Thiem´s 7: Karen Khachanov im Interview - „Für mich ist Nick Kyrgios ein guter Typ“

Karen Khachanov hat sich am Donnerstagabend mit einem Sieg gegen Matteo Berrettini ehrenvoll von „Thiem´s 7“ in Kitzbühel verabschiedet. Im Interview mit tennisnet spricht der Russe über die Corona-Zeit in Russland, Ungerechtigkeiten im neuen Ranking-System und auch ein wenig über Nick Kyrgios.

von Jens Huiber
zuletzt bearbeitet: 10.07.2020, 14:09 Uhr

Karen Khachanov hat sich aus Kitzbühel mit einem Sieg verabschiedet
© GEPA Pictures
Karen Khachanov hat sich aus Kitzbühel mit einem Sieg verabschiedet

tennisnet: Herr Khachanov. Sie waren jetzt zum zweiten Mal in Kitzbühel. Konnten Sie Ihre Familie mit ihrem Sohn mit nach Tirol nehmen?

Karen Khachanov: Nein. Leider war es wirklich kompliziert, in die Europäische Union einzureisen. Ich bin froh, dass ich kommen konnte, aber meine Familie ist nicht hier.
tennisnet: Wir haben gehört, dass Sie in den vergangenen Monaten kaum Tennis spielen konnten. Wie war und ist die Situation in Russland?

Khachanov: Ich habe zwar trainiert und versucht, mich während dieser dreieinhalb, vier Monate in Moskau körperlich in Form zu halten. Ich habe Tennis nur gespielt, um nicht zu vergessen, wie man das macht. Aber ich hatte mein Team nicht um mich herum. Hier habe ich das erste Mal wieder meinen Coach getroffen. Das ist jetzt keine Ausrede. Aber es ist schwierig, sich richtig vorzubereiten und vor allem die ersten Matches gut zu spielen. In Österreich haben sie einen guten Job gemacht, eine eigene Liga gestartet. Dominic hat ja schon fast 20 Matches gespielt. Veranstaltungen wie diese hier in Kitzbühel sind sehr hilfreich, weil man Spielpraxis bekommt und an seinen Fehlern arbeiten kann.

tennisnet: Werden Sie vor dem Re-Start der Tour noch ein weiteres Event spielen?

Khachanov: Nächste Woche in Berlin, aber nur auf Hartplatz. Ich muss zunächst zurückreisen und meine Familie holen. Ich könnte zwar auch auf Rasen spielen, möchte aber lieber meinen Spielrhythmus wieder finden.

tennisnet: Jan-Lennard Struff hat hier angemerkt, dass er sich von der ATP nicht ausreichend informiert fühle.

Khachanov: Geht mir ganz genauso. Man weiß so viele Dinge nicht. Es gibt noch zu viele Unsicherheiten: Was wird passieren? Wo sollen wir starten? Wie sollen wir uns vorbereiten? Immerhin ist jeder Spieler in derselben Situation. Ich hoffe, dass sich das bald auflösen wird, und wir uns mit klarem Kopf vorbereiten können.

Khachanov - "Dieses System schützt die besten sechs bis acht Spieler"

tennisnet: Nach allem, was im Moment bekannt ist - planen Sie in New York zu spielen?

Khachanov: Ganz ehrlich: Darüber habe ich mit meinem Team noch nicht gesprochen. Aber ich tendiere eher dazu hinzufliegen. Natürlich ist es ein wenig riskant, aber im Moment ist es auch riskant, auf einen Markt zu gehen. Wir müssen ohnehin versuchen, mit dem Virus zu leben, unser normales Leben zu leben. Sonst explodiert einem der Kopf.

tennisnet: Wie gefällt Ihnen das von der ATP-Tour vorgestellte Ranking-Modell?

Khachanov: Dieses System schützt offensichtlich die besten sechs bis acht Spieler. Aus Sicht der normalen Weltrangliste ist es für mich in Ordnung, weil wir anstelle einer zehnmonatigen Saison nur ungefähr vier Monate haben werden. Aber was nicht fair ist, und wo ich überhaupt nicht zustimme, ist die Regelung hinsichtlich der Jahreswertung, des Race to London, wofür man die Punkte auch behalten soll: Natürlich werden alle die Turniere spielen, aber es gibt überhaupt keinen Druck. Weil die Top Sechs wissen schon jetzt, dass sie sicher in London spielen werden. Für den Rest von uns bleiben dann nur noch zwei Plätze übrig. Rafa und Daniil fahren zu den US Open, aber es kann ihnen egal sein, wenn sie früh verlieren.

tennisnet: Sie haben Daniil Medvedev erwähnt, Andrey Rublev ist hier in Kitzbühel - mit Ihnen stehen derzeit drei russische Spieler unter den Top 15. Warum?

Khachanov: Ich glaube, es gibt keine Zufälle, sondern für alles eine Erklärung. Unsere Generation hat in ihrer Entwicklung vieles richtig gemacht und die richtigen Entscheidungen getroffen. Das richtige Team ausgewählt. Und wir haben hart gearbeitet.

tennisnet: In den vergangenen Tagen hat Nick Kyrgios auf Twitter seinen Unmut gegenüber Dominic Thiem und Alexander Zverev kundgetan. Sie waren auf der anderen Seite des Netzes, als Kyrgios im vergangenen Sommer in der Umkleide zwei Schläger zertrümmert hat. Wie stehen Sie zum Australier?

Khachanov: Für mich ist Nick Kyrgios ein guter Typ. Wir haben gleichzeitig bei den Junioren gespielt. Er kennt uns gut, wir kommen aus derselben Generation. Er mag auf manche Leute auf dem Platz verrückt wirken, aber abseits des Courts ist er ein cooler Typ, wirklich sehr entspannt. Manchmal kommen halt Dinge vor, weil er von innen heraus zu viel Druck spürt. Natürlich ist er dafür verantwortlich, was er macht. Aber ich werde nicht darüber urteilen, ob es gut oder schlecht ist, was er macht.  

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