Schiedsrichter-Legende Carlos Bernardes: "Manchmal kommentiere ich die Entscheidungen"
Nach mehr als 30 Jahren auf der Tennis-Tour und über 8.000 geleiteten Matches beendete der renommierte brasilianische Schiedsrichter Carlos Bernardes seine Karriere bei den ATP Finals 2024 in Turin. Der frühere Wimbledon-Final-Umpire gilt als eine der prägenden Persönlichkeiten seines Berufsstandes. Zum Interview kommt er bestens gelaunt.
von Florian Heer
zuletzt bearbeitet:
15.04.2026, 18:39 Uhr

Von Florian Heer aus Monza
Heute lebt Carlos Bernardes in Bergamo und ist aber weiterhin im Tennissport aktiv – so war er als Turnierdirektor bei der Erstausgabe des ATP Challenger 50 Romagna Tennis Cups im Februar im italienischen Cesenatico im Einsatz. Am Rande der Monza Open haben wir ihn vergangene Woche zum Gespräch getroffen.
Tennisnet: Carlos, was führt Sie nach Monza?
Carlos Bernardes: Meine Frau arbeitet hier im offiziellen Review-Team, und ich hatte die Möglichkeit, als Zuschauer mitzukommen. Ich war schon im letzten Jahr hier, das war schön, aber dieses Jahr machen die Organisatoren einen unglaublichen Job. Die Tribünen sind seit Beginn der Qualifikation am Sonntag voll. Es ist toll zu sehen, dass die Leute nicht nur wegen der italienischen Spieler kommen, sondern Tennis allgemein genießen.
Tennisnet: Sie sind mittlerweile auch als Turnierdirektor tätig, zuletzt beim Romagna Cup in Cesenatico. Wie war diese Erfahrung?
Bernardes: Es war sehr interessant, einmal die Perspektive der Veranstalter kennenzulernen. Man ist viel im Austausch mit den Spielern. Das Team vor Ort hat einen großartigen Job gemacht. Zu dieser Jahreszeit ist in der Region Emilia-Romagna eigentlich nichts los – viele Hotels sind geschlossen, die Stadt wirkt wie ausgestorben. Durch das Turnier kamen viele Menschen, und es war ein großer Erfolg. Auch Bürgermeister und Stadtvertreter waren sehr zufrieden. Insgesamt eine sehr gute Erfahrung. Im Mai werde ich auch Turnierdirektor beim Challenger in Cervia sein.
Tennisnet: Was hat Sie in Ihrer neuen Rolle am meisten überrascht?
Bernardes: Dass einige Spieler die Abläufe nicht wirklich kennen. Gerade diejenigen aus niedrigeren Turnierkategorien lesen teilweise nicht einmal das Fact Sheet – etwa Fristen für Hotelbuchungen oder was passiert, wenn man diese verpasst. Ich hatte einige Gespräche mit Spielern über solche Regeln.
Tennisnet: Worin wird sich das Turnier in Cervia von Cesenatico unterscheiden?
Bernardes: Es findet zu Beginn der Hochsaison statt, das Wetter wird besser sein und es wird draußen gespielt. Ich denke, es werden mehr Zuschauer kommen – auch weil die Tage länger und sonniger sind. Mal sehen, wie es sich entwickelt.
Tennisnet: Vermissen Sie den Stuhl, wenn Sie hier als Zuschauer sind?
Bernardes: Nein (lacht), nicht das Schiedsrichtern selbst, aber die Menschen. Ich habe hier einige Kollegen getroffen, die ich seit über zehn Jahren nicht gesehen habe. Das ist wirklich schön.
Tennisnet: Sie haben auch auf Challenger-Ebene begonnen. Welche Erinnerungen haben Sie daran?
Bernardes: Da gibt es viele lustige Geschichten. Einmal waren wir in einem Hotel ohne Sterne – und der einzige Stern warst du selbst (lacht). Es hat geregnet und wir hatten Wasser im Zimmer, es war ein Desaster. Damals haben wir uns oft zu dritt oder viert ein Zimmer geteilt, um Geld zu sparen. Es ist beeindruckend zu sehen, wie professionell die Tour heute geworden ist. Ich bin seit 40 Jahren dabei und habe die Entwicklung hautnah miterlebt.
Tennisnet: Haben Sie noch Kontakt zu anderen Offiziellen?
Bernardes: Ja, mit einigen stehe ich in Kontakt. Manchmal sehe ich sie im Fernsehen und kommentiere ihre Entscheidungen (lacht). Durch den Tour-Kalender hat man manche Kollegen nur selten, andere fast jede Woche gesehen. Für viele der heutigen Schiedsrichter war ich früher so etwas wie ein Lehrer. Dieses Netzwerk ist wie eine zweite Familie.
Tennisnet: Wie sehen Sie die Zukunft des Schiedsrichterwesens im Zeitalter neuer Technologien?
Bernardes: Das betrifft nicht nur den Sport, sondern unser ganzes Leben. Mit künstlicher Intelligenz und automatisierten Systemen verändert sich vieles. Für Schiedsrichter bedeutet das, dass die direkte Kommunikation mit den Spielern weniger wird. Ihre Rolle verschiebt sich – sie erklären mehr für das Publikum oder das Fernsehen, was auf dem Platz passiert. Früher haben wir als Linienrichter viel vom Stuhlschiedsrichter gelernt, wie er mit den Profis umgeht. Außerdem haben die Spieler heute weniger Ausreden, weil Entscheidungen technisch überprüft werden. Das ist eine Herausforderung für alle.
Tennisnet: Wenn Sie ein Match auswählen müssten, für das Sie ein Ticket kaufen – welches wäre das?
Bernardes: Ich mag Alexander Bublik und seine Spielweise. Er bietet mit seiner Technik immer eine Show und ist für jeden Gegner gefährlich. Auch Carlos Alcaraz gefällt mir sehr, besonders seine Kreativität. Es gibt nicht mehr viele „Magier“ wie früher, etwa Fabrice Santoro. Aber ein Match zwischen Bublik und Alcaraz – das würde ich mir auf jeden Fall anschauen.
Tennisnet: Vielen Dank und viel Erfolg bei den Turnieren.
