"Riesenfehler" und Doppelfehler: Zverev kämpft mit sich und der Corona-Vergangenheit
Alexander Zverev machte in den vergangenen Monaten nicht immer die glücklichste Figur - das sollte sich auch beim ATP-Masters-1000-Turnier von Cincinnati nicht ändern.
von Jörg Allmeroth
zuletzt bearbeitet:
25.08.2020, 23:41 Uhr

Als Alexander Zverev später an diesem ersten Arbeitstag seit einem halben Jahr von „Riesenfehlern“ sprach, hätte man glatt meinen können, es sei um den Sport gegangen. Um sein Tennis, um das groteske Ende seines Matches gegen Altmeister Andy Murray, um die fünf Doppelfehler, die er am Montag in den letzten beiden Aufschlagspielen fahrig und angespannt produzierte. Um die 3:6, 6:3, 5:7-Niederlage, die er sich mit seiner alten, neuen Nervenschwäche eingehandelt hatte. Aber es ging doch eher selbstverständlich um Zverevs seltsame Auftritte bei der seltsamen Adria-Tour im Corona-Frühling, um ausgelassene Partyexzesse, um missachtete Abstandsregeln, um nicht eingehaltene Quarantäneversprechen. Ja, ein „Riesenfehler“ sei das gewesen, sagte Zverev, es klang dramatisch, aber auch ein wenig pflichtschuldig, nicht nach großer Einsicht und Verstehen des Großen und Ganzen. Er habe ja niemanden in Gefahr gebracht außer sich selbst, gab Zverev auch zu Protokoll im Gespräch mit einem deutschen Agenturjournalisten, sieben Mal sei er damals negativ getestet worden, er könne das auch beweisen. Die Kritik „der Leute“ könne er verstehen.
Zverev wird diese Fragen noch einige Male gestellt bekommen, auch bei den US Open, bei denen er nächste Woche nun mit der Hypothek eines verkorksten Comeback-Matches ins Rennen gehen wird. Zverev wird dann womöglich auch Widerspruch ernten für vergleichbare Aussagen, vielleicht auch für die Anmerkung, er habe das Berliner Schauturnier Anfang Juli wegen Sicherheitsbedenken abgesagt. Ausgerechnet Berlin, das mit einem wohldurchdachten Hygienekonzept überzeugte und für andere Turniere den Weg zurück wies? „Mein Manager hat zu mir gesagt: Bleib´ zuhause“, erklärte Zverev. Befragt zu den Auswirkungen auf sein ohnehin nicht ganz blütenweißes, neu angekratztes Image, spielte Zverev auf einer bekannten Tonleiter: „In Deutschland ist es aber so: Du gewinnst, dann ist alles sensationell. Wenn du verlierst, ist es nicht so toll. Das ist auch im Fußball in Deutschland so.“
Aufholjagd bleibt unbelohnt
Wenn die Dinge so einfach wären, könnte Zverev womöglich auch ganz schnell manche sportliche Malaise abstellen. Aber wie ein Fluch verfolgt ihn an seinem Arbeitsplatz das leidige Aufschlagproblem, das kann er noch weniger abstellen als die Black-Outs und Fehleinschätzungen neben dem Centre Court. Gegen den wackeren Veteran Murray (33), den zweimaligen Olympiasieger und mehrfachen Grand Slam-Champion, geriet der 23-jährige Deutsche völlig aus der Fassung, nachdem er eigentlich nach einer bemerkenswerten Aufholjagd kurz vor dem Sieg gestanden hatte. Zverev machte im dritten Satz eines umkämpften Duells ein 1:4-Defizit wett, ging 5:4 in Führung, ehe er dann zwei Doppelfehler in Serie zum frustrierenden 5:5-Ausgleich produzierte.
Haarsträubend ging es dann auch weiter, beim 5:6-Rückstand folgten sofort zwei weitere Doppelfehler zum 0:30, davon konnte sich der Riese nicht mehr erholen. Spiel, Satz und Sieg gingen in der brütenden Hitze an Murray, der sich in den letzten Jahren mehr in Reha-Maßnahmen als in Tennisturnieren befunden hatte. Sein letztes Wettkampfmatch datierte schon zurück in den November 2019, zum Davis Cup-Finalturnier.
Vielspieler mit Problemen
Zverev versuchte sich damit zu trösten, „dass man nach der langen Pause einige verrückte Ergebnisse und Spiele sehen wird.“ Keiner wisse so recht, wo er stehe, es herrsche große Unsicherheit und Unwägbarkeit. Außerdem habe er ja beim Cincinnati-Turnier ja sowieso noch nie gewonnen. Allerdings erstaunte dann doch, dass ausgerechnet die Vielspieler der Corona-Zeit in New York nun einen kläglichen Auftakt erlebten. Auch der umtriebige Österreicher Dominic Thiem, wie Zverev ein Gast der fragwürdigen Adria-Tour, scheiterte bereits zum Auftakt des Masters, er ging in zwei Sätzen (2:6, 1:6) haushoch gegen den Serben Filip Krajinovic baden. Djokovic, der eigentümlich sorglose Organisator der Adria-Tour, schleppte sich mit Nackenproblemen zu einem mühseligen Erfolg gegen den Litauer Ricardas Berankis, zeigte gegen Tennys Sandgren dann aber eine deutlich bessere Leistung.
Anders als Djokovic, der in einem angemieteten Privathaus logiert, gehört Zverev zur großen „Tennis-Bubble“ – mehr als Pendeln zwischen einem Hotel auf Long Island und dem „Billie Jean King Tennis Center“ ist den Profis nicht erlaubt. „Es ist ein bisschen wie zu Juniorenzeiten. Es ist nicht das Four Seasons dort“, so der Deutsche, „da muss man jetzt durch.“
