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US Open: Der Fall Paire und viele Fragen

Benoit Paire ist als erster Spieler in der Tennis-Blase von New York City positiv auf das COVID-19-Virus getestet worden. Die Verunsicherung unter den Kollegen ist groß.

von Jörg Allmeroth
zuletzt bearbeitet: 31.08.2020, 12:32 Uhr

Benoit Paire - derzeit in Isolation
© Getty Images
Benoit Paire - derzeit in Isolation

Als sich Benoit Paire am 18. August auf den Weg nach New York machte, war der kauzige Franzose noch bester Dinge. Aus dem Flieger am Pariser Airport Charles de Gaulle sendete der Weltranglisten-Dreiundzwanzigste ein Selfie mit Maske, dazu stand der Slogan zu lesen: „Richtung New York!! US Open.“ Doch seine komplizierte Dienstreise endete am Sonntagabend, 24 Stunden vor den ersten Ballwechseln des Geister-Grand-Slam, ebenso abrupt wie schmerzlich: Als erster Profi in der sogenannten Tennis-Blase im Big Apple wurde Paire positiv auf das Corona-Virus getestet.

Noch bevor der US-amerikanische Tennisverband USTA den Fall in einem dürren Communique ohne Namensnennung vermeldete, war Paire schon aus dem öffentlich einsehbaren Teilnehmerfeld auf der US Open-Webseite verschwunden. Gemäß des Corona-Regelwerks folgte auf den Positiv-Test der umgehende Ausschluss von dem Wettbewerb. Auch der Weg in die Heimat war Paire zunächst verbaut: Er musste sich, genau wie sein Coach Morgan Bourbon, in eine 10-tägige Quarantäne in seinem New Yorker Hotel begeben.

Paire ist meist in großem Profikreis unterwegs

Paire, ein Mann, der gewöhnlich keinem Partyvergnügen abgeneigt und meist im großen Profikreis unterwegs ist, soll bei einer Befragung angegeben haben, in New York mit wenigstens 30 Personen in Kontakt gewesen zu sein. Das französische Fachblatt „L´Equipe“ sprach von elf Spielern, die sich sogar in engerem Kontakt zu Paire befunden hätten, darunter wohl der langjährige Topmann Richard Gasquet, dazu Adrian Mannarino, Doppelspieler Edouard Roger-Vasselin und auch die prominente Spitzenfrau Kristina Mladenovic. Es erscheine fast „unvermeidlich“, dass weitere Positiv-Tests folgten, meinte am Sonntagabend der Coach eines südamerikanischen Akteurs.

Der Fall Paire warf gleich mehrere brisante Fragen auf, allen voran die Frage, wie sicher die sogenannte „Bubble“ in New York überhaupt ist. Schon in den letzten Tagen hatten mehrere Profis in internen Whats-App-Gruppen geklagt, dass in einem der beiden großen Spielerhotels auch andere Gäste ein- und ausgingen, man deshalb kaum von einem hermetisch abgeriegelten Bereich reden könne. Auch Busfahrer und andere Angestellte des Turniers seien nicht in die Bubble eingeschlossen, es sei ein Problem, auch wenn jede dieser Personen sich grundsätzlich strikt an die Hygieneregeln halten müsse. Eine flächendeckende Überwachung aller Beschäftigten sei indes gar nicht möglich.

Bricht das Kartenhaus zusammen?

Dass die mutmaßlich elf Spieler aus der näheren Umgebung Paires nicht ebenfalls in Quarantäne geschickt und vom Turnier ausgeschlossen wurden, sorgte bei vielen im Grand Slam-Troß für Unverständnis. Denn noch vor einer Woche hatten die Organisatoren des ATP-Masters auf dem Gelände der US Open den Argentinier Guido Pella und den Bolivianer Hugo Dellien sozusagen covid-disqualifiziert, nachdem ihr Fitnesscoach positiv getestet worden war. Der amerikanische Profi Noah Rubin, selbst in der Doppel-Konkurrenz engagiert, vermutete in einem Podcast-Beitrag, es habe „massiven Druck“ auf die USTA gegeben, den eigentlich unabwendbaren Grand Slam-Ausschluss nun nicht zu vollziehen: „Dabei ist das Regelwerk hier ganz klar.“ Er sei gespannt, wie die New Yorker Behörden diese Entwicklung bewerten und kommunizieren würden.

Nach Informationen aus Frankreich mussten die elf betroffenen Spieler ein Zusatzdokument unterschreiben, in dem sie sich zu noch schärferen Verhaltensregeln verpflichteten – u.a. das Verbot, sich in Gemeinschaftsräumen im Hotel aufzuhalten oder auf dem US Open-Gelände etwa persönlich zu Saitenbespannern zu gehen. „Das Ganze wirkt auf mich wie ein Kartenhaus, das in jedem Moment zusammenbrechen kann“, erklärte derweil eine Spielerin aus Osteuropa gegenüber einem befreundeten TV-Kommentator.

Paire, der Auslöser der Grand-Slam-Krise, war schon während der letzten Woche argwöhnisch beäugt worden. Denn nach seiner Ankunft in New York klagte der 31-jährige aus Avignon bald über körperliche Probleme. Bei seinem ersten und einzigen Auftritt, dem Masters-Auftaktspiel gegen den Kroaten Borna Coric, gewann er kein einziges Spiel und gab beim Stand von 0:6 und 0:1 wegen Magenschmerzen auf. Im offiziellen Statement der USTA zum Positiv-Fall hieß es, der Spieler sei in Sachen Corona „asymptomatisch“. Paire, ursprünglich als Nummer 17 der Setzliste im Grand-Slam-Turnier platziert, wurde durch den Spanier Marcel Granollers ersetzt.

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von Jörg Allmeroth

Montag
31.08.2020, 13:45 Uhr
zuletzt bearbeitet: 31.08.2020, 12:32 Uhr