Mit Taktik punkten: Ein Slice würde dem Spiel guttun

Der Slice ist heiß? Leider bei vielen nicht mehr. Dabei kann selbst ein mittelprächtiger Slice im Clubtennis große Dinge bewirken! Ein Auszug aus dem neuen Tennis-Buch Mit Taktik punkten: Die Kunst, über Tennis nachzudenken.

von Florian Goosmann
zuletzt bearbeitet: 21.09.2022, 08:05 Uhr

© Copress

Kommen wir zu einem der schönsten Schläge im Tennis: zum Rückhand-Slice. Er ist auf der Tour immer seltener zu bewundern. Power-Tennis dominiert in der Weltspitze, die beidhändige Rückhand wird ab der Kindheit im Drill-Training eingetrichtert und der gute alte Slice verliert an Bedeutung. Dabei ist er so wirkungsvoll! Und das selbst dann, wenn er nicht perfekt gespielt ist.

Der Lieblingsschlag von Ashleigh Barty

Steffi Graf (die Älteren unter euch werden sich erinnern) spielte kaum einen anderen Schlag auf der vermeintlich schlechteren Rückhandseite, und die Kombination aus Vorhandhammer und tiefem Slice war der Todesstoß für fast jede Gegnerin.
Auch der große Ken Rosewall (die sehr viel Älteren unter euch werden sich erinnern) spielte ihn wie kaum ein anderer. Auf die Frage, warum er denn nie eine Topspin-Rückhand gespielt habe, antwortete er einst: »Weil ich noch nie eine gebraucht habe.«

Das ist aus heutiger Sicht vielleicht übertrieben. Dennoch ist es schade, dass nicht nur auf der Tour, sondern auch im Verein kaum noch ein Slice zu sehen ist. Der Slice macht Spaß, wenn man gelernt hat, mit ihm zu spielen. Dann ist er sogar als Angriffsball denkbar (als der er früher öfters genutzt wurde).

Ashleigh Barty war eine der wenigen Spielerinnen, die eine beidhändige Rückhand spielte, aber dennoch einen genialen Slice im Repertoire hatte – und diesen häufig einsetzte. Bartys Slice war neben Nadals Topspin wohl der unangenehmste Schlag im Welttennis, weil er extrem flach absprang und für ihre Mitspielerinnen so ungewohnt war. Aus der Defensive zirkulierte Barty meist einen langen, langsamen Slice über die gesamte Platzhälfte und verschaffte sich damit Zeit und Raum, um wieder in die Mitte zu rücken; war sie selbst am Drücker, senste sie auch mal einen Slice die Linie entlang, bissig und gemein, mit extra Schnitt nach außen. Und beim Return chippte Barty den gegnerischen Aufschlag gerne kurz und flach zurück, wie Roger Federer. Der Schweizer Maestro hatte diesen Ball perfektioniert, der so unscheinbar wirkt, aber den Gegner so dumm aussehen lässt, weil der einfach nichts damit anfangen kann, gefangen im Niemandsland zwischen T-Linie und Grundlinie.

Darum sieht man den Slice immer seltener

So selten der Slice mittlerweile bei Erwachsenen zu sehen ist – im Jugendbereich ist er fast komplett ausgestorben. Der Grund ist auch hier simpel: Neun von zehn Kids lernen eine beidhändige Rückhand, die es alleine aus technischer Sicht schwieriger macht, einen guten Slice und entsprechend auch guten Volley zu beherrschen. Zudem »braucht« man als Beidhänder selten einen Slice. Während der Einhänder ohnehin oft nur über eine eher schwache Topspin-Rückhand verfügt und sich mit dem Slice vor hohen Bällen retten kann (und ihn so quasi lernen MUSS), ist der Beidhänder auch bei Bällen über Schulterhöhe einfach aus dem Schneider: Durch die Unterstützung der freien linken Hand kann er dem Ball auch ziemlich weit oben noch genügend Druck hinterhergeben.

Genau das ist eure Chance!

Warum einen Schlag lernen, den man ohnehin nicht braucht? Genau darum: weil ihn auch auf gegnerischer Seite kaum noch jemand kennt. Und so kaum damit umgehen kann. Gegen meinen ehemaligen Tennisschüler D., der mittlerweile drei Klassen höher spielt, als ich es je getan habe, hilft mir mein Slice heute noch ungemein. Und der Schlag hat mir neulich ein zweifelhaftes, aber ehrliches Kompliment eingebracht: »Das ist total ungewohnt, keiner spielt mehr so wie du«, kommentierte D., als ich ihm mit gefühlvollen Slice-Bällen einen Elfer-Satz abgeknöpft hatte. Warum der Slice so wirkungsvoll ist? Selbst wenn er mit nur wenig
Rückwärtsdrall geschlagen ist, verändert er den Rhythmus des Ballwechsels; er bringt den Gegner, der sich über mehrere Ballwechsel an gleichmäßig abspringende Bälle gewöhnt hat, aus dem Konzept. Der Slice zwingt ihn dazu, unter den Ball zu gehen, ihm mehr Topspin mitzugeben und die müden Knochen für die tiefen Bälle weiter nach unten zu verlegen.

Fangt erst mal klein an

Lasst euch von einem Trainer die Slice-Technik zeigen (oder schaut bei Ash Barty rein) und beginnt damit, im T-Feld über kurze Distanz zu slicen. Ohne großartige Ausholbewegungen oder Ausschwünge. Klappt? Dann geht weiter nach hinten und versucht, auch innerhalb einiger Ballwechsel auf kurze Bälle des Gegners den Slice einzusetzen. Wenn ihr euch einigermaßen sicher fühlt, nutzt eure neue Waffe auch in der Medenrunde. Nicht gleich bei kritischen Spielständen, aber immer mal wieder zwischendurch. Denn selbst wenn der Slice zunächst nicht optimal auf der Gegenseite ankommt, sondern womöglich zu lang, zu kurz, zu hoch und mit zu viel Rückwärtsdrall, wird der Gegner überrascht sein. Und euch mit einigen Fehlern belohnen.

Hinterlistiger Tipp

Und das Beste: Gerade jetzt könnt ihr den Slice wunderbar trainieren, im Spätsommer und dann im Winter. Um ihn im Sommer zur Medenrunde einzusetzen!

Anfangs ist dabei oft schwierig, ein Gefühl für die richtige Länge zu bekommen. Aber das macht nichts. Springt euch der Slice viel kürzer ins gegnerische Feld als geplant, lasst euch im Match nichts anmerken. Im Gegenteil: Euer Gegner wird glauben, dass ihr nicht nur den Slice beherrscht, sondern auch den Stopp!

© Copress

Mit Taktik punkten: Die Kunst, über Tennis nachzudenken ist vor Kurzem erschienen. Bestellen könnt ihr es unter anderem bei Amazon, Thalia, Hugendubel oder beim Copress-Verlag. Und natürlich bei der Buchhandlung eures Vertrauens!

Hier könnt ihr etwas reinblättern.

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