Dr. Himmelspach vom Krankenhaus Tabea: „Die Schulter ist besonders anfällig!“

Gerade im Tennissport kommt es häufig zu Verletzungen im Gelenkbereich, besonders an der Schulter. Hiervon ist aktuell zum Beispiel Mischa Zverev betroffen aber auch andere Profis hat das herbe Los der Schulterverletzung schon ereilt. Deshalb wird tennisnet.com in Kooperation mit dem Krankenhaus Tabea in einer Sonderreihe zu Verletzungen in der Schulter von Ursachen über Behandlungen bis hin zur Prävention einen Blick auf diesen vom Tennisspiel gebeutelten Körperteil werfen.

von tennisnet
zuletzt bearbeitet: 12.03.2018, 14:30 Uhr

Die sportorthopädische Spezialpraxis in der Tabea-Klinik in Hamburg

Das Krankenhaus Tabea in Hamburg ist ein hoch spezialisiertes Krankenhaus für alle Formen und Schweregrade von orthopädischen und neurochirurgischen Erkrankungen des Bewegungsapparats. Die renommierte chirurgische Spezialklinik wurde vom Focus kürzlich beim größten deutschen Krankenhausvergleich als ausgewählte TOP-Klinik für Orthopädie und Endoprothetik ausgezeichnet und zählt damit in diesem Bereich zu den besten Krankenhäusern in ganz Deutschland.

Bestandteil des Zentrums für Orthopädische Chirurgie am Krankenhaus Tabea ist die Abteilung Sportorthopädie und arthroskopische Chirurgie, in der man sich auf die Behandlung von Krankheitsformen in verschiedenen Gelenken spezialisiert hat. Unter der Leitung von Chefarzt Dr. Mathias Himmelspach werden hier vor allem Patienten mit Schulter- oder Knieproblemen und Sportverletzungen behandelt.

Zum Auftakt unserer Reihe gaben Dr. Mathias Himmelspach und sein Kollege Dr. Nils Farhan im Interview Einblicke in die Abteilung und die tägliche Arbeit, bevor in Teil zwei der Reihe die Ursachen von Schulterverletzungen im Tennissport in den Fokus genommen werden.

tennisnet: Ihre Abteilung läuft unter dem Namen "Abteilung für Sportorthopädie und arthroskopische Chirurgie" - was kann man sich darunter vorstellen?
Tabea: In unserer sportorthopädischen Spezialabteilung sehen wir in der Regel die Patienten, die sich schon lange in ärztlicher Behandlung befanden und unter persistierenden Beschwerden leiden. Unsere Aufgabe ist es dann herauszufinden, was die Ursachen für die Beschwerden sind und die richtige Therapie für jeden einzelnen individuell festzulegen.

Bevor aber therapiert werden kann, steht immer eine genaue Anamnese, ergänzt durch eine gezielte sportmedizinische ganzheitliche Untersuchung im Vordergrund.

tennisnet: Wie viel Erfahrung haben Sie in diesem medizinischen Bereich - wie lange besteht die Abteilung in dieser Form?
Tabea: Seit über 20 Jahren beschäftige ich mich beruflich mit Beschwerden von Sportlern. Vor fünf Jahren konnte ich mir einen Traum erfüllen und eine eigene Sportabteilung nach meinen Vorstellungen im Krankenhaus Tabea aufbauen.

tennisnet: Wie viele Ärzte und Teammitglieder sind dort involviert?
Tabea: Zunächst habe ich alleine angefangen, mittlerweile leite ich ein Team als Chefarzt, werde hervorragend unterstützt durch meinen Kollegen Dr. Nils Farhan sowie durch Assistenzärzte, welche sich in diesem Bereich fortbilden.

tennisnet: Auf welches Gelenk oder Gebiet sind Sie spezialisiert?
Tabea: Wir sind spezialisiert auf chirurgisch-orthopädische Eingriffe im Bereich des Kniegelenkes und der Schulter sowie die Behandlung von typischen Sportverletzungen, zum Beispiel Achillessehnen- oder Bizepssehnenrupturen.

