schaue mir einige Spiele an – vor allem die Abendspiele. Es ist schön zu sehen, dass Spanien erfolgreich ist. Ich bin großer Fußballfan und spreche auch mit anderen Spielern darüber, wie unsere Nationalteams spielen. Mit den Italienern momentan eher nicht.“, lachte Jódar. „Ich habe neulich mit Matteo Berrettini trainiert – der wollte über die Weltmeisterschaft lieber nicht sprechen.“
Nun richtet sich der volle Fokus aber auf sein Zweitrundenmatch. Am Mittwoch trifft Jodár dann auf seinen Landsmann Pablo Carreno Busta.