tennisnet: Wie kam es zu Ihrer Spezialisierung?
Tabea: Man muss sich spezialisieren, wenn man auf höchstem Niveau arbeiten möchte, gleichzeitig braucht man auch ein komplexes Körperverständnis, weil sich die einzelnen Gelenke gegenseitig beeinflussen. Das hat mich immer fasziniert und lässt sich in der Sportmedizin wunderbar anwenden. So beeinflusst zum Beispiel ein erkranktes Hüftgelenk die Stellung des Kniegelenkes. Eine Bewegungseinschränkung in der Wirbelsäule führt zu einer Fehlbelastung der Schulter und so weiter. Das Schultergelenk ist das beweglichste Gelenk des Körpers und im Tennis besonders verletzungsanfällig. Das Kniegelenk ist das größte Gelenk und enormen Belastungen in diesem Sport ausgesetzt.

tennisnet: Welche Methoden wenden Sie zu den speziellen Behandlungen an? Überwiegen die Operationen oder werden meist ambulante Behandlungen durchgeführt?
Tabea: Das Wichtigste ist die genaue Anamnese. Wann treten die Beschwerden auf, während des Spiels oder danach? Seit wann bestehen die Probleme, gab es Verletzungen? Als nächstes schließt sich eine sportmedizinische Untersuchung an, mit Überprüfung der Beweglichkeit, speziellen Muskeltests und Funktionstests. Dann hat man schon eine ziemlich sichere Vorstellung von der Diagnose, die dann durch die apparative Diagnostik wie Ultraschall, Röntgen und MRT/CT ergänzt wird. In vielen Fällen empfehlen wir eine nichtoperative Behandlung, insbesondere bei Überlastungsschäden. Bei Unfällen mit Band- oder Knorpelverletzungen kommen operative Maßnahmen eher in Betracht, die wir möglichst minimalinvasiv mit der Schlüssellochtechnik (Arthroskopie) behandeln. In der Regel bleiben die Patienten zumindest ein bis zwei Tage stationär im Krankenhaus.

tennisnet: Warum treten gerade beim Tennis häufig Probleme mit der Schulter auf? Welche Rolle spielt dieses Gelenk bei der Schlagbewegung?
Tabea: Tennis ist eine anspruchsvolle, faszinierende Sportart mit abrupten Abbremsmanövern und schnellen Richtungswechseln, die ein hohes Maß an Koordination erfordert. Das Schultergelenk ist das beweglichste Gelenk des Körpers - leider auf Kosten der Stabilität. Hierdurch wirken auf den Bewegungsapparat, insbesondere auf die Muskeln und Sehnen, große Kräfte, wodurch leicht Verletzungen entstehen können.

tennisnet: Welche akuten Verletzungen treten beim Schultergelenk auf und was sind die Auslöser für diese Art von Verletzung?
Tabea: Akute Schulterverletzungen stellen im Tennissport eher die Ausnahme dar. Rupturen der Bizepssehne durch Schlag mit dem überstreckten Arm oder Schulterluxationen und AC-Gelenkssprengungen als Folge eines Sturzereignisses kommen vor.

tennisnet: Welche Symptome treten auf?
Tabea: Im Falle einer Bizepssehnenruptur kann ein Bluterguß im Oberarm entstehen, manchmal ist eine Verformung des Muskels sichtbar. Bei einer Schulterluxation kommt es zu starken Schmerzen und Bewegungseinschränkung, teilweise mit Gefühlstörungen bis in die Finger. Ist das AC-Gelenk gesprengt, ist es druckschmerzhaft und das Schlüsselbein steht höher.

tennisnet: Wie werden diese behandelt?
Tabea: Immer individuell. Manchmal kann die verletzte Bizepssehne refixiert werden. Die ausgekugelte Schulter muss zunächst wieder eingerenkt werden. Dann hängt es unter anderem vom Ausmaß der Verletzung ab, ob und wie operiert werden muss. Auch bei der AC-Gelenksprengung hängt es vom Grad der Verletzung ab, ob operiert werden muss oder nicht.

tennisnet: Wie lange wird die Rehabilitationszeit sein?
Tabea: Das ist schwierig zu sagen. Meist dauert es mehrere Wochen, manchmal Monate.

tennisnet: Was muss nach der Behandlung beim Tennisspielen beachtet werden?
Tabea: In vielen Fällen ist es sehr hilfreich, die sogenannte Ausgleichsmuskulatur speziell zu trainieren und die Körperhaltung inklusive der Beweglichkeit der Schulter zu verbessern.

tennisnet: Wie kann solch einer Verletzung vorgebeugt werden?
Tabea: Kontinuierliches Beweglichkeitstraining, stabilisierende Übungen für das Schulterblatt aber auch des gesamten Rumpfes (Core Training) sind sinnvoll. Außerdem müssen Verletzungen konsequent ausgeheilt sein, bevor man wieder loslegt.

tennisnet: Welche chronischen Verletzungen treten beim Schultergelenk auf und was sind die Auslöser für diese Art von Verletzung?
Tabea: Im Bereich der Schulter sind es im Vergleich zur unteren Extremität weniger akute Verletzungen, sondern häufiger chronische Überlastungsschäden. So kommt es z.B. durch die immer wiederkehrende extreme Ausholbewegung des Schlagarmes beim Aufschlag zu einseitigen Anpassungsvorgängen der Gelenkkapsel, die, wenn sie nicht frühzeitig erkannt und therapiert werden, zu Schädigungen der Rotatorenmanschette führen können. Die Sportler klagen dann häufig nicht nur bei Belastung, sondern auch nachts über Schulterschmerzen, , die in den Oberarm ausstrahlen.

In schwierigen Fällen endet es in einer Kraftminderung des Armes. Sie können dann nicht mehr schmerzfrei Tennis spielen. Für das Entdecken dieser chronischen, strukturellen Veränderungen ist es unabdingbar, dass der Sportmediziner über Kenntnisse der sportartspezifischen Besonderheiten und Anforderungen verfügt.

tennisnet: Welche Symptome treten auf?
Tabea: Kraftminderung im Bereich des betroffenen Armes, Schmerzen, insbesondere nachts, mit Ausstrahlung in den Oberarm, persistierende Probleme trotz Sportpause und physiotherapeutischer Behandlung sind einige der Symptome.

tennisnet: Wie werden diese behandelt?
Tabea: Liegt ein Riss der sogenannten Rotatorenmanschette vor, empfiehlt sich beim jungen aktiven Sportler meist die Operation. Hier wird über eine Schlüssellochtechnik (Arthroskopie) die Sehne wieder am Knochen befestigt.

tennisnet: Wie lange wird die Rehabilitationszeit sein?
Tabea: Meistens mindestens 6 Monate, häufig dauert es auch ein Jahr, bis die Schulter wieder voll sportlich belastbar ist. Eine schnelle Genesung innerhalb weniger Wochen oder sogar Tage gibt es meiner Meinung nach im Bereich der Schulter nicht. Das Gelenk ist zu komplex muskulär geführt, und das feinsinnige Zusammenspiel der verschiedenen Muskeln für die extremen Bewegungen muss erst wiederhergestellt werden.

tennisnet: Was muss nach der Behandlung beim Tennisspielen beachtet werden?
Tabea: Viele Probleme resultieren aus einer zu schnellen, zu intensiven Belastung. An einem Tag als ambitionierter Hobbysportler Mitte 50 vier Turnierspiele zu absolvieren ist möglich, aber für die Gesundheit wenig förderlich.

tennisnet: Wie kann solch einer Verletzung vorgebeugt werden?
Tabea: Am besten ist es natürlich, wenn es gar nicht erst zu einer Verletzung oder Überlastung kommt. Dieses Risiko lässt sich zumindest mit vorbeugenden Maßnahmen, bestehend aus einer Kombination von Kräftigungs- und Bewegungsübungen, sowie einem speziellen sportartspezifischen Training minimieren.

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12.03.2018, 14:30 Uhr